Literatur Liebe in schweren Zeiten

Hanne Trautwein und Hermann Lenz am 30. Juni 1938 im Englischen Garten in München.

(Foto: Hermann-Lenz-Stiftung, München)

Ein Abend zum Briefwechsel Hanne Trautwein/Hermann Lenz

Von Antje Weber

"Weißt Du, ich bin eigentlich ein Mensch, der sich nie richtig freuen kann, mir fällt immer so ein schwarzer Kern in jede Freude, alles liegt wie unter Mehlstaub betäubt da und welk." Diesen trüben Satz adressierte Hermann Lenz im November 1938 in Stuttgart an seine Freundin Hanne Trautwein in München. Doch die Studentin ließ sich vom schwarzen Kern des Kommilitonen und jungen Schriftstellers nicht abschrecken: Nach zahlreichen Briefen in schweren Kriegsjahren - in denen Trautwein als sogenannte "Halbjüdin" in München gefährdet war, Lenz als Frontsoldat in Russland nicht minder -, heirateten die beiden 1946. Es folgten viele gemeinsame Jahrzehnte in Stuttgart und später in München, bis Hermann Lenz 1998 starb und Hanne im Jahr 2010.

Die beiden sind unvergessen. Das bezeugt in München nicht nur eine Stiftung, die beider Andenken wahrt; es wurde auch bekräftigt durch einen ausverkauften Abend im Literaturhaus, bei dem ein Großprojekt vorgestellt wurde: der mehr als 1000 Seiten umfassende Briefwechsel zwischen Hanne Trautwein und Hermann Lenz 1937-1946, erschienen im Insel-Verlag. Einführend interpretierte der Schriftsteller Peter Hamm die Beziehung des Paares so: "Schwärmerische Begeisterung" für die untergegangenen Zeiten eines Hofmannsthal, Schnitzler oder Stifter hätten die beiden zueinandergezogen, außerdem die Abscheu vor den Nationalsozialisten und die Angst. "Sublimation und Sorge" habe die Beziehung bestimmt, "Spuren von Liebesraserei" dürfe man jedenfalls nicht in den Briefen suchen. In denen sehe man auch, welche Schriftstellerin an Hanne Trautwein verloren gegangen sei; sie habe als Lektorin für das Grundeinkommen des Ehepaars gesorgt und ihrem Mann den nötigen "Abstand", ja auch häufiges Alleinsein für sein Schreiben ermöglicht.

Mit dieser Sichtweise war der als Experte angereiste Peter Handke allerdings nicht einverstanden. Handke hatte sich als junger Star der Literaturszene mit dem Ehepaar angefreundet, er beförderte 1973 auch den späten Erfolg von Hermann Lenz, mit einem Text in der Süddeutschen Zeitung übrigens. Hamms Interpretation nun schien Handke "zu sehr zugunsten von Hanne" auszufallen. An der sei keine Schriftstellerin verloren gegangen, denn man sehe an diesen Briefen: "Es ist da. Sie ist eine gewaltige Erzählerin." Und: "Keine Frau hat so schön die Liebe zu München erzählen können." Inwieweit im Übrigen die Liebe zwischen den beiden eine "erotische Beziehung" gewesen sei oder nicht? "Kein Mensch kann das beurteilen!"

Einig waren jedoch an diesem Abend alle mit Handke, dass der ja nicht auf Veröffentlichung ausgerichtete Briefwechsel, dieses "Werk ohne Projekt", in dieser Konstellation und Qualität außergewöhnlich ist. Bei einer anschließenden Lesung durch Rachel Salamander und Michael Krüger wurde deutlich, wie anschaulich tatsächlich insbesondere Hanne Trautwein das Leben zu Kriegszeiten darzustellen wusste. Um es versöhnlich mit Worten Peter Handkes zu sagen: "Das sind gewaltige Momente von beiden."