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Literatur:Lesen auf dem Land

Das Allgäu startet mit seinem ersten Literaturfestival und holt bekannte Autoren in die Region. Auch in Eichstätt kommen die Großen der Gegenwartsliteratur zum LiteraPur

Ba-dumm-dumm-dumm-tss macht es, und dabei bleibt es nicht. Philipp Scholz bearbeitet sein Schlagzeug auf eine sanfte Art und Weise. In der Manier der Jazzer trommelt er weich, aber schnell, unterlegt im Stakkato die Stimme von Nora Gomringer, der aktuellen Bachmann-Preisträgerin, die den Text dazu zieht, staucht, und ihn streckenweise fast wie die Trommeln selbst Silbe um Silbe rhythmisiert. Zusammen sind sie, Scholz und Gomringer, Schlagzeuger und Autorin, das Duo Wort Drum Dran, zusammen machen sie "Peng! Du bist tot!", ihr Programm, zusammen bringen sie Jazz und Lyrik. Dann wühlen sie in der Literaturgeschichte, vertonen die Stücke, greifen auch beim Eigenen zu. Am Dienstagabend um 20 Uhr eröffnen sie mit ihrer Crossover-Lesung im barocken Festsaal des Klosters Irsee das erste Allgäuer Literaturfestival. An 13 Orten, von Buchloe bis Lindenberg, von Bad Füssing bis Memmingen wird vom Dienstag, dem 31. Mai, bis zum Mittwoch, dem 11. Juni im Allgäu laut gelesen. Den Rahmen der Lesung durch verschiedene Vorgaben zu erweitern, nicht einfach nur vom Blatt vorzutragen, haben sich einige der insgesamt 15 Autoren vorgenommen.

So messen sie sich im Dichter-Wettbewerb, einem Poetry-Slam, wobei der Münchner Alex Burkhard am Mittwoch, 1. Juni, in Immenstadt und der Dichter Ko Bylanzky am Freitag, 10. Juni, darauf achten, dass das Zeitlimit von fünf Minuten pro Beitrag nicht überschritten wird. Der Sieger wird dann nach Dezibel gekürt - es zählt der stärkste Applaus. Der Poetry-Slam-Pionier Bas Böttcher nimmt seine fein artikulierten Texte ebenfalls mit nach Kempten. Musik und Text gehen derweil bei Gert Heidenreich und seinem Sohn Julian in Konkurrenz. Ihre Krimis haben die Allgäuerin Nicola Förg und der Deutsche Krimipreisträger von 2012 und 2014 Wolfgang Schorlau mitgebracht. Lena Gorelik untersucht hingegen die Eigenarten der Schriftsteller, von Friederich Schiller bis Georges Simenon und reflektiert so das Schreiben an sich.

"Wir wollten keine reinen Wasserglaslesungen", sagt Sylvia Heudecker, Studienleiterin der Schwabenakademie Irsee und Organisatorin des just geborenen Literaturfestivals. Aber sie will Literatur, herausragende und überregional bekannte. Und die will sie im Allgäu sehen. Denn das Allgäu stehe als Tourismus-Region vor allem für Sport und Freizeit. "Aber es gibt auch so viel mehr, auch an Kultur und an Orten, was hier zu fördern wäre", sagt Heudecker. So eben auch die Literatur, die mit dem Festival auch außerhalb der Metropolen erlebbar sein soll. Auch, wenn es manchmal schwierig sei, die Bewohner im ländlichen Raum für die ungewöhnlichen Lese-Formate zu begeistern. Deshalb hat sie vor zwei Jahren mit Thomas Kraft, dem künstlerischen Leiter und Ideengeber des Festivals, ein Konzept entworfen. Zunächst haben sie ungewöhnliche Orte gesucht, wie den Sitzungssaal im Landgericht Memmingen oder das Museum für zeitgenössische Kunst in Ottobeuren, und diese dann mit großen Namen besetzt. Zwischen 80 und 120 Personen finden dort Platz. Tickets verkaufen die einzelnen Veranstalter jeweils am Ort.

Die Entfernungen zwischen den Veranstaltungsorten sind zwar beträchtlich, aber dafür gäbe es auf dem Land die Möglichkeit, sich besser auf die Literatur einzulassen, da ist einfach weniger Ablenkung geboten, so Heudecker. Im Gegensatz zu einem Festival in der Stadt, müssen sich die Leute zusammentun, um zu den Lesungen zu gelangen. "Da die Bewohner untereinander aber so eng vernetzt sind, kommt aber vielleicht trotzdem ein Festival-Gefühl auf", hofft die Festivalleiterin. Ein Festival auf die Beine zu stellen und dann zu etablieren ist kein leichter Job. "Es war nicht immer einfach alle dreizehn Mitveranstalter unter einen Hut zu bekommen", sagt Heudecker. Trotzdem ist eine Fortsetzung in den nächsten zwei Jahren geplant. "Dann vielleicht auch mit den Allgäuern aus Baden-Württemberg", hofft die Organisatorin von der Schwabenakademie Irsee.

Bekannte Literatur in unbekanntere Orte zu bringen, scheint nicht nur im Allgäu ein Anliegen zu sein. Im oberbayerischen Eichstätt läuft das Literaturfestival seit vergangenen Montag und noch bis Freitag, 3. Juni in seiner 16. Ausgabe. Im Filmstudio des Alten Stadttheaters und in der Buchhandlung Rupprecht lesen Autoren wie Alexei Makushinsky und Catalin Dorian Florescu Texte, in denen sich das diesjährige Motto von Schicksal und Zufall spiegelt. Auch dort fehlt Nora Gomringer nicht, die nach ihrem Auftritt in Irsee nach Eichstätt weiterfährt. Dann zeigt sie bei "LiteraPur" am Donnerstag, 2. Juni, was sie allein macht und dass sie auch ohne Schlagzeug den richtigen Groove draufhat.

Allgäuer Literaturfestival, Di., 31. Mai, bis Mi., 11. Juni, verschiedene Orte, 083 41/90 66 61 www.allgaeuer-literaturfestival.de; LiteraPur16, bis Fr.,3. Juni, www.ku.de

© SZ vom 31.05.2016
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