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Literatur & Leben:Chronik der heiligen Zeit

Peter Kurzeck, Peter Kurzeck

Die Ich-Erzähler in seinem Romanzyklus „Das alte Jahrhundert“ schreiben dieselben Bücher wie er selbst: Peter Kurzeck.

(Foto: Sueddeutsche Zeitung Photo)

Peter Kurzecks Nachlass-Roman "Der vorige Sommer und der Sommer davor".

Von Jörg Magenau

Einmal hat Peter Kurzeck über den Schmerz gesprochen, der an ihm ziehe, ein sanfter, beständiger Schmerz. Er verglich sich mit einem Mann, der mit dem Rücken zur Fahrtrichtung im Zug sitzt und sich unentwegt von allem Sichtbaren verabschiedet, das vor dem Fenster an ihm vorüberzieht. Nichts von dem, was da entgleitet und verschwindet, will er verloren geben. Also beginnt er zu erzählen und begibt sich als Erzähler in einen Wettlauf mit der Zeit, in der schon wieder der nächste und der übernächste Moment verschwinden, während er noch mit dem vorigen beschäftigt ist.

Unentwegt war Peter Kurzeck damit befasst, Einzelheiten zu notieren und aufzubewahren. Er hat sich darin buchstäblich verzettelt, indem er alles, was beschreibbar war, beschrieb - von Bierdeckeln bis zu Teebeuteltüten. Am Abend schrieb er die gesammelten Notizen dann ab, schrieb sie dabei um und immer so weiter. Genauso verfuhr er auch mit seinen Manuskripten, die er mit Anmerkungen und Ergänzungen übersäte und immer wieder abschrieb. Er schrieb gegen die Vergänglichkeit an und tat das im Bewusstsein, dass jede Einzelheit und jeder Tag und jedes Wort nicht nur Teil seines Lebens, sondern eben auch bewahrenswert wären.

Es ist klar, dass er damit niemals fertig werden konnte. Als Kurzeck 2013 im Alter von 70 Jahren starb, hinterließ er ein Romanprojekt, das zunächst auf vier, dann auf sieben und schließlich auf zwölf Bände konzipiert war, von denen aber nur fünf fertig geworden sind. Weitere Bände dieser tendenziell unabschließbaren Chronik mit dem Titel "Das alte Jahrhundert" erscheinen nun peu à peu aus dem Nachlass, herausgegeben von Kurzecks langjährigem Lektor Rudi Deuble und dem Literaturwissenschaftler Alexander Losse. Es ist eine Sisyphos-Arbeit im Textgebirge, der die beiden sich unterziehen.

Kurzeck geht als Bewahrer der verlorenen Dinge in der Zeit eher rückwärts als vorwärts

Eigentlich wollte Kurzeck bloß die erste Hälfte des Jahres 1984 erzählen. Damals lebte er in Frankfurt am Main, seine Freundin Sibylle hatte sich von ihm getrennt, so dass er auch von dem geliebten Töchterchen Carina getrennt war, sie aber jeden Tag zum Kindergarten brachte und abholte - und allein diese Wege wollen alle und jeder einzelne beschrieben werden.

Kurzeck arbeitete damals an einem Roman über das hessische Staufenberg, das Dorf seiner Kindheit. Indem er in seiner Chronik diesen Schreibprozess nun selbst wieder zum Gegenstand des Erzählens machte, geriet auch die Frühzeit der Bundesrepublik in den Blick. Der überschaubare Zeitraum von sechs Monaten wuchs aber auch deshalb, weil zu jedem Augenblick die ihn begleitenden Gedanken und Erinnerungen gehören. "Die Gegenwart, das ist doch nicht einfach bloß jetzt", lautet einer der zentralen Kurzeck-Sätze. Umgekehrt gilt für jeden erlebten Augenblick, dass auch er "später einmal dein Leben gewesen sein wird". Das Einzige, was in diesem Zeitfluss allgegenwärtig ist, ist "die heilige Zeit" selbst. Sie ist der eigentliche Gegenstand der Romane Kurzecks, die also Zeit-Romane sind, in jeder Hinsicht.

"Der vorige Sommer und der Sommer davor" - nun als Band sieben der Chronik erschienen - gibt dieses prekäre Zeitverständnis schon im Titel zu erkennen. Vor jedem Früher liegt noch ein Davor, das erst erzählt werden muss, um das Jetzt zu begreifen. So ist Kurzeck hier - nachdem er in den vorigen drei Bänden in den Oktober 1983 zurückgekehrt war - im Sommer 1983 und dem des Jahres 1982 gelandet und beschwört darin die glückliche Zeit noch vor der Trennung. Auch die Freunde Jürgen und Pascal, die sich ebenfalls trennten und mit ihrem Restaurant in Südfrankreich Schiffbruch erlitten, sind hier noch zusammen. Es ist also ein helles, lichtdurchflutetes Erinnerungsbuch, in dem Kurzeck seiner alljährlichen Sehnsucht, dieser Sommer möge nie vergehen, erzählerisch nachgibt.

Große Teile des Romans, der ursprünglich Teil des dritten Bandes "Ein Kirschkern im März" sein sollte, lagen schon lange fertig vor, andere in Konzeptabschrift. Nur das letzte Kapitel ist Fragment geblieben. Im Anhang liefern die Herausgeber dafür rund hundert Seiten mit Notizen aus den Arbeitsmappen, denen auch zu entnehmen ist, dass das Sommerbuch etwa so enden sollte, wie es beginnt, nur dass es inzwischen Herbst geworden ist: Sibylle und Carina holen den Erzähler ab, er sieht sie auf sich zukommen, spürt schon ihre Nähe und weiß, "dass man immer erst nachträglich weiß". Der Schmerz über die Vergänglichkeit ist aber schon da.

Keine Frage, dass der Ich-Erzähler Peter mit dem Autor Peter Kurzeck identisch ist - er schreibt ja sogar dieselben Bücher. Um eine Autobiografie handelt es sich aber dennoch nicht, jedenfalls nicht um eine Biografie als klassischer Bildungs- oder Entwicklungsroman. Bei Kurzeck kann sich schon deshalb nichts entwickeln, weil er als Bewahrer der verlorenen Dinge in der Zeit eher rückwärts als vorwärts geht. Fortschritt kann es da nicht geben, und vielleicht ist Kurzecks Erzählbewegung auch ganz bewusst der Fortschrittsverfallenheit der Moderne entgegengesetzt.

Wenn er eine tote Schildkröte am Straßenrand beschreibt, läuft Kurzeck zu Höchstform auf

Die Fixierung der Augenblicke erschafft eine Art von Ewigkeit, in der die Wiederholung das wichtigste Stilmittel ist. So müssen der Weg zum Strand, der Strand und das Meer, die Schiffe, der Sand, das Vordach am gemieteten Haus und so weiter für jeden Tag neu erzählt werden. Als Leser verliert man sich notwendigerweise in all den unverzichtbaren Einzelheiten, macht aber auch beglückende Funde. Kurzeck produziert Schönheiten am laufenden Band, weil er die Dinge und die Menschen und erst recht die Tiere mit einer entschlossenen Zärtlichkeit betrachtet, die alles zu verzaubern und zu verwandeln vermag.

Dass das weder in Idyllik noch in Kitsch umschlägt, hat mit seiner verknappten, fast atemlosen Sprech- und Schreibweise zu tun, in der die meisten Verben weggelassen werden und die Sätze fast stichwortartig anmuten. Bei aller Langsamkeit des Sich-Ereignens ist dieser sammelnde Erzähler gehetzt und immer zu spät. In den Blick gerät dabei das zerstörerische Potenzial der Moderne. Wenn Kurzeck eine tote Schildkröte am Straßenrand beschreibt, die von einem Auto überfahren wurde, dann läuft er zur Höchstform auf. Zusammen mit der kleinen Tochter denkt er darüber nach, was im Kopf der Schildkröte vorging, warum sie womöglich die Geschwindigkeit des herannahenden Fahrzeugs falsch berechnet hat. Auch die Vögel sind bei Kurzeck denkende Wesen, die auf ihre Rechte pochen und voller Skepsis auf die Menschen schauen. Er belebt die Tiere, wie er auch die Dinge belebt, wenn Straßen oder Häuser auf den Erzähler zukommen und der Abend zu flüstern beginnt.

Diese Verzauberungen sind auch Versuche, sich in der Welt zu beheimaten. Das trieb Kurzeck seit seiner Kindheit an, die er als böhmisches Flüchtlingskind und also als Fremder in der hessischen Provinz verbrachte. Er empfand sich als einen, der überall fremd ist und deshalb immer auf den Horizont zugehe, immer unterwegs, als Künstler zuständig für die Vielfalt der Welt. Wenn Kurzeck als Autor von "Heimatromanen" gilt, ist diese Heimat durchsetzt von Fremdheit.

In "Der vorige Sommer" erobert er nun die Fremde, den französischen Süden, und macht sie sich zur Heimat. Die Öffnung zur Welt ist ein notwendiges Gegengewicht. Heimat ist für den Fremden überall, wenn es ihm gelingt, die Zeit anzuhalten. Doch das gelingt ihm nie. Aus diesem Schmerz heraus hat Peter Kurzeck Roman um Roman geschrieben, ohne je fertig zu werden. Man muss diese Bücher nicht von vorne nach hinten durchlesen. Kurzeck ist sowieso in jedem einzelnen Satz zu erkennen wie kein Autor sonst. Man kann seine Bücher überall aufschlagen und eintauchen in diesen Erinnerungsstrom, der die ganze Welt umarmen möchte.

© SZ vom 29.11.2019
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