Süddeutsche Zeitung

Literatur:Länder-Sache

Lesezeit: 3 min

Der Autor Gaël Faye liest in München

Von Antje Weber

Eigentlich möchte man in diesem Fall einfach nur mal hemmungslos losschwärmen. So in der Richtung: "Kleines Land" ist ein wirklich gutes Buch, das die Lektüre lohnt. Außerdem ist der junge Autor und Musiker Gaël Faye ein supernetter Typ, der Besuch seiner Münchner Lesung daher auch kein Fehler.

Aber ein bisschen Begründung wird an dieser Stelle ja nun auch erwartet. Daher, um mit dem Buch anzufangen, zunächst eine Bitte: Man sollte sich von der nun folgenden Zusammenfassung des Inhalts nicht abschrecken lassen. Denn es geht in Gaël Fayes Roman "Kleines Land" (Piper) im Kern um die ethnischen Spannungen zwischen Hutu und Tutsi, die in den Neunzigern in Burundi in einen Bürgerkrieg und im Nachbarland Ruanda in einen Völkermord mündeten. Doch nein, dieses Buch ist trotzdem kein Trauerspiel. In weiten Teilen wird es aus der Sicht des jungen Gabriel geschildert, der in Burundi als Sohn einer ruandischen Mutter und eines französischen Vaters aufwächst - und auch vom Glück in den Gärten der Kindheit erzählen kann. Die liegen in einem wohlhabenden Viertel Bujumburas, in dem befreundete Jungs Mangos klauen und Brieffreundschaften ins ferne Frankreich pflegen. Schnell ist allerdings klar, dass sich etwas zusammenbraut. Als Gabriel seinen Vater fragt, warum Hutu und Tutsi sich bekriegen, antwortet der nur: "Weil sie nicht die gleiche Nase haben." Doch dass etwas in der Luft liegt, riecht jeder, "egal, mit welcher Nase".

Dass Gaël Faye wiederum für all das eine gute Nase hat, ist natürlich kein Zufall, und hier kommt der Autor selbst ins Spiel. Die Grundsituation eines Kindes zwischen verschiedenen Welten ist seine eigene, auch wenn er im Buch viele biografische Details verändert hat. Und "die Gefühle sind dieselben", wie Faye beim Interview auf der Frankfurter Buchmesse erzählt. Gabriel allerdings habe, so glaubt er, "eine Luzidität, die ich nicht hatte. In seinem Alter spürte ich die Angst, die Leere, aber ich hatte keine Worte dafür."

Faye, 1982 in Burundi geboren, verlebte dort die ersten 13 Jahre seiner Kindheit, bevor er wegen des Bürgerkriegs nach Frankreich flüchtete - dort Rap-Kurse belegte und zu schreiben begann: "Wenn ich schrieb, beruhigte mich das." Nach einem Wirtschaftsstudium begann er zunächst eine Karriere in der Finanzwelt, "doch da fühlte ich mich nicht ich selbst". Daher gab er sich 2010 ein Jahr Zeit, um ein erstes Album unter dem Titel "Pili-Pili sur un croissant au beurre" herauszubringen: "Das hat gleich funktioniert!" An einen Roman wagte er sich erst Jahre später, ermuntert durch eine Verlegerin. Auch das hat funktioniert: "Petit Pays" wurde in Frankreich ebenfalls ein großer Erfolg und erhielt unter anderem den Prix Goncourt des Lycéens.

Gaël Faye fährt weiterhin zweigleisig: Er schreibt am nächsten Roman, wieder geht es um das Thema Identität. Und er nimmt ein neues Album auf, dafür wohnt er gerade wieder in Paris. Doch eigentlich lebt er seit ein paar Jahren mit seiner Frau und zwei Kindern in Ruandas Hauptstadt Kigali. Das Herkunftsland seiner Mutter kennenzulernen, war für ihn wie ein fehlendes Puzzleteil: "In Ruanda zu leben, ermöglicht mir, an meine Ursprünge anzuknüpfen." Dabei hat sich sein Bild von Ruanda verändert. Früher fragte er sich bei Besuchen bei jeder Begegnung: "Was hat der wohl gemacht während des Genozids? Hat er getötet, hat er jemanden gerettet?" Jetzt, da er dort lebt, lernt Faye auch mit der Geschichte zu leben. "Ich treffe Leute, die getötet haben, ja. Sie waren im Gefängnis, haben ihre Strafe abgesessen. Wir sind keine Freunde, doch man wohnt im selben Viertel, sagt sich Guten Tag."

Macht ihn das optimistisch für die Zukunft? "Man spricht vom ruandischen Wunder, Kigali ist eine moderne Stadt, es gibt wirtschaftliche und politische Stabilität", sagt er. "Aber es ist kein Wunder: Die Ruander arbeiten dafür. Sie arbeiten für den Frieden, für die Versöhnung." Das hält er für wichtig, auch in Europa: "Der Frieden ist immer etwas Fragiles. Wenn er attackiert wird, muss man sich engagieren." Denn "ein Genozid ist niemals eine Explosion", sagt er; immer gebe es kleinere Gewaltausbrüche, die ihm vorausgehen.

Wenn Fayes melancholischer Roman also überhaupt eine Botschaft hat, dann diese: wachsam zu sein. Daher glaubt Faye auch, Eltern sollten mit ihren Kindern über Politik sprechen. "Es ist nicht einfach", gesteht er. Wie kann er seiner siebenjährigen Tochter erklären, warum ihre ruandische Großmutter sterben musste? Aber er versucht es. Denn er selbst hat als Kind darunter gelitten, "keine Antwort auf meine Fragen zu bekommen". Dabei wäre es um so viel mehr gegangen als nur die richtige Nase.

Gaël Faye, Dienstag, 24. Oktober, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1

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Quelle:
SZ vom 21.10.2017
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