Süddeutsche Zeitung

Literatur:Kreuz oder quer

Ein poetischer USA-Roadtrip der Tschechin Sylva Fischerová

"Dies Land ist das fruchtbarste, das friedfertigste und das beste der Welt." So wird Amerika, nein, nicht in einem Tweet von Donald Trump beschrieben. Sondern in einem Brief von Christoph Columbus an den spanischen König, in dem er die Wunder, Grandiositäten der von ihm entdeckten Neuen Welt aufzählt. "Alles hier war von unermesslicher Schönheit, das Gras, wie in Andalusien im Monat April, und der Vögel so viele und so wunderschön, ich finde keine Worte." "Land of the free" und "God's own country" wird man Amerika später ebenfalls nennen. Und auch wenn es heute nicht mehr ganz so "great" ist, wie es bei Columbus oder vielleicht niemals war, zieht es weiterhin Glückssucher aus aller Welt an.

Auch die tschechische Schriftstellerin Sylva Fischerová wollte etwas finden, als sie vor etwas mehr als fünf Jahren in den USA war. Und zwar eine Antwort auf die Frage, wie man damit aufhören kann, jemanden zu lieben. Ihre Erlebnisse auf der Reise, zu der sie als Schriftstellerin eingeladen war, hat sie in einem Buch zusammengefasst, das 2018 unter dem Titel "Europa ein Thonet-Stuhl, Amerika ein rechter Winkel" im Landsberger Balaena-Verlag herauskam. Da die Autorin wegen einer Erkrankung ausfällt, findet die geplante Buchvorstellung am Mittwoch in Augsburg als "Making of" mit Übersetzerin Hana Hadas und Verlegerin Heike Birke statt.

Der Termin in München am Donnerstag in er Autorenbuchhandlung entfällt. Warum ein Thonet-Stuhl? Weil Europa "rund, eingedreht, in sich gekehrt" sei wie das berühmte Sitzmöbel, während in Amerika "Kante auf Kante" steht. "Die Häuser hier sind quadratisch oder rechteckig" und der vorherrschende rechte Winkel führt "in die Unendlichkeit". Das könnte erklären, warum bei uns "abgedrehten Europäern" alles so kompliziert und so verworren scheint, während die Amerikaner "einfache Fragen, einfache Antworten" bevorzugen. Aber: "It's not that easy", schränkt die Autorin ein, die 1967 als Tochter des Philosophen Josef Ludvik Fischer in Prag zur Welt kam, Philosophie, Physik und Klassische Philologie studiert hat und von der im letzten Jahr auch der Gedichtband "Die Weltuhr" auf Deutsch erschien.

Eigene Gedichte hat Fischerová auch in ihr ungewöhnliches Reisebuch eingearbeitet, genauso wie Zitate, philosophische und essayistische Passagen: über das Leben, Schreiben, die amerikanischen Widersprüche. Dazu gehört, dass die Pilger nicht etwa "nackt" in die Neue Welt kamen, sondern alles mitgebracht haben: "Europa, Oxford und Berlin und Dublin, aber selbst ganz Europa ist nicht in der Lage es aufzufüllen. Und der restliche Raum ist (...) voll von Indianernamen und Leichen." Was sie im "Czech Village" vorfindet, geht dann aber über Gulasch und Knödel kaum hinaus. Ihre geliebten Wolkenkratzer nimmt sie plötzlich als Sarkophage war. Und ihr kindlicher Traum von Freiheit, mit einer Bierdose im Middlewest an einer Blechhütte zu lehnen - der nimmt an einer Tankstelle sein Ende. It's not that easy.

Das klingt wie eine Sammlung von Enttäuschungen. Aber enttäuscht zu sein, heißt vielleicht auch, besser zu sehen. Und dann ist da ja noch die Flora, Wildblumen wie die "White Trillium" oder der Maiapfel. Und die Offenheit so mancher Amerikaner, die Fischerová überrascht. Und New York: "Die ideale Stadt zum Flanieren." Zudem zeigt sich auch hier, dass man die Probleme nicht zu Hause lassen kann. Eine verflossene Liebe. Der Tod eines Freundes. All das gilt es in Amerika mit zu verarbeiten, was aus Fischerovás Buch einen sehr persönlichen Bericht macht, der nichtsdestotrotz zahlreiche Erkenntnisse bereithält. Über Amerika. Aber vor allem auch über Europa. Über uns selbst.

Sylva Fischerová: "Europa ein Thonet-Stuhl, Amerika ein rechter Winkel", ein "Making of" am Mi., 29. Jan., 19 Uhr, Stadtbücherei Augsburg, Ernst-Reuter-Platz 1, der Termin am Do., 30. Jan., 20 Uhr, Autorenbuchhandlung Schwabing entfällt

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SZ vom 29.01.2020
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