Literatur:Kind der Sonne

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Im Jahr 1708 reiste ein junger Syrer namens Hanna Diyāb, Autor, Weltenbummler und Lebenskünstler, von Aleppo nach Paris. Sein abenteuerlicher Reisebericht wurde nun zufällig wiederentdeckt.

Von Hans Pleschinski

Wenn ein Außerirdischer eine Oper beschreibt, klingt es ungefähr so: "In dem Augenblick, da der König erwachte, verschwand alles. Er fing wieder an, Verse zu machen wie vorher. Während er deklamierte, senkte sich die Wolke erneut herab und das junge Mädchen kam daraus hervor. Da trat die Königin ein. Als sie die Zauberin erblickte, geriet sie in Zorn. Ihre Stiche versetzten den König in äußerste Wut. Er zog seine Waffe und stieß sie in die Seite der Königin. Die Klinge kam auf der anderen Seite heraus, und die Königin fiel tot um."

In dieser Schilderung hätte der Komponist Jean-Baptiste Lully sein Meisterwerk um den Jüngling Atys und zwei um ihn rivalisierende Göttinnen wohl nicht angemessen gewürdigt gefunden. Aber der Augenzeuge einer pompösen Pariser Aufführung von 1709 war kein Opernkenner, sondern ein orientalischer Lebenskünstler. Zudem schrieb er seine Erinnerungen an eine Reise von Aleppo nach Paris - und dann retour - erst knapp sechzig Jahre später auf. Die Handschrift dieser Memoiren in einem syrischen Dialekt wurde 1993 in der Vatikanischen Bibliothek entdeckt. Sie erschienen als Buch in Frankreich und sind nun auch auf Deutsch greifbar.

Der Autor und Weltenbummler heißt Hanna Diyāb und ist nur scheinbar unbekannt. Dem erzählfreudigen Hanna verdankt die Weltliteratur die Geschichten "Ali Baba und die vierzig Räuber" und " Aladin und die Wunderlampe", die der Syrer in Paris Antoine Galland, dem Herausgeber von "Tausendundeine Nacht", in die Feder diktierte.

Der Autor ist kein Unbekannter: Die Geschichten von Ali Baba und Aladin verdanken wir ihm

Hanna Dyāb wurde als Kind von Basarhändlern um 1690 in Aleppo geboren. Seine Familie gehörte zu den maronitischen Christen, die sich in wechselvoller Geschichte bis heute im Vorderen Orient behaupten. Aber die Metropole Aleppo war meistens liberal. Europäische Kaufleute handelten hier mit Muslimen und Christen, so dass bereits der Jüngling Hanna fließend Italienisch, Französisch und Provenzalisch sprach.

Der Flaschengeist

"Der Flaschengeist" von Franz von Bayros (1866 - 1924) aus: "Aladdin oder die Wunderlampe".

(Foto: bpk / Staatsbibliothek zu Berlin)

Der französische Reisende Paul Lucas, der im Auftrag des Sonnenkönigs im Orient Kunstwerke sammelte und ergaunerte, wurde auf den wendigen Basarjüngling aufmerksam und engagierte ihn als Dolmetscher. Seine Berufung fürs Klosterleben war dem jungen Aleppiner schon vorher abhandengekommen.

Die Reiseroute des Gespanns Lucas-Diyāb war eindrucksvoll. Von Tripolis ging es nach Zypern. Von Larnaca über Alexandria nach Kairo. Durch Räubergegenden Ägyptens via Livorno bis nach Paris. Jede Meile, ob zu Lande oder zu Wasser, bedeutete noch Gefahr und Sensation, und ein heutiger Tourist hätte gewiss bereits nach einem halben Tag seinen Rückflug eingefordert. In Ägypten entdecken beide nicht nur wundersame Säulen, Obelisken genannt. Sie schmuggeln Mumien außer Landes und werden von Mücken gefoltert: "Mein Gesicht", klagt Hanna, "war derart aufgebläht, dass sich auf meinen Wangen neue Wangen und auf meinen Augenlidern neue Lider gebildet hatten."

Die Entstellung war vergessen, als das Kunsträuberpaar in der libyschen Wüste fast verhungerte und nach seiner Rettung in Tunis Geschichten aus der schwulen Sphäre des Islam lauschte: "Der Bey faßte in seinem Herzen Zuneigung zu diesem Prinzen und war in seinem Innersten so sehr zu ihm hingezogen, dass er ihn zu sich rief, um ihn zu liebkosen." Solch zartes Streben beflügelte die Korsaren nicht, welche die Reisegesellschaft übers Meer bis nach Italien vor sich herjagten.

Die Rückkehr in die Heimat finanziert er sich als Wunderheiler mit Adlerfett und Abführsud

Über Marseille trafen der Ex-Juwelier Lucas und der beherzte Syrer schließlich in Paris ein: "Man kann die Häuser nicht zählen, so viele sind es!" Straßenlaternen und Nachttöpfe unter den Betten beeindruckten Hanna, ehe er nach Versailles mitgenommen wurde, "wo der Serail des Sultans von Frankreich lag". Dem Sultan Louis XIV und seinen Paschas, den Ministern Frankreichs, führen die Sahara-Kenner reizende Wüstenspringmäuse vor. Nur die schönen Damen Versailles' erbleichen, als sie unter der malerischen Tracht des Aleppiners einen Dolch erblicken.

Wie allerorten streunt Hanna Diyāb auch in Paris aufmerksam umher und bestaunt Spitäler und Irrenhäuser wegen ihrer vermeintlichen Perfektion. In die abendländische Bildungswelt steckt er seine Nase und resümiert: "Man findet Schulen für alle Wissenschaften und Künste, die es auf der Welt gibt. Es gibt sogar Orte, wo man das Tanzen, andere, wo man das Spielen von Musikinstrumenten lernt." Bestialisch mittelalterlich sind hingegen die Hinrichtungen, die sich ihm einprägten: "Man löste den Mann vom Kreuz und legte ihn auf ein Wagenrad. Dort presste man ihn zusammen: Er wurde zu einer Fleischkugel zusammengedrückt."

Mit diesem Kind der Sonne erleidet man den Schreckenswinter, der 1709 Mitteleuropa heimsuchte: "Wenn die Leute urinierten, erlebten viele, dass ihr Urin gefror, in der Harnröhre fest wurde und so ihren Tod herbeiführte. Das Brot brach man mit dem Beil. Ich wurde zur Statue, der Frost ließ meine Schnurrbarthaare abbrechen, und ich glaubte, sterben zu müssen."

Zu den Absonderlichkeiten, von denen der Syrer zu berichten weiß, gehört unbedingt jener Baldachin über dem Erzbischof von Paris während einer Prozession. Aus dem Fenster zuschauend, entziffert Hanna über dem Kirchenfürsten: "Lā ilāh illā Allāh". Unbedacht war eine erbeutete muslimische Standarte mit den Worten "Allah ist groß" in den katholischen Prunkhimmel vernäht worden.

Nach allerlei Ungemach mit seinem Brotherrn und aus Perspektivlosigkeit im Frankenland entschließt sich Hanna, in seine Heimat zurückzukehren. Er finanziert sich diesen Weg über Istanbul als Wunderheiler, der mit Adlerfett und Abführsud manchem Osmanen Linderung verschafft.

Die Erinnerungen Hannas sind eine so merkwürdige Lektüre, wie es der Reisebericht eines Bremers zu selben Zeit nach Aleppo wäre. In Hannas Zeilen nehmen wir Europa mit leichtem Schwindel wahr. Ein Karussell von Eindrücken dreht sich um den Syrer, der dessen Mechanismus kaum entschlüsseln kann. Etliches, das ihm zugetragen wurde und woran an er sich erinnerte, war parteiische Information oder wenig stichhaltig. Er verwechselt, sein gutes Recht, Geliebte des Sonnenkönigs und gibt dessen Verfolgung der Hugenotten arglos als staatspolitischen Reinigungsakt wider. Zutreffend und entzückend schief zugleich gerät manche Wahrnehmung: "Es gibt noch einen Ort, der Komödie heißt und der den Schattenspielen bei uns gleicht." Einen Kulturschock erlitt der Syrer im Abendland nicht. Als frommer Christ fand er genug Marienbilder, zu denen er flehen konnte. Und für die Einheimischen war der umgängliche Orientale eine gesellige Bereicherung.

Wie vor Kinderaugen lebt in Hannas Bericht ein altes Europa auf, und der geschundene Nahe Osten entfaltet seinen Zauber. Zwanglos vereint Hanna Diyāb Orient und Okzident zu Gefilden, in denen man mit Zuversicht und Charme sein Leben meistern kann.

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