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Literatur:In Aleppo zerfällt die Wirklichkeit

Ein Junge spielt mit einer Katze auf einem 1948er Buick im zerstörten al-Shaar-Viertel Aleppos.

(Foto: AFP)

Wie verändert sich das menschliche Empfinden nach sechs Jahren Krieg? In "Der Spaziergänger von Aleppo" beschreibt der syrische Autor Niroz Malek ein Zwischenreich hart am Rande des Wahns.

Wenn Bomben fallen, bleibt nur die Kunst ungerührt. Die Waffen haben verheerende Wirkung, aber die gleißende Sonne, die Zypressen und die sie umfliegenden Vögel strahlen auf der Leinwand ungerührt die Ruhe eines Sommernachmittags aus, der in seiner mediterranen Leichtigkeit wie aus der Zeit gefallen erscheint. Ganz anders die wirkliche Welt. Nach dem Einschlag der Granaten in einen Park von Aleppo flattern dort die Raben auseinander, kollidieren in ihrem nervösen Flug fast miteinander. Gleichzeitig springen - "fallen" schreibt der Erzähler - die Kinder von den Schaukeln und Rutschen und laufen zu ihren Müttern. Panik und Todesfurcht sind in den Park eingefallen, aber das Gemälde van Goghs, das dem Erzähler vor Augen steht, bleibt vom Schrecken des Krieges unberührt.

Den Einwirkungen der Kämpfe auf das menschliche Empfinden spürt der syrische Autor Niroz Malek in seinen poetischen Miniaturen über Aleppo im sechsten Jahr des Krieges nach. Die nicht endende Gewalt hat die Menschen verändert, hat vor allem ihre Wahrnehmung aus dem gewohnten Muster gebracht. Die Kämpfe haben Verbindungen zwischen den Menschen gekappt, oft ist nicht klar, wer noch lebt, wer gestorben oder geflohen ist. Die üblichen Kommunikationsnetze bestehen nicht mehr, Informationen über Nachbarn und Freunde sind auf Spekulationen und Mutmaßungen angewiesen - ein Gemisch, in dem der Realitätssinn einen schweren Stand hat. Das mag in manchen Momenten, wenn etwa ein Kunstwerk vom kaum auszuhaltenden Schrecken des Krieges ablenkt, helfen, die Realität zu ertragen. Aber insgesamt, zeigen Maleks Texte, zerfällt neben der äußeren auch die innere Wirklichkeit. Die Attacken auf die Physis sind immer auch solche auf die Psyche.

Die Spaziergänge, auf die Malek seine Leser mitnimmt, werden so in Teilen zu surrealistischen Unternehmungen, die zwischen Innen- und Außenwelt, realem und imaginiertem Leben keinen durchgehenden Unterschied mehr machen. Die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Einbildung zerfließen, bilden ein ungesundes Zwischenreich hart am Rande des Wahns. Etwa, wenn der Erzähler mitten im Juli seinen Freund Ahmad Schukri in voller Winterausstattung und mit einem schwarzen Schirm in der Hand zu sehen meint. Ob er denn nicht wisse, dass Schwarz die Sonne zusätzlich anziehe, will der Erzähler von ihm wissen. Doch statt zu antworten, dreht der Angesprochene sich stumm um sich selbst. "Da merkte ich, wie dumm meine Bemerkung gewesen war, denn mir fiel wieder ein, dass Ahmad Schukri im letzten Winter bei einer Studentendemonstration gestorben war."

Nein, erklärt der Erzähler, seine Wohnung kann er nicht verlassen. Sie ist die Summe seines Lebens

Szenen wie diese legen es nahe: Es wäre klüger wegzugehen. Aber, fragt Niroz Maelk schon auf der ersten Seite seines Büchleins: Kann man Jahrzehnte seines Lebens einfach so aufgeben? "Glaubst du wirklich", fragt er in einem Brief an eine Freundin, "dass ich meine Wohnung verlasse? Dass ich meinen Tisch zurücklasse, an dem ich gearbeitet und meine Geschichten und Romane geschrieben habe? An dem ich Cover für meine Werke entwarf und Hunderte und Aberhunderte Bücher las?"

Nein, erklärt der Erzähler, seine Wohnung kann er nicht verlassen. Sie ist die Summe seines Lebens. Dort stehen die kleinen Statuen von Puschkin und Gogol die Fotografien von Tschechow und Hemingway, die Schallplatten von Beethoven, Tschaikowsky und Rachmaninow, kurzum: In dieser Wohnung sammelt sich, was den Erzähler über Jahrzehnte zu dem gemacht hat, der er ist. Aus Aleppo wegzugehen ist darum unmöglich. "Nein, ich lasse meine Seele nicht zurück."

Die persönliche Biografie, untrennbar verwachsen mit einem Ort, hier mit der Stadt Aleppo: Das ist eine fast vormodern anmutende Auffassung individueller Existenz, die kaum zum modischen Wort vom globalen Nomadentum passt, der Vorstellung, der Mensch sei im transnationalen Raum mühelos und wie selbstverständlich zu Hause. Maleks Miniaturen geben etwas anderes zu verstehen: dass Kontinuität, auch physische Kontinuität, dem Menschen viel mehr entspricht als die Rede von der entgrenzten Welt es nahelegt.

Allerdings kann auch der Spaziergänger von Aleppo nicht behaupten, er trage seine Identität unbeschadet durch die Trümmerfelder. Das zeigt sich etwa in jenem Moment, in dem er die Gesichter eines Paares beobachtet - "und ich in dem Gesicht des Mannes etwas wahrnahm, was mir ähnlich war ... nein, das war ich!" Zerschlissene Identitäten, aller Grenzen ungewiss: Das ist der Preis des Verharrens, des Willens, im längst falsch gewordenen Leben immer noch ein richtiges führen zu wollen.

© SZ vom 05.07.2017/jbee

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