bedeckt München 15°

Literatur im Fernsehen:Supermulmig

Das Literarische Quartett

Probesitzen: Maxim Biller, Christine Westermann und Volker Weidermann bei der Pilotsendung.

(Foto: Jule Roehr/ZDF)

Das ZDF will das "Literarische Quartett" wiederbeleben. Aber ist die Bissigkeit aus Reich-Ranicki-Zeiten noch möglich?

Marcel Reich-Ranicki war nicht nur Kritiker-Papst, oberster Buchprüfer der Nation und unübertroffener Krawall-Opa des Literatur-Fernsehens, er war auch ein glühender Verteidiger des Herren-Kniestrumpfs. Um zu vermeiden, dass im Eifer der rituell sitzend abgehaltenen Battles im "Literarischen Quartett" ein unschöner Streifen beharrten Beinfleischs freigelegt wird, pflegte er in den Sendungen Kniestrümpfe zu tragen. Reich-Ranicki hat damit das Seine getan für die Durchsetzung der Choleriker-Socke bei Talkshow-Insassen.

Ach, wie einfach Fernsehen doch einmal war, damals Ende der Achtzigerjahre, als "Das Literarische Quartett" erstmals auf Sendung ging. Seither ist nicht nur das Niveau der Socken-Bündchen deutlich tiefer gerutscht, Öffentlichkeit überhaupt ist komplizierter geworden. Ablesbar ist das auch an den Literatursendungen, die sich immer schon schwer taten mit ihrem Auftrag zur Kulturvermittlung. Das Problem beginnt schon damit, dass Lesen selbst eine rezeptive Tätigkeit ist wie Fernsehen, die Medien Buch und Bildschirm sich also nicht gegenseitig vertreten können, sondern konkurrieren.

Dummerweise ist Denis Scheck bei der ARD

Damit Literatur fernsehtauglich wird, muss ein performatives Moment hinzutreten. Und das ist der Grund, weshalb der Moderator Denis Scheck in seiner Sendung "Druckfrisch" gut gelaunt das Schüttgut aus den Bestsellerlisten eben nicht nur verbal, sondern buchstäblich in die Tonne haut. Mit seiner rhetorischen Brillanz, seiner Fernseherfahrung und seiner Fähigkeit zum schnellen, scharfen und pointierten Urteil wäre der Literatur-Bajazzo Scheck die Idealbesetzung für die Nachfolge Reich-Ranickis auf dem verwaisten Thron des "Literarischen Quartetts". Dummerweise ist er bei der ARD.

Nach dem Ende der Sendung im Jahr 2001 experimentierte das ZDF seinerseits mit unterschiedlichen Formaten. Seit 2011 schleppt der stets verlässlich krampfige Wolfgang Herles sein blaues Sofa an die exotischsten Schauplätze, um es nun in Mainz an der Pförtnerloge abzustellen. Herles geht in Rente.

Günter Grass "Das Schreiben ist eine schreckliche Tortur"
Zitatsammlung
Zitate von Günter Grass

"Das Schreiben ist eine schreckliche Tortur"

Günter Grass hatte etwas zu sagen, nicht nur in seinen Büchern. Der jetzt verstorbene Literaturnobelpreisträger äußerte sich über das Schreiben, den Umgang mit Kriegen - und seinen Lieblingsfeind Marcel Reich-Ranicki.

Puristisch wie damals soll der Zuschnitt sein

Endlich aber soll das Original auf den Bildschirm zurückkehren - ein Remake von "Dalli Dalli" gibt es schließlich bereits. "Das Literarische Quartett", die Mutter aller Schlachten, geht wieder auf Sendung, sechs Mal im Jahr, jeweils am Freitag um 23 Uhr, beginnend in der ersten Oktoberwoche. Puristisch wie damals soll der Zuschnitt sein: Talking Heads, drei feste Teilnehmer reden mit wechselnden Gästen über literarische Neuerscheinungen.

Aufgezeichnet wird die Sendung im Brecht-Museum Berliner Ensemble. Die Location passt zum Retro-Charme der ganzen Idee, die zugleich etwas von einer Stabübergabe hat: 2013 starb Marcel Reich-Ranicki, in diesem Jahr galt es, von Fritz J. Raddatz und Günter Grass Abschied zu nehmen. Dass nun eine neue Generation in die wichtigste Arena der Protagonisten der Nachkriegsliteratur einzieht, in der einst Grass und Martin Walser den Bestien zum Fraß vorgeworfen wurden, wirkt wie eine symbolische Inbesitznahme. In dieser Arena war Reich-Ranicki Gladiator, Löwe und Gottkaiser, der den Daumen hebt oder senkt, in Personalunion gewesen.