Süddeutsche Zeitung

Literatur:Ihrer Zeit voraus

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Der Bildband "Die Fraueninsel" erinnert an die Malerin Marie Haushofer und die Schriftstellerinnen Carry Brachvogel, Emma Merk-Haushofer und Eva Gräfin von Baudissin

Von Sabine Reithmaier

Künstlerkolonie auf der Fraueninsel - da denkt man spontan erst nur an Männer: An den Landschaftsmaler Maximilian Haushofer, der 1928 die Schönheit der Insel für sich entdeckte und mit seiner Begeisterung zahlreiche Kollegen ansteckte. Oder an die Literaten Ludwig Steub, Karl Stieler, Ludwig Ganghofer, Ludwig Thoma und Erich Mühsam, die dort regelmäßig zu Gast waren. Frauennamen hat man meist keinen einzigen parat, bestenfalls die Selige Irmengard, die erste namentlich bekannte Äbtissin der Benediktinerabtei Frauenwörth und Urenkelin Karls des Großen. Dabei bevölkerten natürlich auch jede Menge Künstlerinnen die kleine Chiemseeinsel. Vier davon stellt Ingvild Richardsen in ihrem Buch "Die Fraueninsel" (Volk Verlag) vor, drei Schriftstellerinnen und eine Malerin, die zu ihrer Zeit weit über die bayerischen Landesgrenzen hinaus bekannt waren. Heute sind Emma Merk-Haushofer, Carry Brachvogel, Eva Gräfin von Baudissin und Marie Haushofer weitgehend vergessen.

Die Fraueninsel ist der erste Band der Reihe "Vergessenes Bayern", die Richardsen gemeinsam mit dem Leiter der Arbeitsstelle für Literatur in Bayern, dem Literaturwissenschaftler Waldemar Fromm, herausgibt. Die Germanistin hat viel Material gesammelt, Dokumente und Fotos zusammengetragen. 362 Seiten umfasst der Band. Hätte man für die Biografien und die erläuternden Hintergrundtexte der Autorin eine vernünftige Schriftgröße verwendet, wäre die Ausgabe erheblich dicker geworden. So aber ist das Lesen ziemlich mühsam, nur die Originaltexte, in denen die Schriftstellerinnen selbst zu Wort kommen, sind in Normalgröße gedruckt. Die literarischen und journalistischen Texte hat Richardsen auf Werke beschränkt, in denen die Fraueninsel eine Rolle spielt.

Die Sommeraufenthalte dort sind nur eine Gemeinsamkeit der Künstlerinnen, die sich sozial, gesellschaftlich und politisch engagierten. Netzwerken beherrschten sie perfekt. Aber nicht nur deshalb würden ihre Lebensentwürfe genauso gut in die Gegenwart passen. Finanziell unabhängig waren sie alle vier. Ihre gutbürgerlichen, den Künsten gegenüber aufgeschlossenen Elternhäuser erleichterten ihnen sicher den Einstieg in ihre Berufe. Auf Ehemänner, so vorhanden, ließen sie sich nie reduzieren.

Die Schriftstellerin Emma Haushofer-Merk (1854-1925) heiratet ihren Freund Max Haushofer, Dichter und Professor der Nationalökonomie, erst 1902. Da ist sie bereits 48 Jahre alt und berühmt, hat Novellenbände und Romane veröffentlicht, schreibt Artikel für die Kult-Zeitschriften Jugend und Simplicissimus. Und sie engagiert sich für die Rechte der Frau, arbeitet im Vorstand eines 1894 gegründeten Vereins mit, der sich anfangs unverfänglich "Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau" nennt und erst später "Verein für Fraueninteressen und Frauenarbeit". Interessant, dass die Gruppe gezielt auch Männer aufnahm, um von deren Netzwerken zu profitieren. 28 Männer zählt 1897 die Mitgliederliste auf, darunter Rainer Maria Rilke, aber auch Carl von Thieme, Generaldirektor der Münchner Rückversicherungs-Gesellschaft.

1899 organisiert der Verein in München den ersten bayerischen Frauentag, dessen Abschluss das Festspiel "Zwölf Culturbilder aus dem Leben der Frau" bildet, verfasst von Marie Haushofer (1871-1940), der späteren Stieftochter Emmas. Eigentlich ist Marie, der Tradition des Großvaters Maximilian folgend, Malerin; sie arbeitet von 1896 an in einem eigenen Atelier, malt Landschaften und Porträts. Dazu schreibt sie und setzt sich für die Selbstbestimmung der Frau ein. Ihr Ende ist traurig: 1940 entscheidet sie sich für den Freitod, überzeugt davon, unheilbar krank zu sein.

Emma Haushofer-Merk gründet mit ihrer Freundin Carry Brachvogel auch den ersten bayerischen Schriftstellerinnen-Verein. Zur ersten Sitzung 1913 erscheinen 68 Frauen, darunter Ricarda Huch und Annette Kolb. Die Forderung nach adäquater Bezahlung und Gleichberechtigung bei der Entlohnung, die sich in der Vereinssatzung findet, ist heute immer noch aktuell. Alle Mitglieder mussten sich übrigens verpflichten, ihre Arbeit nicht zu "Schleuderpreisen oder umsonst" abzugeben, "damit mit dem bei vielen Redaktionen herrschenden Vorurteil gebrochen werden kann, dass Frauenarbeit billiger entlohnt werden dürfe als Männerarbeit".

Carry Brachvogel war durch den frühen Tod ihres Mannes mit 28 Jahren alleinerziehende Mutter zweier Kinder geworden. Statt eine Versorgungsehe einzugehen, beschließt sie, mit Schreiben ihren Lebensunterhalt zu verdienen, feiert schnell erste Erfolge. Ihr verschollenes Schauspiel "Vergangenheit" wird 1894 in Frankfurt uraufgeführt, wenig später folgen Aufführungen in München. Ihr Debütroman "Alltagsmenschen" erscheint im Fischer-Verlag. 1895 eröffnet sie einen literarischen Salon, der zu einer Institution wird. Rilke, der ihn mit Lou Andreas-Salomé regelmäßig besucht, schwärmt von Brachvogels geistvoller Bosheit und ihrem treffenden Witz. Aufsehen erregt sie 1911 mit ihrem Vortrag "Hebbel und die moderne Frau", als sie analysiert, woher die Reduktion der Frau auf Liebe und den Mann als Lebenssinn kommt. Sie findet die Schuldigen in der Literatur, nennt Lessing, Goethe, Schiller mit ihren "Gretchen, Klärchen, Leisen und Kätchen und wie sie noch alle heißen, die immer den gleichen Typ darstellen." Nur Hebbel sei in seinen Dramen der modernen Frau gerecht geworden.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs bringt die Frauenbewegung ins Straucheln. Ihre Mitglieder lassen sich vom Patriotismus ergreifen. Brachvogel gründet eine Nähstube für Bedürftige, freilich ohne mit dem Schreiben aufzuhören. Fast jedes Jahr erscheint ein neues Buch. Ihre Erfolgsgeschichte endet 1933 mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten, denn Brachvogel ist Jüdin. Ihr Vermögen wird beschlagnahmt, sie selbst stirbt 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt.

1933 löst sich auch der Schriftstellerinnenverband auf, Liquidatorin ist Eva von Baudissin (1868-1943). Auch sie ist eine viel gelesene Autorin und Journalistin, die sich, eben geschieden, erst 1908 mit ihrem Sohn in München niedergelassen hatte. Als Schriftstellerin ist sie zu diesem Zeitpunkt längst deutschlandweit bekannt. Schwer zu erklären, warum die Künstlerinnen so völlig vergessen wurden. Die Nationalsozialisten hatten jedenfalls kein Interesse daran, Bücher von Autorinnen zu verlegen, die so gar nicht ihrem Frauentypus entsprachen. Auch ins Idealbild der treu sorgenden Hausfrau, das die Fünfziger- und Sechzigerjahre beherrschte, passten ihre selbstständigen Lebensformen nicht. Inzwischen wurde zumindest Carry Brachvogel wieder entdeckt. 2012 wurde in Bogenhausen sogar eine Straße nach ihr benannt. Emma Haushofers Wiederentdeckung gestaltet sich zäh, auch wenn drei Werke neu herausgegeben wurden. Marie Haushofer ist völlig verschwunden, genauso wie Eva von Baudissin. Vielleicht trägt das Buch - sowie eine am 15. März beginnende Ausstellung in der Münchner Monacensia - dazu bei, die vier wiederzuentdecken. Vielleicht nicht als Schriftstellerinnen, aber als mutige, emanzipierte Frauen.

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Quelle:
SZ vom 07.03.2018
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