Literatur Heldinnen weinen nicht

Die Österreicherin Vea Kaiser stellt im Literaturhaus ihren zweiten Roman "Makarionissi" vor

Von Bernhard Blöchl

Makkaroni? Rio? Makarionissi! Ein Titel, der Rätsel aufgibt. Die Klärung erfolgt in der zweiten Hälfte des Buchs: "Makarionissi war einhundertsiebenunddreißig Komma acht Quadratkilometer groß, lag im westlichen Mittelmeer, und alle Piloten, Kleinflugzeuginsassen, Götter und das gesamte Vogelvieh, das über die Insel hinwegflog, konnte nicht umhin, festzustellen, dass sie aussah wie ein Hirschkäfer."

Über diese "Insel der Seligen", die sich Vea Kaiser ausgedacht hat, erzählt man sich, dorthin dürften die größten Helden übersiedeln, wenn sie keine Helden mehr sein wollten. Ob Eleni Aniston, geborene Stefanidis, eine Heldin ist, darüber darf diskutiert werden. Jedenfalls verschlägt es die griechische Protagonistin 1979 mit ihrem Mann von Amerika nach Makarionissi. An einen Ort, wo Elenis junge Familie weitere Schicksalsschläge erleben wird, bevor die Geschichte im Winter 2014 im Inselhafen enden darf.

Fünf Generationen hat der Leser auf 460 Seiten kennengelernt, hat sie begleitet auf ihren individuellen Odysseen in Richtung Glück. Hildesheim (wo Kaiser ein Jahr lang Kreatives Schreiben studierte) und St. Pölten (wo die Österreicherin 1988 geboren wurde) sind neben Chicago und Zürich weitere Schauplätze dieses groß angelegten Familiendramas, das in den Fünfzigerjahren in einem Bergdorf an der albanisch-griechischen Grenze beginnt. Im Zentrum der verästelten Geschichte stehen Eleni und Lefti, Cousine und Cousin, die füreinander bestimmt sind - zumindest glaubt das die Großmutter.

Vea Kaiser, geboren 1988, studiert Altgriechisch in Wien. "Makarionissi" ist ihr zweiter Roman.

(Foto: Ingo Pertramer)

"Makarionissi" ist ein feistes Epos über moderne Helden und Herzensbrecher. Im Kern geht es um die Folgen der Fehler, die wir machen, und darüber, wie und warum sich die Fehler wiederholen. Irgendwann, es ist auf Makarionissi, erkennt Eleni, einst eine freiheitsliebende Aktivistin, dass sie geworden ist wie ihre Großmutter. Und dass sie sich etwas zu sehr in das Leben ihrer Enkelkinder eingemischt hat. Ein Schlüsselmoment auf Makarionissi.

Vea Kaisers zweiter Roman war mit Spannung erwartet worden. Seit ihrem erfolgreichen Debüt "Blasmusikpop" wird die Altgriechisch-Studentin weitgehend hymnisch gefeiert. Auch in ihrem Erstling ging es um die Engstirnigkeit und das Traditionsbewusstsein eines abgeschiedenen Bergdorfs. Ihre süffige Albernheit und die optimistische Haltung zum Leben hat sich die 26-Jährige ebenfalls erhalten. Vor allem aber ist es bewundernswert, wie es der Autorin gelingt, unzählige Ideen und Themen (Liebe und Lügen, Griechenland einst und heute) zu einer mitreißenden Geschichte zu verweben, eine, die bis in viele Details aufgelöst wird. Das mal berührende, mal lustig-skurrile Fabulieren beherrscht Vea Kaiser wie keine Zweite.

Kritik wird es geben, die gibt es immer. Zum Beispiel könnte man darüber diskutieren, ob die Charaktere tief genug ausgeleuchtet sind - ausgeleuchtet sein können angesichts des schier unüberschaubaren Figurenkabinetts. Und der anhaltende Hype (die Zeitschrift Rolling Stone betitelte Kaiser kürzlich als "Homers coole Erbin") nährt die Skepsis der Nörgler sowieso.

Die Autorin wird es mit stoischer Ruhe hinnehmen, und wie lautet der letzte Satz des Romans so schön: "Heldinnen weinen nicht."

Mehr zum Thema

Eine Leseprobe aus Vea Kaisers neuem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Vea Kaiser: Makarionissi, Dienstag, 16. Juni, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1