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Literatur:"Heil Miss"

Die erste Biografie über Hitlers britischen Schwarm Unity Mitford liegt vor

Von Hans Kratzer

Das Mädchen Unity Mitford hat das nordische Schönheitsideal der Nazis in Gänze erfüllt. Auf einem Foto, aufgenommen beim Reichsparteitag 1938 in Nürnberg, ist sie neben Eva Braun zu sehen, der Geliebten von Adolf Hitler. Die beiden Frauen wirken wie für die Nazis gemalte Schwestern. Allerdings ist Unity Mitford bei weitem nicht so bekannt wie Eva Braun. Das ist erstaunlich, denn auch die Mitford zählte, obwohl sie Britin war, zum engsten Umfeld des Diktators. Sie tauchte auf wie aus dem Nichts, kam aber so nah an Adolf Hitler heran wie nur wenige Frauen. Eva Braun war not amused über ihre Konkurrentin, ihretwegen hat sie sogar einen Selbstmordversuch riskiert. Und doch wurde Mitford bislang lediglich als blondes, uninteressantes Hitler-Groupie abgehakt.

Dieses Bild ist spätestens durch die jetzt vorgelegte Mitford-Biografie überholt. Der Autorin Michaela Karl ist eine spannende Annäherung an eine Frau gelungen, deren wildes Leben mit den gängigen Vorstellungen über den Nationalsozialismus zunächst nicht in Übereinstimmung zu bringen ist. Umso erstaunlicher wirken die Erkenntnisse über den inneren Zirkel des NS-Regimes, die dieses Buch offenbart. Ungeachtet dessen war das Leben der Unity Mitford voller Widersprüche, und so nahe sie dem Leser bei der Lektüre auch kommen mag, ein Rätsel bleibt sie weiterhin.

Unity Mitford stammte aus bestem britischen Hause. Michaela Karl schildert sie als extravaganten und rebellischen Teenager der Upper Class, der gleich zweimal von der Schule flog und - wie die späteren Punks - mit Ratten schmuste. Karl schildert die Mitford-Schwestern typologisch als Vorgängerinnen der Kardashians, die keinem Skandal aus dem Wege gingen. Auf die Frage, wie solche Freigeister Gefallen am Nationalsozialismus und an seinen Verbrecherköpfen finden konnten, gibt Karl eine einleuchtende Antwort: Teile der britischen Upper Class waren durchaus affin zum Faschismus, unter ihnen gab es viele Hitler-Anhänger. Die Begeisterung für den Faschismus war nicht nur ein deutsches Phänomen. Mitte der Dreißigerjahre zog es die 20-jährige Unity nach München, wo sie alles daransetzte, um Adolf Hitler kennenzulernen. Auch hier führte sie ein exaltiertes Leben: Sie fuhr mit dem Cabrio durch die Stadt und sonnte sich nackt im Englischen Garten. Schließlich besuchte sie solange Hitlers Lieblingslokal, bis dieser sie eines Tages ansprach. Von da an widmete sie ihr Leben dem "Führer". Bald spekulierte die Presse über die künftige Mrs. Adolf Hitler. Michaela Karl glaubt aber nicht, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Zu Leni Riefenstahl soll Hitler gesagt haben, Unity sei zwar wunderschön, aber er könne nur ein deutsches Mädchen heiraten. Gleichwohl folgte Unity ihrem Idol auf Schritt und Tritt. Überdies war sie mit fast allen NS-Größen befreundet, sogar mit dem Oberhetzer Julius Streicher. Einmal sprach sie sogar beim Frankentag auf dem Hesselberg ein Grußwort, die Menge skandierte: "Heil Miss, Heil Hitler!" Das kam bei den Briten allerdings nicht mehr so gut an, bei Besuchen in der Heimat schlugen ihr Wut und blanke Verachtung entgegen.

Unmittelbar nach der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich am 3. September 1939 wurde die 25-Jährige mit einer Pistolenkugel im Kopf im Englischen Garten gefunden. War es ein Selbstmordversuch? Michaela Karl hegt in ihrem Buch starke Zweifel. Völlige Aufklärung ist durch die kriegsbedingte Zerstörung der Akten nicht mehr möglich. Karl glaubt, dass Unity Mitford von einem ihrer Gegner unter den Nazis aus dem Weg geräumt wurde. Schwer verletzt kehrte sie nach England zurück, wo sie sich nicht mehr so richtig erholte. Hier wird die Geschichte erst recht mysteriös. Bis zu ihrem Tod 1948 ist Unity in Großbritannien nie verhört worden. Dabei wusste kein Brite mehr über Hitler als sie.

Michaela Karl, Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an. Unity Mitford. Eine Biographie. Hoffmann und Campe, 2016

© SZ vom 12.01.2017
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