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Literatur:Gerechtigkeit ist mehr als ein Wort

Diskutieren und zwischendurch chillen: Teilnehmerinnen des Jugendliteraturcamps in der Bibliothek des Literaturhauses.

(Foto: Stephan Rumpf)

Unter dem Motto "Lesen. Reden. Welt retten?!" denken Jugendliche bei einem ersten "Literaturcamp" im Literaturhaus darüber nach, wie sich die Gesellschaft ändern lässt - und welche Rolle Bücher dabei spielen können

Wir denken, dass Bücher die Welt verändern können, deshalb sind wir heute hier." Laura, Maylis und Cellie haben sich an einem runden Stehtisch versammelt; zwei von ihnen kennen sich schon aus der monatlichen "Schreibwerkstatt" im Literaturhaus, bei der sie ihre eigenen Texte mitbringen und besprechen. Auf diese Weise haben sie auch vom Literaturcamp erfahren.

Am Wochenende fand im Literaturhaus nun erstmals ein solches Camp statt; nach anderen Städten wie Berlin und Heidelberg zum ersten Mal in München. Veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Internationalen Jugendbibliothek, war das wichtigste Ziel, den Austausch zwischen Kindern und Jugendlichen zu fördern und "kritisches Empfinden gegenüber aktuellem Zeitgeschehen literarisch zu vermitteln und aufzuarbeiten". Gesprochen werden sollte über Romane, Sachbücher, Gedichte und Songs, die junge Erwachsene anspornen, für eigene Überzeugungen einzutreten.

Unter dem Motto "Die Welt ist ungerecht - Lesen. Reden. Welt retten?!" leiteten die Philosophin Christine Bratu und der Jugendbuchautor Tobias Elsässer das Camp; sie diskutierten im Plenum oder in verschiedenen Workshops und ließen fachspezifische Gäste auftreten. Eine der Fragen am Anfang: Was ist denn eigentlich gerecht heutzutage? Die sofort sehr engagierten Jugendlichen machten sich dazu viele Gedanken - Themen wie Kinderarbeit, Frauenrechte, Bildung und Wahlrecht kamen zur Sprache. Für jeden bedeutete das komplexe Wort jedoch etwas anderes - ist Gerechtigkeit also Ansichtssache?

Durch zahlreiche Beispiele von Bratu und Elsässer wurde am ersten Tag des Camps klar, dass stets der Blickwinkel entscheidend ist. Eine andere Perspektive könne die eigene Meinung verändern, sagte zum Beispiel eine Vierzehnjährige, die extra für das Wochenende mit Koffer angereist war, eine der jüngsten Teilnehmerinnen. Sie fand, dass es auch in Büchern Ungerechtigkeit gebe, sei es, dass jemand unfair behandelt wird oder eine Person sterben muss, wie in ihrem Lieblingsbuch "Harry Potter und der Feuerkelch". Autor und Tagungsleiter Tobias Elsässer wiederum betonte, dass auch für einen Autor die Sichtweise eine große Rolle spielt - und auch Macht verleiht. "Ich bin absoluter Manipulator", sagte er, denn er erzähle eine Geschichte immer aus seiner eigenen Perspektive. Deshalb sei es notwendig, stets auf die Quelle von Texten zu achten.

Die Schnelllebigkeit und Reizüberflutung heute führt außerdem offensichtlich dazu, sich nach echten Geschichten mit echten Gefühlen zu sehnen. Das ist wohl der Grund, warum "Storytelling" so erfolgreich ist und 500 Nutzer der Social Media Plattform Instagram die sogenannte "Story-Funktion" jeden Tag gebrauchen. "Wie muss denn dann ein Buch heutzutage geschrieben sein, um Jugendliche zu erreichen?", fragte Elsässer in kleiner Runde. Dazu wurden an einem Flipchart die wichtigsten Punkte gesammelt. "Wenn der Verfasser über ein dringendes Anliegen schreibt, bringt er Leute zum Nachdenken und kann etwas bewirken", lautete eine der vielen Antworten.

Das versucht zum Beispiel die Autorin Manja Präkels. In ihrem Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirchen aß" verarbeitet sie Erlebnisse ihrer eigenen Jugend in der ehemaligen DDR, die ihr Leben veränderten. Am ersten Tag las die Autorin aus ihrem vor drei Jahren erschienenen Roman. Danach durften Fragen gestellt werden. Philosophin Christine Bratu hatte sich ebenfalls vorbereitet - für den Fall, dass sie das Ruder übernehmen müsse. Doch die Jugendlichen nahmen ihr diese Aufgabe ganz selbstverständlich ab. Das sei ihr persönliches Highlight an diesem Tag gewesen, erzählte die Philosophin später. Es sei ein Indiz für einen tollen Austausch bei diesem Camp - und dafür, dass alle von 14 bis 19 Jahren wirklich einbezogen würden.

Kann man nun mit Literatur die Welt retten? Auch wenn die drei Jugendlichen Cellie, Laura und Maylis glauben, dass es möglich ist, dass ein Buch wachrütteln kann, gab es doch auch andere Stimmen am ersten Tag des Camps. Maylis, Cellie und Laura jedenfalls möchten die Welt einmal durch Bücher verändern: Alle drei wollen Autorinnen werden.

© SZ vom 10.02.2020
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