Literatur Gefühl der Zwanzigerjahre

Die Kombination von Text und Musik etabliere sich immer mehr, sagt Martina Gedeck. Bei Musiklesungen wie in München liebe sie den Kontakt zum Publikum.

(Foto: Karel Kühne)

Martina Gedeck liest, Daniel Röhn spielt dazu. Eine besondere Matinee im Prinzregentheater

Von Egbert Tholl

Es gibt ein Bild von Paul Klee, das heißt "Angelus Novus". Dies ist der Engel der Geschichte, und Walter Benjamin hat ihn beschrieben: "Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat."

An diesem Sonntag wird Martina Gedeck sehr wahrscheinlich diesen Text lesen, und der Geiger Daniel Röhn wird dazu Rachmaninows "Vocalise" spielen. Warum das so sein muss, erklärt Martina Gedeck so: "Der Engel schaut starr auf das, was naht. Für Rachmaninow war der Schrecken die Oktoberrevolution." Tatsächlich nutze er ein Konzert in Schweden, um aus Russland zu fliehen.

Die Sonntagsmatinee um elf Uhr im Prinzregententheater, bei der auch die bayerische Kammerphilharmonie unter Jochen Rieder mitwirkt, heißt "The Golden Violin" und ist eine Hommage an die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts mit Musik und Texten.

Die Kombination von Text und Musik etabliere sich immer mehr, meint Gedeck im Telefonat. Aber nur wenige solcher Abende sind so konzis gebaut wie dieser. Die Texte erklären die Musik, und umgekehrt. Das geht so, Teil eins von sechs: Röhn und das Orchester spielen Gershwin, "An American in Paris" und anderes, Gedeck liest Hemingway oder Julian Barnes, Fitzgerald und Gertrude Stein, Texte also, die ein Lebensgefühl einfangen, dessen Klang man davor oder danach hört.

Henry Miller schrieb über Chaplins Film "City Lights", Chaplin selbst komponierte Musik dafür. Ausgehend von Brecht und Tucholsky kommt ein Gefühl für das Tempo der Zeit herein. Es gibt ein Bild von Picasso von einer Geige, in dem die Geige fehlt, die man nun aber hören kann. Korrespondierende Splitter, viel mehr als eins-zu-eins-Erklärungen, sondern ein weiter Assoziationsraum.

Gedeck meint, sie liebe bei solchen Musiklesungen den Kontakt zum Publikum. Wegen des vielen Drehens kommt sie nicht mehr zum Theaterspielen, die Lesungen sind ein bisschen ein Ersatz dafür. Seit Jahren mache sie die schon, es werde immer schöner. Inzwischen komme sie auf 15 bis 20 Konzerte im Jahr. Ihre Liebe zur Musik ist eh speziell: Vor zwei Monaten wirkte sie als Darstellerin in der Uraufführung von Beat Furrers Oper "Violetter Schnee" an der Berliner Staatsoper mit, sie fand es "nicht einfach, aber wunderschön". Und hatte dann dort auch die interessante Erfahrung, dass Furrer eine Aufführung selbst dirigierte. Die war dann zehn Minuten schneller als die anderen, weshalb sie auch schneller sprechen musste. Das ist vielleicht auch so ein Punkt, der ihr beim Drehen fehlt: die Lebendigkeit des unmittelbaren Reagierens auf die Umstände des Augenblicks. Im Gegensatz zu Furrers Musik sei die, die Röhn nun spielt, eher "Stehgeigermusik". Das ist gar nicht böse gemeint, da hört man sozusagen ein schelmisches Lächeln durchs Telefon hindurch. Vielleicht sind hier tatsächlich die Texte anspruchsvoller als die Musik. Aber die Auswahl haben ja schließlich beide zusammen getroffen.