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Literatur:Warum reiten sie denn?

lesenswert - Reitgespräch

Gäule, wollt ihr ewig lesen: Im "Reitgespräch" reden Juli Zeh und Denis Scheck hoch zu Ross über Literatur.

(Foto: Thomas Ernst/SWR)

Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken und liest ein Buch: Was das deutsche Fernsehen an der Literatur nicht versteht.

Von Johanna Adorján

Was ist eigentlich das Problem mit Büchern und dem Fernsehen? Es gibt keine richtig sichtbare Literatursendung mehr außer dem Literarischen Quartett, das keine verlässliche Besetzung mehr hat. Womit zwei Viertel des Vergnügens wegfallen, das sich einstellte, als man dort Menschen miteinander diskutieren sah, die einem von Sendung zu Sendung vertrauter wurden. Das Einzige, was eine irgendwie nennenswerte deutsche TV-Öffentlichkeit erreicht, sind die Sendungen mit Denis Scheck, zu dem ich als Mensch, der bereits Bücher geschrieben hat, kein Vertrauen habe.

Zu sehr verblüfft mich die Geste, mit der er in seiner Sendung "Druckfrisch" Bücher "in die Tonne" verwirft. Als habe ein Schwerverbrecher absichtlich seiten- / kapitelweise Blödsinn geschrieben. Es ist das Gegenteil der heute so oft propagierten Achtsamkeit. Es ist das Gegenteil von Respekt. Es ist eine sehr unschöne Geste. Wer Denis Schecks Meinung nach schlecht schreibt, ist nicht böse, selbst wenn er oder sie, wofür ja niemand etwas kann, auf der Bestsellerliste gelandet ist. Und er sollte deswegen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch nicht mit so wenig Würde behandelt werden.

Immer steht die Kulisse im Vordergrund. Wovon wird hier abgelenkt, von der Literatur oder vom Moderator?

Zusatzgedanke: Wenn es denn aber bei Büchern offenbar in Ordnung ist, sie mit verächtlicher Geste öffentlich in den Müll zu kippen, sei an dieser Stelle eine Frage erlaubt: Warum passiert das im Bereich der bildenden Kunst überhaupt nirgendwo? Dabei gibt es da doch wirklich recht viel, sagen wir, Albernes. Aber in dieser Kultursparte hat man sich offenbar darauf geeinigt, dass es die Kategorien Gut oder Schlecht nicht mehr gibt. Da gibt es nur den großen Ozean der interessanten Positionen: "Auch eine interessante Position vertritt ...", "eine sehr interessante Position vertritt auch ..." Schriftsteller betreiben einen erheblichen Arbeitsaufwand, um ein Werk von mehreren Hundert Seiten zu verfassen, wo ja jedes einzelne Wort, jeder Satz erdacht und getippt, wo, jedenfalls im Bereich der Fiktion, eine Geschichte erfunden werden muss mit Charakteren und einer logischen Handlung - auf der anderen Seite stellt man sich Künstler vor, die mal eine Idee hatten, die seither ihr Markenzeichen ist. Eine einzige Idee.

Aber zurück zu Denis Scheck. Nach "Druckfrisch" moderiert er inzwischen auch "lesenswert", und darin macht er, was er eigentlich immer macht: Er unternimmt mit Schriftstellern Exkursionen in die Natur. Mit Daniel Kehlmann rudert er auf dem Neuen See in Berlin während eines Gesprächs über Literatur, was irrsinnig ablenkt. Während des Ruderns und Redens wirkt Scheck ganz verliebt in Daniel Kehlmann, was man natürlich verstehen kann. So schön wie Kehlmann spricht sonst im deutschen Fernsehen niemand je über Literatur, man möchte auf der Stelle alle Bücher kaufen, die er in der Sendung als Bücher seines Lebens empfiehlt.

Wenn Denis Scheck in einer Sendung überhaupt mal sitzt, ist immer das Ambiente im Vordergrund. Ob das nun ein Palais ist oder ein penetrant modernes Hotelpenthouse. Oder, mit Frank Schätzing, der Kölner Zoo. Niemals gelingt es irgendeiner Sendung mit ihm, die Kulisse vergessen zu machen. Warum ist das so? Warum reicht es nicht, dass über Literatur geredet wird? Warum muss um Denis Schecks Literaturgespräche immer so ein Ausstattungsbrimborium gemacht werden? Von was soll abgelenkt werden? Von der Literatur? Vom Moderator?

Die Kameraeinstellungen wirken oft, als hätten Laienfilmer alle Funktionen ihrer neuen Kamera ausprobiert

Der neueste Streich ist, dass es im Rahmen dieser Sendung nun auch noch eine Web-Reihe gibt, die, Achtung Gag, "Reitgespräche" heißt. Man hat dafür eine Schriftstellerin gefunden, die reiten kann, nämlich Juli Zeh, Denis Scheck kann es auch, und so unterhalten sich diese beiden nun ausreitend über Literatur. Von Pferd zu Pferd. Warum? Was kommt als Nächstes? Frage an alle Verlage und Literaturagenturen: Haben Sie Schriftsteller mit Outdoor-Können im Programm? Beim Windsurfing mit Denis Scheck über Literatur reden, anyone? Beim Klettern? Bungeejumping?

Bei der Pferdesendung schwenkt die Kamera immer wieder auch auf die Pferde, sie fängt prächtig glänzende Flanken ein. Überhaupt sind die Kameraeinstellungen in Sendungen, die um Denis Scheck herum konzipiert werden, oft, als stammten sie von Laienfilmern, die eine neue Kamera gekauft haben und nun begeistert alles ausprobieren. Ui, guck, die kann auch zoomen. Du, schau, wir könnten sie auf eine Drohne montieren.

Wann immer ich eine Literatursendung mit Denis Scheck sehe, sehne ich mich nach Menschen, die in einem weitgehend undekorierten Fernsehstudio im Lichtkegel von Scheinwerfern sitzen und rauchen, während sie miteinander sehr konzentriert reden, von mir aus gerne zwei Stunden lang über ein einziges Buch. Das Rauchen kann auch weggelassen werden. Das wäre modern.

© SZ/sus
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