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Literatur:Faszination des Verbrechens

In der Alten Kongresshalle wird es spannend: vor allem wenn Experten der Kriminologie abseits der Hauptbühne von ihrer Arbeit berichten.

(Foto: Catherina Hess)

Beim "Crime Day" beleuchten Schauspieler, Reporter und Autoren die Hintergründe von Krimis

Drei Worte: "Ich habe gelogen." Es ist der Beginn eines Geständnisses. Der Serienmörder Horst David legt es 1994 nach stundenlanger Vernehmung durch den Mordermittler Josef Wilfling ab; zunächst teilweise. Am Ende werden sieben Frauenmorde aufgeklärt sein: Alles aber deutet daraufhin, dass noch mehr Opfer auf Davids Konto gehen dürften. Nachweisen kann man ihm das nicht. Für Wilfling bedeutet der Fall dennoch einen der größten Erfolge in der jüngeren deutschen Kriminalgeschichte. Besonders ist vor allem, dass durch neueste Fingerabdruck-Technik das erste Mal in Deutschland Jahrzehnte zurückliegende Morde aufgeklärt werden konnten. Und Wilflings Verhörstrategie wird mittlerweile als Musterbeispiel an Polizeischulen gelehrt.

Beim ersten "Crime Day" München schlüpfen die beiden Schauspieler Ulrich Tukur und Christian Redl in die Rollen von Wilfling und David und stellen das Verhör als szenisches Psychoduell nach. Tukur spielt David, Redl ist Wilfling. Am Ende diskutieren die beiden mit Wilfling und Stern-Crime-Chef Giuseppe di Grazia über den Mörder, der Wilfling sogar Jahre später noch zu Ostern und Weihnachten freundliche Grußkarten aus der JVA Straubing zuschickte.

Bereits den gesamten Tag geht es in der Alten Kongresshalle auf dem Crime Day um spannende Krimigeschichten und wahre Verbrechen. Dabei geben namhafte Krimiautoren wie Bernhard Aichner, Ellen Sandberg oder Marc Elsberg und Reporter des Crime-Magazins des Stern bei Paneldiskussionen und Workshops Einblicke in ihre Arbeit - Anekdoten sind dabei garantiert. Mit Charlotte Link, Melanie Raabe und Sabine Thiesler haben zwar gleich drei Autorinnen krankheitsbedingt absagen müssen. Das Gute aber ist, dass die anderen Kollegen unkompliziert die freigewordenen Plätze in den Talkpanels besetzen.

Es sei überhaupt das Schöne an der Gemeinde der Krimiautoren, dass es unter den Autoren kaum Konkurrenzkämpfe gebe, sagt Elisabeth Herrmann, die vergangenes Jahr ihre Trilogie über die Tatortreinigerin Judith Keppler abgeschlossen hat. So sind die moderierten Talkrunden eher lockere Plaudereien unter Kollegen, in denen man viel über die Arbeit von Krimiautoren lernen kann. Das ist meistens ziemlich witzig. Etwa, wenn Aichner erzählt, dass ein Kritiker eine seiner Figuren als Pippi Langstrumpf auf Speed bezeichnet habe, oder wenn sich Elsberg, Hermann und Aichner auf eine Definition von Krimiautoren einigen: "Wir liegen irgendwo zwischen Vampir und Frankenstein. Wir saugen alles auf, was wir sehen, und setzen es schließlich künstlich wieder zusammen."

Spannender ist es allerdings, wenn man sich abseits der Hauptbühne in der Alten Kongresshalle in die kleineren Veranstaltungsräume, die "Kammer" und die "Werkstatt", begibt. Dort berichten die Autoren, Reporter und Experten aus der Kriminologie in Workshops von ihrer Arbeit. Neben den beiden Münchnern Wilfling und Alfred Riepertinger, medizinischer Präparator am Institut für Pathologie in München, erzählt die Berliner Expertin für Stalking, Sandra Cegla, was geschieht, wenn aus Liebe Terror wird. Die Berlinerin hat 14 Jahre in Kreuzberg und Neukölln als Polizeikommissarin gearbeitet, spricht seit 2012 als Referentin über Stalking und hat außerdem die Beratungsstelle für Stalking-Opfer "SOS-Stalking" gegründet. Die Frage, wo Stalking beginnt und wo es tatsächlich strafrechtlich relevant wird, sei schwer zu beantworten, berichtet sie. Eine Umfrage in ihrem Workshop fördert eine Fülle von Ergebnissen und Definitionen von Stalking zutage. Alle sind richtig, alle haben ihre Berechtigung, denn eine klare wissenschaftliche Definition steht noch aus. Die aktuelle juristische Handhabung aber reicht Cegla bei weitem nicht aus.

Ein bisschen mehr Lagerfeuerstimmung verbreitet der Workshop von Inge Löhnig alias Ellen Sandberg. In knapp fünf Minuten erklärt sie den Hintergrund ihres Pseudonyms: Ellen sorge für den klanglichen Fluss und Sandberg, naja, es sei immer gut, wenn der Name eines Krimiautors nach Skandinavien klinge. Dann plaudert sie aus dem Nähkästchen, beziehungsweise erzählt, wie sie beim Bücherschreiben vorgeht. Am Anfang eines jeden Buches stehe eine gute Portion Wut, meist über einen gesellschaftlichen Missstand. Bei ihrem Roman "Die Vergessenen" war das zum Beispiel die Tatsache, dass sich kaum einer der NS-Ärzte, die in KZs oder Euthanasie-Heimen gearbeitet haben, nach dem Krieg seiner Verantwortung stellen musste. Daraus wird bei Sandberg allerdings immer eine Frage nach der Moral: Welche Strafe hat so ein Arzt heute verdient? Und was sagt es über den Leser aus, wenn er sich dabei erwischt, dass er den Mord an einem NS-Arzt gutheißt?

Auf dem deutschen Büchermarkt dominiert das Krimigenre ganz klar, gefolgt von Thrillern. Das Publikum beim Crime Day ist dementsprechend bunt gemischt, aber die Frauen sind klar in der Überzahl. "Frauen lesen überhaupt viel härtere Krimis als Männer", sagt Elsberg. Ein Thriller zum Selbsterleben ist der Crime Day aber nicht, sondern vielmehr ein Tag voller ebenso lockerer wie spannender Unterhaltung. Das ist aber auch ganz gut so.

© SZ vom 11.02.2020

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