Literatur Erzählen ohne Grenzen

Der Illustrator und Kinderbuchautor Tomi Ungerer ist gestorben.

Von Roswitha Budeus-Budde

Eigentlich hat Tomi Ungerer mehr als ein Leben geführt: Er wurde 1931 im Elsass geboren, in einer Zeit, die einem künstlerisch begabten und hochsensiblen Kind kaum ein bürgerliches Leben bieten konnte. Der Vater verstarb früh. Er erlebte die Besatzung durch die Deutschen, die Kriegsgräuel und erzählte bis zum Lebensende davon, wie ihn die Nazi-Ideologie geprägt hatte.

Noch 2011 sagte er in einem Interview: "Ich bereue nicht, ein Teil von dieser Erziehung gewesen zu sein. Es war ja nicht meine Schuld. Ganz jung hatte ich aber schon ein Bewusstsein dafür, was Unrecht ist. Ich bin fasziniert, wie sich im Menschen das Böse entwickeln kann." Nach Kriegsende begann die Phase der französischen Repatriierung, die Tomi Ungerer zu einem überzeugten Europäer machte, sogar 2000 zu einem Mitglied des Europarates, als "Botschafter für Kindheit und Erziehung".

Berühmt wurde er in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg als Karikaturist des New Yorker, mit seinen Arbeiten für die Werbung und seinen politischen Kampagnen gegen den Vietnamkrieg, die ihn während der McCarthy-Ära auf die Schwarze Liste der Einwanderungsbehörden brachte. Seine Karikaturen, oft erotische Obsessionen, zum Beispiel in dem Band "Fornicon", brachten ihm nicht nur in den USA Verbote und empörte feministische Reaktionen ein, die er immer wieder abwehrte: "Ich habe nie Pornografie gemacht, sondern erotische Satire."

1971 verließ er die USA, um mit seiner Familie, den drei Kindern und seiner Frau als Farmer zu leben, erst in Kanada und dann in Irland. Neben der Viehzucht und Farmarbeit zeichnete er bis zu seinem Lebensende, veröffentlichte auch wieder Bilderbücher und organisierte Ausstellungen. Sein größter Erfolg wurde das "Liederbuch", ein Beispiel dafür, wie er mit der scheinbar biedermeierlich heiteren Welt hinterhältig spielt, das Grauen inbegriffen.

Im Elsass nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der französische Illustrator Tomi Ungerer zum Europäer, in New York zum Star-Autor, in Irland zum Farmer.

(Foto: SZ Photo)

In seinem Vorwort zu Ungerers "Babylon" schrieb Friedrich Dürrenmatt: "Tomi Ungerer weiß, dass man sich nicht nur durch das Leben, sondern auch das Zeichnen zu listen hat." In dem Buch hatte der große Zyniker Ungerer mit seiner diabolischen Gesellschaftskritik wieder einmal die Grenzen von Anstand, Sitte und Moral überschritten. Er schien sie Zeit seines Lebens gar nicht wahrzunehmen.

Es machte ihm höllischen Spaß, als Anarchist seine Umgebung zu schockieren, die Provokation war seine Lebensstrategie. Bei einer Tagung für Sozialpädagogen, die vor 20 Jahren in der Internationalen Jugendbibliothek in München stattfand, ging er einmal vor der Moderatorin auf die Knie und bat sie um ein Kind. Das halbe Auditorium flüchtete. Bei einer Begegnung mit ihm, in den 90er-Jahren, gab es nur zwei Möglichkeiten auf seine verbalerotische Begrüßungsattacke zu reagieren: Entrüstung oder Gegenangriff. Erst dann erzählte Ungerer von seinem Leben in Irland und seiner Arbeit als Bilderbuchillustrator und politischer, satirischer und erotischer Chronist.

Schon in seiner Jugend galt er als aufsässig und renitent - mit einer früh erkannten künstlerischen Begabung - und gelangte ohne Schul- und Berufsabschluss auf abenteuerlichen Umwegen als Fünfundzwanzigjähriger nach New York.

Fast am Verhungern und verzweifelt wurde ihm das Zeichnen zur Therapie. Angetrieben von einem unglaublichen Arbeitswillen, der ihn nie verließ, wird sein erstes Bilderbuch, die Schweinegeschichte "Die Mellops gehen fliegen" gleich ein Erfolg. Doch wie alle seiner Bilderbücher in den USA erfuhr es auch Kritik und Zurückweisung. Seine realistisch-moralische und gleichzeitig subversive Erzählweise, die auch das Grauen darstellt, schien für Kinder nicht geeignet zu sein.

In den Jahren zwischen 1970 und 1980 erschienen seine bekanntesten und erfolgreichsten Bilderbücher. Im "Zauberlehrling", zusammen mit Barbara Hazen, verwandelt sich Goethes Gedicht in eine turbulente Geschichte, illustriert mit kräftigem buntem Strich. Und weil Persiflage und Ironie untrennbar mit Ungerers Kunst verbunden sind, spielt das Ganze am Rhein.

In "Zeraldas Riese" besiegt die Kochkunst eines Mädchens einen wilden Menschenfresser. Später werden sie ein glückliches Elternpaar. Aber warum nur betrachtet einer der Söhne mit Messer und Gabel hinter dem Rücken das neue Baby? Mit "Kein Kuss für Mutter" schrieb und zeichnete Ungerer eine zeitlose Erziehungsgeschichte, lehrreich für den wilden Toby Tatze und alle überbesorgten, nervenden Mütter.

Er stellte in seinen Kinderbüchern immer auch das Grauen dar: "Warum bin ich nicht du?" und "Zeraldas Riese".

(Foto: Verlag)

Später, als aufmerksamer Beobachter der Illustratorenszene stets auch Kommentator des Betriebs, wandte er sich gegen die Heile-Welt-Darstellungen für Kinder: "Ich habe viele Jahre keine Kinderbücher geschrieben, weil es so viele Titel gibt und eines schlimmer und süßer ist als das andere. Es gibt so viel Puschi-muschi, Fischi- faschi", sagte er 2011 in einem Interview.

Tomi Ungerer wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, mit dem "Internationalen Hans-Christian-Andersen-Preis", mit dem Orden der französischen Ehrenlegion, 2017 mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Buchpreises. Doch als größte Auszeichnung empfand er die Errichtung eines eigenen Museums im Zentrum von Straßburg.

Der Gedanke an den Tod beschäftigte ihn sein ganzes Leben, die traumatischen Erfahrungen seiner Kindheit verfolgten ihn bis ins Alter.

Schon 1991, nach drei Herzinfarkten und einer schweren Krebserkrankung beschrieb er sein Grab: "Ich bin mein ganzes Leben gestanden, also möchte ich auch stehend begraben werden. Mein Grab soll ein Elevator sein: Ein Schacht im Boden, ein Lift mit einer Tür und einer Lücke für meine Augen. Man drückt auf einen Knopf, dann komme ich wieder nach oben und kann über die elsässische Ebene sehen. Das ist die totale Arroganz. Ich bin total arrogant." Am Samstag ist Tomi Ungerer im Alter von 87 Jahren in Cork, Irland, gestorben.