Süddeutsche Zeitung

Literatur:Eine andere Sicht auf die Dinge

"Was wäre, wenn?" Lena Gorelik ist eine der Münchner Autorinnen und Autoren, die aufgeschrieben haben, wie es sich anfühlt, mit einer Behinderung zu leben. Eine Lesung im Literaturhaus

Von Antje Weber

Als Lena Gorelik taub wurde, war das für sie eine Erleichterung. "Plötzlich war Ruhe", erinnert sie sich, "ich habe durchgeatmet." Sie verständigte sich über Lippenlesen und Zeichen, das gelang ihr überraschend gut. Die Euphorie darüber, die Welt als amüsanten Stummfilm zu erleben, hielt allerdings nur drei Stunden an. Dann wurde Gorelik depressiv. Sie fühlte sich wie hinter einer Glaswand: "Ich hatte keinen Zugang mehr zur Welt."

Glücklicherweise konnte die Münchner Schriftstellerin das Experiment nach einem Tag und einem Abend wieder beenden. Sie durfte die extra-krassen Ohrstöpsel, die sie sich gekauft hatte, wieder aus den Gehörgängen ziehen und ihre Erfahrung mit der Taubheit in einem Text verarbeiten. Ein Rollentausch unter dem Motto "Was wäre wenn?", den wie sie auch Doris Dörrie, Alex Rühle und Frédéric Valin unternommen und anschließend beschrieben haben - bei ihnen ging es um die Erfahrungen von Blindheit, Querschnittslähmung und geistiger Behinderung.

Angeregt hat dieses literatur-praktische Projekt der Münchner Schriftsteller Maximilian Dorner, der sich mit dem Thema Behinderung aus eigener, dauerhafter Erfahrung auskennt. Die aus dem Projekt erwachsene Lesung im Literaturhaus am 19. Januar ist Teil der Reihe "Kunst und Inklusion" des Kulturreferats. Im Rahmen der literarischen Veranstaltungen werden die Münchner Autorinnen Sarah Elise Bischof und Petra Morsbach in der Seidlvilla ebenfalls über die Erfahrung körperlicher Versehrtheit sprechen (21. Januar, 19.30 Uhr). Und auch das Online-Literaturportal Bayern umkreist das Thema tastend: "Literatur ist unscharfes Sprechen auf unsicherem Grund, ist sanft fließendes Stottern und taubes Überhören, ist hinkendes Tanzen und stummes Blechtrommeln, ist halbblindes Hellsehen eines anderen Zustandes", heißt es dort. Aber auch: Die Benennungen von Behinderungen "forcieren die Trennung der Lebenswelten" sprachlich und transportieren sie so "in unsere Köpfe und unser Handeln".

Genau das will eine Autorin wie Lena Gorelik vermeiden. Zum Beispiel auch in ihrem aktuellen Roman "Null bis unendlich" (Rowohlt), der anhand dreier sehr eigenwilliger Figuren unter anderem das Thema Autismus behandelt, ohne explizit darüber zu sprechen. Mit einer Ausnahme: In einem Kapitel, in dem Gorelik anschaulich die Eigenart eines Kindes namens Niels-Tito beschreibt, das seine Welt ganz in Hinblick auf die Zahl elf strukturiert, schreibt sie am Ende trotzig: Er war "kein Kind wie andere Kinder, was ihn selbst wahrscheinlich am allerwenigsten störte. Ein Autist war er im Übrigen auch nicht."

Warum sie damit bewusst gegen die Leser-Erwartungen ansteuern will? "Ich brauche die Abgrenzung zum Autismus nicht", sagt Gorelik. Das Kind Niels-Tito sei eben anders, als es die Schubladen für Normalität vorgäben: "Er hat eine andere Denkweise und ein anderes Gefühl gegenüber Dingen, das nicht in Strukturen passt." Dabei gehe es aber hauptsächlich um eine "Wertung von außen". Gorelik findet nicht, dass man Krankheiten und Behinderungen thematisieren muss, wenn es keine Bedeutung hat. Das sei wie bei Migration oder Judentum: "Es geht darum, nicht alles darüber zu definieren." In manchen Zusammenhängen lasse es sich natürlich nicht vermeiden. Wenn zum Beispiel der Junge im Roman auf Klassenfahrt geht, "dann ist es für seine Lehrer wichtig zu wissen, dass Niels-Tito nicht umarmt werden will". Aber, fährt sie fort, "muss man ihn trotzdem die ganze Zeit als Autist laufen lassen?" Das Bedürfnis danach, Anders-Sein zu benennen und Menschen damit in Schubladen zu stecken, nimmt ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft ohnehin zu - "vielleicht weil die Welt so diffus ist".

Eine Botschaft will Gorelik jedoch nicht transportieren, zumindest war das beim Schreiben nicht ihre Absicht. Sie ging von der Hauptfigur des hochbegabten, in seinen sozialen Fähigkeiten jedoch eingeschränkten Nils Liebe aus. Ihm wollte sie Figuren entgegensetzen, die er interessant finden würde: den ähnlich veranlagten Jungen Niels-Tito, der nicht zufällig auch einen recht ähnlichen Namen trägt. Und dessen kantige Mutter Sanela, die als Migrantin mit anfänglichen Sprachproblemen ebenfalls eine Außenseiterin ist: "Alle kämpfen mit dem Gefühl, anders zu sein."

Ein Gefühl, das sie auch von sich selbst kenne, sagt Gorelik. Schon als Kind habe sie gemerkt, dass sie ein "anderes Lebenskonzept" als viele andere habe. Sie hat früh viel gelesen statt zu spielen, sie hat früh Geschichten erfunden, und "ich tue mich manchmal schwer mit Konventionen. Ich mag mir das aber auch nicht abtrainieren." Glorifizieren will sie das Anders-Sein jedoch nicht: "Man scheitert auch daran. Man muss sich mit der Wertung der anderen befassen, das ist nicht immer einfach."

Das musste Gorelik auch bei der Rezeption ihres Romans feststellen, der nicht nur gelobt wurde. Dass Kritikern darin allzu viele ungewöhnliche Ereignisse vorkommen - zum Beispiel erkrankt die Mutter Sanela an einem Gehirntumor und sucht den Freitod -, das kann Gorelik noch verstehen: Beim Schreiben sei sie völlig unter dem Eindruck des Suizids von Wolfgang Herrndorf gestanden, erzählt sie. Schwerer fällt es ihr zu akzeptieren, dass manche von ihr ausschließlich Bücher fordern, die ihren früheren Erfolgen ähneln, von "Meine weißen Nächte" bis zu "Lieber Mischa". Man erwarte von ihr, die sich doch im Schreiben weiterentwickeln wolle, dass sie immer wieder "witzige Geschichten über ihren Hintergrund" als russischstämmige Jüdin schreibe und damit letztlich "als Marke" funktioniere. Da ist es schon wieder, das Problem mit den Schubladen. Und leider hilft es ja im Leben nicht immer, sich einfach taub zu stellen.

"Was wäre wenn?", Dienstag, 19. Januar, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1

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SZ vom 19.01.2016
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