Literatur Ein Hauch von Larmoyanz

München kennt Thomas Palzer schon aus seiner Studentenzeit. Jetzt hat er einen Roman geschrieben, der auch in der Stadt spielt.

(Foto: Thomas Dashuber)

Der in Leipzig lebende Schriftsteller Thomas Palzer stellt seinen in München angesiedelten Roman "Die Zeit, die bleibt" in der Buchhandlung Moths vor

Von Christian Jooß-Bernau

Keine Zeugen, keine Spuren. Es passiert, als er die Bahnunterführung der Tumblingerstraße stadteinwärts verlässt. Zwei Scheinwerfer. Dann wacht er auf - Rechts der Isar. Ewart Colver ist ein Münchner Rechtsanwalt. Zwei Kinder, eine gescheiterte Beziehung. Der Tangotanz ist es, der ihm Bodenhaftung gibt. Jetzt liegt er da, Unterschenkel und Becken kaputt, ein Riss in der Milz, und grübelt. "Die Zeit, die bleibt" heißt der neue Roman von Thomas Palzer, der, mittlerweile in den 60ern, Jahrzehnte als Journalist und Autor hinter sich hat. Palzer lebt in Leipzig, aber mit München ist er seit Studententagen verbunden, hat für den Zündfunk gearbeitet und als Mitherausgeber der Zeitschrift Mode und Verzweiflung seinen Teil zur deutschen Popkultur beigetragen. Zuletzt erschien von ihm "Vergleichende Anatomie. Eine Geschichte der Liebe", eine Selbsterkundung des älter werdenden Mannes und seiner Sexualität.

Mit einer gewissen Erwartbarkeit, landet auch Anwalt Colver noch im Bett. Mit Alex, nachdem er mit Helka "das Tanzbein geschwungen hatte" - was als müffelnde Formulierung aus einem sonst stilistisch doch recht sicheren Text, herausragt. Der Sex ist bei diesem Colver die Selbstvergewisserung des geschwächten Mannes auf dem Weg vom Krankenlager zurück ins Leben. Der Unfall hat nicht nur den Körper getroffen, sondern die Vergangenheit aufgewühlt, in der er einst für eine Versicherungsgesellschaft arbeitet. Einen toten Somalier gab es, einen Drogenkurier, gefunden zwischen Bananenkisten. Auf einem Schiff in Bremerhaven. Jetzt ist da dieser Anruf eines Bremer Zollkomissars, der ihm von einer Spur zu einem Schweizer Fotografen erzählt. Irgendwie muss das doch alles zusammenhängen.

Während man im Nebel der Erzählung Bruchstücke einer Handlung ahnt, die einem merkwürdig überdimensioniert vorkommt, wird ein zweiter Strang aufgebaut. Um Shenja Orlov, einen jungen Exil-Russen, der in Berlin-Wilmersdorf lebt. Der Vater säuft, die Mutter arbeitet. Orlov ist ein Kind der geopolitischen Umwälzungen, ein Mensch ohne viel Hoffnung, dessen computeranimierte Machtfantasien sich in einem Hang zur Selbstbewaffnung fortsetzen. Aber da ist eben auch seine Erinnerung an das Mädchen Asja im Herbst 1997. An den Funkenüberschlag des Begehrens im Schatten des Tesla-Turms bei Istra, in der Nähe von Moskau. Es ist der elektrifizierende Beginn der ersten Liebe, die zum Lebensverlust Orlovs wird.

So laufen die Erzählstränge, deren Distanz nicht überbrückbar scheint, nebeneinander her. Hier der Anwalt, dessen Grundverfassung und eingeschränktes Sichtfeld leicht an Alfred Hitchcocks "Fenster zum Hof" erinnern. Colver versucht sich einen Reim darauf zu machen und spinnt sich Gründe um das Unerklärliche. Dort ein Traumatisierter, dessen hässlicher erster Auftritt nach und nach dem Mitgefühl für ein spätkapitalistisch verpfuschtes Leben weicht.

Wie sie so nebeneinanderstehen, der Anwalt mit diesem Hauch von abgelebter Larmoyanz und seinem Kartengebäude an Vermutung und Orlov mit den vielen echten Problemen, die ihm die Psyche verhagelt haben, merkt man, wie blass doch die erste Figur bleibt. Am Ende sitzt Colver in einer Bar und will das ganze verworrene Elend der Existenz herunterspülen - mit einem Single Malt, bevor er seine Zukunft und Alex beiseite drängt und wankend in der Nacht verschwindet.

Thomas Palzer: Die Zeit, die bleibt (Tropen); Mittwoch, 8. Mai, 19.30 Uhr, Literatur Moths, Rumfordstraße 48