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Literatur:Ein Buch, das jeder Deutsche lesen sollte

SZ-Magazin

Der größte Feind des Kolumnisten Maxim Billers ist immer zuerst Maxim Biller. Aber das ist ja gerade der Witz.

(Foto: Foto: Christian Werner)

Böse, bitterböse: Maxim Billers berüchtigte Kolumnen "Hundert Zeilen Hass" erhellen die deutsche Kleingeistigkeit der Achtziger- und Neunzigerjahre.

Es führt kein Weg daran vorbei, es gleich zu sagen: Dies ist ein fieses Buch. Und zwar nicht nur mittelfies, so ein bisschen gewohnheitsgemein wie die Alltagsniedertracht, mit der man sich als gelernter Hilfskapitalist gerne mal über einen schlechten Tag im Büro zu retten versucht. Nein, die Texte in diesem Buch sind geradeaus fies, ungnädig und böse, bitterböse auch. Anders gesagt: Jeder sollte es lesen. Wenigstens jeder Deutsche. Dann aber bitte mehrmals.

"Hundert Zeilen Hass" heißt dieses Buch. Es versammelt in chronologischer Reihenfolge vor allem die Kolumnen, die Maxim Biller von 1987 bis 1996 in der Zeitschrift Tempo veröffentlicht hat (bis 1993 hieß die Kolumne dort auch so "Hundert Zeilen Hass") sowie die Texte der Kolume "Junges Deutschland", die er von 1996 bis 1999 für das Magazin der Zeit schrieb.

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Die Kolumnen haben den Schriftsteller Maxim Biller berühmt und berüchtigt gemacht. Also so berühmt und berüchtigt, wie man in diesem Land als Kolumnist und Journalist eben werden kann - bevor man es schafft, dass einem das Bundesverfassungsgericht einen Roman wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten verbietet, was Biller 2003 mit "Esra" gelang. Warum ihn aber schon die Kolumnen bekannt machten, versteht man auch beim Wiederlesen sofort wieder sehr gut. Und vermutlich versteht es auch jeder gut, der die Texte jetzt zum ersten Mal liest, obwohl es - abgesehen von den drei Texten, die aus den späteren Nullerjahren stammen - ja eigentlich um eine wirklich ferne Zeit geht: das Deutschland der Achtziger und Neunziger nämlich, in all seinen Widersprüchen, seiner Selbstgerechtigkeit, Hässlichkeit, Grauenhaftigkeit und größenwahnsinnigen Kleingeistigkeit.

Am Ende ist es eine große, strenge Studie über Deutschland und die Deutschen in 119 Kapiteln, die einem heute lesenswerter denn je erscheint. Im Angesicht von Trump, Kapitalismuskrise, Populismus, Terrorismus, Krieg in Syrien, Flüchtlingskatastrophe und Ehe für alle geht's gerade ja so unmittelbar wie lange nicht um die Frage, was dieses Land eigentlich sein möchte. Oder ist. In all seinen Widersprüchen, seiner Selbstgerechtigkeit, Hässlichkeit, Grauenhaftigkeit und größenwahnsinnigen Kleingeistigkeit.

Eine alte Dödelweisheit besagt, dass man sich als Journalist mit keiner Sache gemein machen solle, auch nicht mit einer guten. Bei Biller ist das Prinzip eher, dass man sich auf der Suche nach der Gemeinheit lieber mal besonders bei den guten (und den für gut erklärten) Sachen umschauen sollte. Motto: Die Feinde meiner Feinde sind auch meine Feinde. Und da gibt es dann vor dem Schwabinger Stil oder der Lust an der Bilderflut im Allgemeinen genauso wenig Grund zur Gnade wie im Besonderen vor Willy Brandt, Bernd Eichinger oder sogar den eigenen Freunden.

Ein feines Ohr für die Rhetorik der Demagogie

Seine Antwort auf die Frage, warum die Deutschen den Filmproduzenten Bernd Eichinger lieben, lautete etwa: "Weil er ähnlich wie Steffi Graf, Ulf Merbold, BMW, Helmut John und Hans Dietrich Genscher mit seinen international erfolgreichen Megaproduktionen wie der ,Unendlichen Geschichte' oder eben dem ,Namen der Rose' demonstriert, dass ein Deutscher im Ausland auch ohne Panzer, Landsergesänge und einen Welteroberungsauftrag bestehen kann."

Und gegen die Apotheose Willy Brandts beharrte Biller darauf, dass man sich bitte vergegenwärtige, wie sich "der stolze Antifaschist 1989 urplötzlich in den begeisterten Chauvinisten verwandelte". Man müsse daran erinnern, wie Brandt "im Mauerfalljahr davon sprach, dass Schluss sein müsse mit der Bevormundung der Deutschen durch die Siegermächte". Und mit einem feinen Ohr für die Rhetorik der Demagogie wollte er es Brandt auch nicht durchgehen lassen, dass er "in seinem von linken Minderwertigkeitskomplexen befeuerten Einheitsrausch" damals erklärte, dass die Deutschen ein Volk seien, ",das härter geschlagen worden ist als andere', um diese stumpfe Kleinbürger-Ungeheuerlichkeit nur zum Schein durch den Zusatz ,zum Teil durch eigene Schuld' zu entschärfen".

Die Lust an der Bilderflut wiederum erledigte er so: "Es gibt Leute, die hängen sich einen Spiegel übers Bett und schauen sich dann dabei zu, wie sie es miteinander treiben. Nicht mehr ihr Tun berauscht und erregt diese abgekämpften Sexualsportler, sondern nur noch das Abbild ihres Tuns. Zum Teufel mit ihrer verklemmten Lust! Und zum Teufel mit unserer modernen Existenz, denn sie funktioniert nach exakt demselben Prinzip!"