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Literatur:Diesem Mann ist nicht beizukommen

Heute feiert Marcel Reich-Ranicki seinen fünfundachtzigsten Geburtstag

Berühmt, weit über die Kreise des literarisch interessierten Publikums hinaus, wurde Marcel Reich-Ranicki als Schauspieler. Die Rolle, die ihn berühmt machte, ist die des lesenden Menschen. Gewiss, niemand zweifelt daran, dass er tatsächlich las, auch lange und gründlich.

Reich-Ranicki

Feiert seinen 85. Geburtstag: Marrcel Reich-Ranicki

(Foto: Foto: dpa)

Er kennt sich aus in der Dichtung, vor allem in der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. Und doch ist da etwas anderes, das seine Kenntnisse und sein literaturkritisches Urteil hinaustreibt auf die große Bühne - wo er dann sitzt, um wie aus tiefer Lektüre aufzuschauen und spielend zu sein, was in seinem Publikum keiner ist und auch keiner mehr werden wird: ein Lektürewesen.

Den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gibt es schon seit längerem nicht mehr. In den neunziger Jahren, als er mit dem "Literarischen Quartett" zum mit Abstand mächtigsten Rezensenten der Republik geworden war, löste sich ein neuer, anderer Marcel Reich-Ranicki aus dem Kritiker: der Autor der eigenen Lebensgeschichte.

Geschichte eines polnischen Juden

Autor war er zwar schon zuvor gewesen, aber nur unter anderem, ein Autor von Anthologien, nicht zuletzt der eigenen Rezensionen, Schriftstellerporträts und Reflexionen auf die Literaturkritik - doch zuerst war er Rezensent, anfangs der Zeit als freier Mitarbeiter verbunden, dann siebzehn Jahre lang Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Nun aber war er der Autor eines autobiografischen Bestsellers. Dieses Buch ließ ihn persönlich unbelangbar werden. Denn es geht darin um die Geschichte eines polnischen Juden, der, in einer unglaublichen Verkettung glücklicher Umstände, dem Warschauer Ghetto und dem Holocaust entkommen war und die deutsche Literatur zu seinem "portativen Vaterland" gemacht hatte.