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Literatur:Die Verlegerin

Monika Schoeller von Holtzbrinck

Sie machte eben, was sie wichtig fand: Die Verlegerin und Mäzenin Monika Schoeller.

(Foto: Bernd Kammerer/dpa)

Ohne sie wäre die Verlagslandschaft eine andere: Monika Schoeller wird achtzig Jahre alt.

Wenn ich an Monika Schoeller denke, sehe ich sie zusammen mit Ilse Aichinger vor mir, ihrer Autorin, die eine Zeit lang bei ihr in Frankfurt lebte, zwei Freundinnen der Stille und des Bei-sich-Bleibens. In der Öffentlichkeit aber sieht man sie nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Sie sei nicht "gesellschaftsfähig", sagte sie kürzlich, als ihr der Maecenas-Preis verliehen wurde. Steht man ihr aber gegenüber, hat man sofort das Gefühl großer Wärme und Herzlichkeit; sie freut sich sichtlich über die Begegnung, und dazu bedarf es nicht vieler Worte.

Als Monika Schoeller 1974 den S.-Fischer-Verlag übernahm, lebte das traditionsreiche Haus mit seinen häufig wechselnden Geschäftsführern eher in der Vergangenheit: Thomas Mann, Kafka, Hofmannsthal, Schnitzler, Freud, Werfel, Stefan Zweig, die meist einfach nachgedruckt worden waren. Die deutsche Gegenwartsliteratur suchte man eher bei Suhrkamp, Hanser, Rowohlt, und wenn Fischer welche hatte - Thomas Bernhard, Paul Celan, Johannes Bobrowski -, liefen sie irgendwann davon. Viele wichtige Reihen führte sie natürlich weiter - die Freudiana mit den Briefeditionen, auch die Hofmannsthal-Briefwechsel, und von Thomas Mann erschienen die Tagebücher. Aber das meiste machte sie eben klüger als ihre Vorgänger. Bei Fischer gab es zwar eine vielbändige, schön gedruckte Hofmannsthal-Ausgabe, die allerdings keinen editorischen Ansprüchen genügte. So setzte sie seit 1975 eine kritische Ausgabe in Gang, die nach über vierzig Jahren jetzt vor dem Abschluss steht. Das war oder ist ein Mammutunternehmen, das kein Verlag finanzieren kann, bei dem auch die zuständigen Stiftungen irgendwann abwinken und das sich nicht verkauft. Was macht Monika Schoeller? Sie greift in die eigene Tasche.

Ohne sie wären die Gesamtausgaben von Mandelstam, Machado, Pessoa nie erschienen

Seit 1982 beginnt endlich eine kritische Kafka-Ausgabe zu erscheinen, die wer weiß wann fertig sein wird; im letzten Jahr erschien Band I der kritischen und kommentierten Edition der Joseph-Romane von Thomas Mann. Wer finanziert das? Als der Verlag mir die Virginia-Woolf-Ausgabe antrug, war meine Bedingung, es müssten alle Romane neu übersetzt, dazu sechs bis acht Bände Essays, zwei, besser drei Briefbände und alle fünf Tagebuchbände gemacht werden, außerdem solle die Malerin Sarah Schumann die Umschläge zeichnen. Der Geschäftsführer raufte sich die Haare und rechnete mir vor, was das koste. Monika Schoeller stimmte mir zu: 25 Bände in 25 Jahren. Sie machte eben, was sie gut und wichtig fand, nicht was "sich rechnete". Eine Großtat nach der anderen, die jeder Verleger groß hinausposaunt hätte. Sie nicht. Ich müsste jetzt noch die von ihr gegründete S.-Fischer-Stiftung nennen, die viele Kalkulationen ermöglicht und außerdem Übersetzungen deutscher Gegenwartsliteratur in osteuropäische Sprachen finanziert, müsste die Unterstützung anderer Verlage nennen wie die des Ammann-Verlags, der ohne sie seine herrlichen Gesamtausgaben von Mandelstam, Machado, Pessoa nicht hätte herausbringen können. Des Staunens und Preisens wäre kein Ende.

Gesagt werden muss aber, dass durch sie der Verlag wieder eine erste Adresse für die deutsche Gegenwartsliteratur geworden ist. Das begann mit Hubert Fichte, Hermann Burger, Wolfgang Hilbig, Monika Maron, Gerhard Roth und reicht bis zu den Neueren und Neuesten: Marlene Streeruwitz, Felicitas Hoppe, Katharina Hacker, Kathrin Röggla, Ulrich Peltzer, Uwe Kolbe, Michael Lentz und viele, viele andere. Gesagt werden muss schließlich, dass Monika Schoeller einen sicheren Instinkt bei der Wahl ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte. Vor ein paar Jahren, am ersten Tag der Buchmesse, stand ich mit ihr am S.-Fischer-Stand, als sie sagte: "Ich bin so glücklich über meine Enkel." "Ihre Enkel?" "Ja, alle diese jungen Menschen mit ihren fröhlichen Gesichtern, denen man ansieht, dass sie gern im Verlag arbeiten." Das galt für alle Abteilungen, vor allem aber gewiss für die "Chefs". Einige von diesen haben - aus unterschiedlichen Gründen - den Verlag inzwischen verlassen. Gebe der Himmel, dass der Verlag in ihrem Sinne weitergeführt wird.

Klaus Reichert ist Autor, Übersetzer und Lektor. Er war Professor für Anglistik in Frankfurt und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

© SZ vom 14.09.2019

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