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Literatur:Die Gegenwart ist Botho Strauß ein Gräuel

Botho Strauß schlägt seinen Lesern vor: "Was immer Sie festigt, woran immer Sie glauben mögen - glauben Sie einmal zwei Stunden nicht daran."

(Foto: imago stock&people)

Wenn dieser Autor nur beobachtet, ist er schwer zu übertreffen. Doch mit "Der Fortführer" wird erneut deutlich, dass Strauß eine reaktionäre Agenda verfolgt.

Von Christoph Bartmann

Zehn kurze Kapitel, die aus wenig mehr als poetischem Blütenstaub bestehen, und dann ein längeres, abschließendes, das den Titel des Buches einlöst: "Der Fortführer". In dem neuen Band von Botho Strauß sind die Notate noch einmal knapper, fragmentarischer und rätselfreudiger ausgefallen als in seinen früheren Büchern. Fortgeführt wird hier manches, was Strauß-Leser kennen, aber der Titel will auf Allgemeineres hinaus. "Man ist Fortführer - oder es gibt einen gar nicht. Der Dichter führt vorangegangene Dichter fort."

Den Gedanken, dass kulturelle Evolution auf vererbten Kopierregeln basiert, hatte zuletzt schon Peter Sloterdijk ausgeführt. Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, das sind für ihn (und auch für Strauß) die vätermordenden Avantgardisten und Innovatoren der letzten 100 Jahre, Leute, denen der Respekt vor und die Ahnung von Überkommenem gänzlich fehlt. Aus dieser üblen, traditionsblinden Gegenwart müsse nun der Dichter seine Leser "fortführen", fordert Strauß, ein Fortführer eben in zweierlei Wortsinn. Ihre negative Schubkraft gewinnen Strauß' Gedanken allerdings aus der Vorstellung, dass es dafür längst zu spät sein könnte, dass Dichter und andere Fortführer längst auf verlorenem Posten stehen.

Man stelle sich nur für einen Moment vor, alles wäre gut: die deutsche Sprache in schönster und kräftigster Blüte wie seit Luther nicht, die sozialen Medien sämtlich im Ruhezustand und alle Irrtümer der neueren Zeit, vom Marxismus bis zum "Genderismus", glücklich überwunden. Und in unseren wieder genesenen Bildungsanstalten läse man vornehmlich Rudolf Borchardt und Stefan George. Man wünscht Botho Strauß und uns, dass solche regressiven Ideen nicht den Horizont seiner Vorstellungskraft beherrschen. Wahrscheinlicher wird allerdings mit jedem neuen Buch, dass Strauß tatsächlich eine reaktionäre Agenda verfolgt. Wie "rechts" das ist, ist die falsche Frage. Strauss orientiert sich geistig an einer Zeit vor der Einführung des Parlamentarismus. Wer nicht vor 1789 gelebt habe, zitiert er Talleyrand, der habe nicht die Süße des Lebens gekannt. Nicht wenige der Probleme, mit denen sich der verbitterte Zeitdiagnostiker Strauß herumschlagen muss, fangen mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit an.

Dann allerdings gibt Strauß den Lesern und wohl auch sich selbst ermahnend den Satz mit: "Was immer Sie festigt, woran immer Sie glauben mögen - glauben Sie einmal zwei Stunden nicht daran." So beraten, wollen wir eine Weile nicht daran glauben, dass Botho Strauß mit politisch fragwürdigen Positionen sympathisiert oder solche gar selbst formuliert, sondern den "Fortführer" als dichterisches Werk begreifen. Die Anstrengung lohnt sich. Zwischen Preziösem und Gesuchtem finden sich bei Strauß immer auch die Früchte tiefer Träume und verwegener Assoziationen. Etwa diese: "Immer mehr gut aussehende Männer werden in Dinge verbannt. Da rollten zwei Fahrräder unbesetzt über den Uferdamm, und in den Speichen erschienen bei heftiger Drehung die Veloplasmen zweier philosophischer Freunde" - solche Eingebungen lassen einen wehmütig an den verschrobenen Charme und die Leichtigkeit früher Strauß-Bühnenstücke denken. Das Surreale, der Dämmer, die brüsken Gestaltwandel zwischen Dingen und Lebewesen, all diese Zutaten der Strauß'schen Welt sind da, und sie werden nicht entwertet dadurch, dass der Autor auf Kriegsfuß mit der Gegenwart lebt. Wo Strauß einfach nur beobachtet, ist er schwer zu übertreffen.

Manches Wahre und vieles Glänzende in diesem Buch wird eine Beute des Ressentiments

Leider sind seine Beobachtungen aber oft nur Zwischenstufen auf dem Weg zu Erkenntnissen, die der Beobachtung gar nicht bedurft hätten. Gerade hat man sich etwa noch am Bild uralter Rotbuchen im herbstlichen Wald erfreut, die Strauß mit "flammenfarbenen Pagoden" vergleicht, dann bringt er ihr "Rotgelb" mit dem "Herz des offenen Feuers" in Verbindung. So weit, so gut, möchte man sagen, aber dann: "Denkbar ist etwas nur noch nahe der Lohe. Sprache gilt nur, wo sie glüht wie feuriges Eisen kurz vor der Schmelze."

Blick ins Buch

Die Rotbuche ist da schon einer Konklusion zum Opfer gefallen, die sich eilends vom Pathos ins Bildlose davontragen lässt. Dass "etwas nur noch nahe der Lohe" denkbar sei und so weiter, macht dann die schöne Ausgangswahrnehmung komplett zunichte. In einem ist Strauß dann doch ein Adept der Kritischen Theorie geblieben: in seiner melancholischen Vorliebe für die Rhetorik des "kaum noch etwas".

Woher will er wissen, was "Sprache gilt" und was "nur noch nahe" wovon denkbar ist? Was sind das überhaupt für Instrumente, mit denen Strauß die von ihm so innig verachtete Gegenwart in den Blick bekommen will? Es wäre erstaunlich, wenn ausgerechnet diese Art Essayistik in der Hofmannsthal-Nachfolge sie uns an die Hand gäbe.

So wird manches Wahre und vieles Glänzende in diesem Buch eine Beute des Ressentiments. Nicht nur die Gegenwart ist Strauß ein Gräuel geworden, nein, auch schon die ganze Moderne, ja eigentlich die Kunst oder Kultur, seit sie das Fortführen bleiben ließ, seit Duchamp also oder seit Strawinsky? Davor gab es noch, schreibt Strauß, den Typus des Spätromantikers, "der, einer genuin deutschen Gestimmtheit verpflichtet, sie chromatisch differenziert fortführte". Heute sähe man solche Figuren, Pfitzner, Elgar, Sibelius, scheel an als "Anachronist, Epigone, Nachtöner". So einer, darf man vermuten, will aber Botho Strauß sein, ein sehr verspäteter Spätromantiker, ein Pfitzner von heute vielleicht, Fortführer von Lehrmeistern, von denen er persönlich gar nichts mehr gelernt haben kann. Ein eingebildeter oder geträumter Fortführer also, und damit alles andere als eine Haltung, die wie natürlich aus einem Lehrer-Schüler-Verhältnis erwüchse. Botho Strauß mag die Gegenwart und mit ihr die "Gegenwartsschriftsteller" so wenig schätzen, wie er will. Der Rückweg in die Zeiten des schönen Fortführens (wenn es sie ja gab) ist auch für ihn verbaut.

© SZ vom 04.04.2018/khil

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