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Literatur:Der Yogi und die Freimaurer

Gustav Meyrink, 1928

Durchdringender Blick: der Schriftsteller Gustav Meyrink.

(Foto: Scherl/SZ-Photo)

Christoph Poschenrieders Roman über Gustav Meyrink

Er muss ein höchst eigenwilliger Typ gewesen sein. Sieht man sich Fotos von Gustav Meyrink an, so fällt als erstes sein Blick auf: durchdringend, skeptisch, letztlich undeutbar; der kahle Schädel macht den Eindruck noch ein bisschen unheimlicher. Zu Leben und Werk dieses Mannes, an Abgründen reich, scheint das zu passen. Gustav Meyrink, 1868 bis 1932, machte als Bankier in Prag pleite, er war Yogi und Spiritist und lebte schließlich als Schriftsteller in Starnberg. Sein Roman "Der Golem" aus dem Jahr 1915 gilt als Klassiker der fantastischen Literatur.

Das allein liefert zwar schon einige Hinweise darauf, dass dieser Meyrink vielleicht selbst eine interessante Figur für einen Roman abgeben könnte. Der Münchner Schriftsteller Christoph Poschenrieder hat sich jedoch dazu noch eine besonders seltsame Anekdote aus Meyrinks Leben ausgesucht und darüber nach umfangreichen Recherchen einen Roman geschrieben. Wie er recherchiert hat, können die Leser in diesem mehrfach gebrochenen Roman mitvollziehen: Immer wieder wird die Handlung durch Recherchenotizen, Lektürefunde, verschiedene Varianten unterbrochen. Poschenrieder, der mit diesem Künstlerroman den Werkstattcharakter des Schreibens generell zeigen will, macht damit klar: Vielleicht war es so, wie ich es schreibe, vielleicht auch anders. Die Wahrheit bleibt unsichtbar, so wie der Roman, den Meyrink sich eines Tages zu schreiben genötigt sieht. Denn man stelle sich das tatsächlich dokumentierte Grundproblem so vor: Gustav Meyrink sitzt gegen Ende des Ersten Weltkriegs in seiner Villa am Starnberger See, samt Boot und Automobil; den sehr angenehmen Wohlstand hat ihm der "Golem"-Erfolg eingebracht. Doch sein Geld schwindet in ähnlichem Maße wie die Siegesaussichten des deutschen Heeres. In diesem Moment fragt das Auswärtige Amt Berlin bei ihm an, ob er nicht einen gut bezahlten Propaganda-Roman schreiben könne, in dem er die wahren Schuldigen am Ausbruch des Krieges benenne: die Freimaurer nämlich. Was tun?

Meyrink sagt nach einigem Zögern zu, nimmt den Vorschuss und tut - nichts. Glaubt man Poschenrieder und dem Notizbuch Meyrinks, brachte der politisch eher desinteressierte Schriftsteller nach besten Kräften schlichtweg nichts zu Papier und vertröstete seine Auftraggeber so lange, bis diese sich einen anderen suchten (den deutsch-nationalen Politiker Friedrich Wichtl, dessen ätzende Schriften über eine angeblich freimaurerisch-jüdische Weltverschwörung den Antisemitismus der Nazis beförderte - aber das ist wieder eine andere Geschichte). Poschenrieder gibt dieses Szenario Gelegenheit, einmal mehr die Zeit des inzwischen vielfach und sattsam behandelten Beginns der Münchner Räterepublik zu beleuchten: Er schickt seinen ob des Auftrags unglücklichen Schriftsteller immer wieder nach München, wo er nach Material sucht. Meyrink findet es im Café Luitpold beim Anarchisten Erich Mühsam, der ihn gegen eine warme Mahlzeit mit Ideen versorgt, wie überhaupt mit Informationen zur Revolution eines gewissen Kurt Eisner. Was deren Verlauf angeht, so erfährt der informierte Leser nichts wirklich Neues. Aber hübsch ist es doch, mit einem irrlichternden Außenseiter wie Meyrink noch einmal eine andere Beobachterposition einzunehmen. Wie sinniert Mühsam doch über diesen Gustav Meyrink: "ein ... Besonderer."

Christoph Poschenrieder: Der unsichtbare Roman, Lesungen am Mittwoch, 25. September, 19.30 Uhr, Seidlvilla, Nikolaiplatz 1b; Dienstag, 8. Oktober, 20 Uhr, Buch Lentner, Balanstr. 14

© SZ vom 24.09.2019
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