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Literatur:Der Widersprüchliche

Eine neue Stiftung will das Werk des Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti fördern - dessen Nachlass fasziniert den Münchner Lektor und Herausgeber Kristian Wachinger schon lange

Von Antje Weber

Das Schlimmste an England sind die Vertrocknungen, das Leben als gesteuerte Mumie", urteilte Elias Canetti. Im 2003 aus dem Nachlass herausgegebenen Buch "Party im Blitz" konnte man erfahren, was er von den Briten hielt: nicht viel. In Zeiten des Brexit liest man die Spitzen über seine Londoner Jahre 1939-71 mit neuer Aufmerksamkeit. Besonders zuwider waren dem späteren Nobelpreisträger englische Partys: "Ich habe mich nie an sie gewöhnt. Sie scheinen mir so unsinnig wie herzlos, der Kälte dieser Menschen angemessen." Denn man durfte einander bloß nicht zu nahe kommen: "Man war da um rascher Berührungen und besonders um rascher Abwendungen willen. Manchmal wusste man nicht, mit wem man gesprochen hatte. Das waren sozusagen Idealfälle dieser Nichtberührungsfeste."

Berühren oder nicht berühren, das war ein großes Thema bei Canetti, und dabei mögen einem schnell die zahlreichen Affären in den Sinn kommen, mit denen er seine erste Ehe mit Veza belastete. Man kann aber auch an sein Hauptwerk "Masse und Macht" denken, das mit dem Satz beginnt: "Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes." Und so ist es durchaus naheliegend, dass mit diesem Satz auch eine Pressemitteilung begann, mit der im März eine neu gegründete Canetti-Stiftung ihre Gründung bekannt gab. Es handelt sich um eine kleine Stiftung an seinem letzten Wohnort Zürich; der Stiftungsrat besteht aus Canettis Tochter Johanna, der Rechtsanwältin Karen Schobloch und dem Münchner Canetti-Herausgeber Kristian Wachinger.

Wozu braucht es eine Canetti-Stiftung? Das kann man sich schon fragen angesichts eines seit vielen Jahren vorliegenden Œuvres und längst verstorbenen, wohlbekannten Autors. Elias Canetti, nicht nur aufgrund seiner Lebensdaten 1905 bis 1994 gerne als "Jahrhundert-Intellektueller" bezeichnet, erlebte jenes 20. Jahrhundert mit all seinen Höhen und Tiefen. Ein "Kosmopolit, nahezu heimatlos", wie Wachinger sagt; geboren in Bulgarien als Sohn einer sephardisch-jüdischen Familie, verbrachte Canetti seine Jugend überwiegend in Wien, im Nationalsozialismus emigrierte er nach London, bis er 1972 zu seiner zweiten Frau und der einzigen Tochter nach Zürich zog. Seinem frühen Roman "Die Blendung" verdankte er seit den Sechzigerjahren einen späten Ruhm, der 1981 in den Nobelpreis mündete. Er setzte sich zeitlebens mit dem Phänomen "Masse und Macht" auseinander und wurde auch mit seiner mehrbändigen Autobiografie zum bedeutenden Chronisten seiner Zeit. Was mag da noch offen sein?

"Du schreibst das Leben, aber wenn Du lebst, verschreibst Du Dich": So urteilte Canettis Frau Veza im Jahr 1948 über den späteren Nobelpreisträger.

(Foto: Raphaël Sorin/Zürich)

Jede Menge, wie Kristian Wachinger erläutern kann. Persönlich hat er den Schriftsteller zwar nicht kennengelernt; der 61-jährige freiberufliche Lektor, Herausgeber und Übersetzer war jedoch bis vor zwei Jahren als Lektor von Klassiker-Editionen beim Münchner Hanser-Verlag tätig und hat dort zahlreiche Bücher aus Canettis Nachlass herausgegeben; unter anderem "Party im Blitz", "Briefe an Georges" und "Das Buch gegen den Tod". Dabei habe sich gezeigt, so Wachinger, "dass das eine Menge Editionsarbeit ist, die auf die Dauer nicht in Buchkalkulationen untergebracht werden kann". Zum Beispiel hat Canetti viel stenografiert, was zunächst von einem Experten transkribiert werden muss. Die Stiftung will daher die editorische Aufarbeitung des Werkes fördern; finanziert wird dies aus dem Canetti-Erbe, doch "wir sind auf Zustifter angewiesen".

Mit dem Stiftungsgeld will man vor allem den Anstoß zu einer kritischen Gesamtausgabe geben, die "die veröffentlichten Werke in den Zusammenhang mit dem Nachlass stellt". Zum Beispiel, erzählt Wachinger, komme im autobiografischen Buch "Die Fackel im Ohr" der jüngste Bruder Georges vor - über ihn gebe es im Nachlass ein "wunderbares, sehr persönliches Stück", das Canetti wegließ: Es war ihm zu nah. Solche Texte sollen nun im Anhang zu lesen sein. Denn Canetti war "ein großer und genauer Beobachter", so Wachinger, und es gehe nicht nur darum, "ihn literaturwissenschaftlich aufzudröseln". Die Stiftung sieht jedenfalls "wertvolle Schätze" im Nachlass, das Editionsprojekt ist langfristig auf 20 Jahre angelegt. In zwei, drei Jahren möchte man mit den Veröffentlichungen (die man dem Hanser Verlag anbieten will) beginnen, bis es im Jahr 2024 publizistisch besonders interessant wird.

Denn es gibt da ein Problem: Kurz vor seinem Tod verfügte Canetti die Sperrung seiner privaten Korrespondenz, die in der Zürcher Zentralbibliothek liegt. Erst nach 30 Jahren, also im Jahr 2024, sollen die letzten Briefe freigegeben werden. Warum diese Vorsicht? In manchem sei sich der Schriftsteller nicht sicher gewesen, sagt Wachinger: "Er hatte sehr große Sorgen, dass er jemand Lebenden verletzt." Daher habe er sogar einige Textpassagen verbrannt - nur um sie danach erneut aufzuschreiben. Für Wachinger ist damit klar: "Er wollte es in der Welt haben."

Kristian Wachinger, 61, hat Germanistik und Romanistik studiert. Er war drei Jahrzehnte lang bei Hanser für Klassiker-Editionen zuständig; seit 2015 arbeitet er als freiberuflicher Lektor, Herausgeber und Übersetzer.

(Foto: Daniel Schöllhammer)

Zudem seien ja irgendwann alle tot, die Canetti spöttisch dargestellt habe. Denn dass Canetti zwischen Bewahren und Vernichten schwankte, hatte schon seinen Grund: Er konnte richtig bösartig sein. Wer in "Party im Blitz" die Passagen über eine seiner Geliebten liest, die Schriftstellerin Iris Murdoch, kann über die maßlose Gemeinheit nur staunen. Canetti war berüchtigt; als "wirkliche Giftspritze" bezeichnete ihn die Schriftstellerin Hilde Spiel. "Er war nicht immer sehr rücksichtsvoll zu seinen Mitmenschen, insbesondere Frauen", sagt auch Wachinger, "aber das hat ihn auch bedrückt, er war sehr schuldbewusst." Der Literaturwissenschaftler Jeremy Adler beschreibt diese Widersprüche, diese Zerrissenheit Canettis als "eigentümliche Dialektik seines Wesens". Besonders pointiert formulierte es seine Ehefrau Veza 1948 in einem Brief: "Du schreibst das Leben, aber wenn Du lebst, verschreibst Du Dich."

Dass ein Satz wie dieser heute bekannt ist, hat übrigens seine eigene Geschichte. Man könnte sie mit dem Begriff "Finde-Glück" überschreiben; wenn Kristian Wachinger vom Jahr 2003 erzählt, sagt er: "Das war unglaublich." Denn jener Veza-Brief lag mitsamt 800 weiteren Briefen an den Bruder Georges in einem Überseekoffer bei einer Nichte in Paris. Wachinger musste diese "lange bearbeiten", bis sie einen Besuch erlaubte. Als er schließlich die Kiste öffnen durfte, fand er die Briefe "in Bündeln geschnürt, chaotisch" zwischen Reparaturrechnungen vom Klempner. Da sie nicht in der Zürcher Bibliothek lagerten, waren sie von der Sperrung nicht betroffen - so konnten die "Briefe an Georges" erscheinen. Später verkaufte die Nichte jene Briefe übrigens nach Zürich und stiftete mit dem Erlös den "Prix Georges, Jacques et Elias Canetti" am Institut Pasteur; Georges war dort einst als angesehener Tuberkulose-Forscher tätig.

Was wird von seinem noch weitaus berühmteren Bruder Elias bleiben? Wachinger schätzt zum Beispiel Canettis "klares politisches Credo" eines linken Intellektuellen. Nach frühen "Erweckungserlebnissen" - in Frankfurt bei der Ermordung des Außenministers Walther Rathenau 1922, in Wien beim Brand des Justizpalasts 1927 - sei er "den aus eigener Anschauung gewonnenen Überzeugungen treu geblieben". Ganz davon abgesehen, dass der Nobelpreisträger natürlich Werke von Weltrang schuf. Wer zum Beispiel in den Roman "Die Blendung" eintaucht, wird die grell überzeichneten Figuren, die beängstigenden Szenerien nicht so schnell vergessen. Es geht darin um einen in seiner Bibliothek vergrabenen Forscher, der von seiner Haushälterin rüde ins Leben gezerrt wird. Sehr krass beschreibt Canetti hier die Auseinandersetzung von Geist und Leben; es ist eine Berührung mit mehr oder weniger bekannten Welten, deren Kälte der Mensch durchaus fürchten kann.

© SZ vom 02.08.2017
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