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Literatur:Vom Zwang, ein Ich zu sein

Nicht mehr die Triebunterdrückung des Menschen ist sein Problem, sondern die Selbstbestimmung. Ob darin der Keim eines neuen Unglücks liegt, untersucht Alain Ehrenberg in seinem Buch "Das Unbehagen in der Gesellschaft".

"Das Unbehagen in der Kultur", französisch: "Le Malaise dans la culture", heißt eines der berühmtesten Bücher Freuds, es ist der Titel, "den jeder französische Psychoanalytiker seinen eigenen Überlegungen zur Moderne zu geben wünscht". Alain Ehrenberg, der das schreibt, ist Soziologe am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris, auch er hat diesen Wunsch. So heißt sein neues Buch "La Société du malaise", vom Übersetzer leicht zugespitzt: "Das Unbehagen in der Gesellschaft". Und was ist das Neue an dem alten Unbehagen?

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Wo steht der Mensch in der Arbeitswelt, und warum ist er oft so gar nicht bei sich? Alain Ehrenberg untersucht "Das Unbehagen in der Gesellschaft".

(Foto: dpa)

Neu ist, dass es aus der Autonomie oder dem Autonomie-Ideal entspringt. Nicht mehr die Triebunterdrückung, die scharfe Regulierung des Menschen ist sein Problem, sondern die Selbstbestimmung. Selbstmächtigkeit und "Fähigkeit, in den meisten Lebenssituationen selbst zu handeln", ist nicht nur ein Ideal, sie ist eine Norm, "weil sie zwingend ist". Dieser Norm zu entsprechen ist nicht einfach, darin liegt der Keim eines neuen Unglücks.

Vor fünf Jahren veröffentlichte die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich eine Großreportage "Qualifiziert und arbeitslos. Eine Irrfahrt durch die Bewerbungswüste". Ihr fiel auf, in welchem Maße die moderne Arbeitswelt auf Gefühle, Suggestion, Ausstrahlung setzt, ganz persönliche Eigenschaften, neben denen sachliche Qualifikationen verblassen.

Und damit eng zusammenhängend: Es ist kaum möglich, die eigenen Bedrängnisse als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Misere zu beschreiben. Zum Prinzip der Eigenverantwortung gehört es, alle Chancen im Ich zu suchen. Wem sich die nötigen Chancen nicht bieten, der findet im Ich allerdings nur noch die Gründe seines Elends, sein ganz persönliches Versagen.

Zielt auch Ehrenberg auf solche Befunde? Längst sind nicht mehr allein die Führungskräfte gefordert, eine optimistisch-erfolgsorientierte Persönlichkeit an den Tag zu legen. "Das ist der anscheinend neue und schockierende Punkt: Man verlangt von den Armen, dass sie sich wie jene Macher und Gewinner benehmen, die im Laufe der 1980er Jahre in der Landschaft Frankreichs auftauchten und eine Ideologie des gesellschaftlichen und sonstigen Erfolgs verkörperten."

Das ist einer der wenigen Punkte, an dem Ehrenberg sich zum Zustand der Gesellschaft äußert (und auch hier geschieht es ja recht abstrakt). Er erforscht nicht, was das Arbeitsleben vom Beschäftigten erwartet, er bietet auch keine beispielhaften Krankengeschichten. Seine Neigung ist diskursanalytisch.

Ehrenberg will die politischen und psychoanalytischen Debatten nachzeichnen, insofern sie um das neue Ideal der Autonomie und ihre Wirkung auf die psychische Gesundheit kreisen. Und ganz besonders beschäftigt ihn der Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem französischen Verständnis von Autonomie.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wo der Mensch am Ende die Ursache seines Leidens sucht.