Literatur Das lange Seil der Geschichte

Seinen neuen Roman "Der empfindsame Mensch" stellt Jáchym Topol im Münchner Literaturhaus vor.

(Foto: David Konecny)

Die Reihe "Echo Leipzig" bringt tschechische Schriftsteller, Musiker und Filme nach München - es lesen unter anderen Jaroslav Rudiš und Jáchym Topol, Radka Denemarková und Kateřina Tučková

Von Antje Weber

Er bekommt immer wieder "historische Anfälle", und einem 99-Jährigen kann man das nicht verdenken. Eigentlich war Wenzel Winterberg schon fast tot, als ein tschechischer Altenpfleger für seine letzten Tage und Wochen in Berlin angeheuert wurde. Doch als der Pfleger ihm von seinem böhmischen Geburtsort Vimperk erzählte, erwachte in dem alten Herrn neues Leben - und die Erinnerung. Zusammen geht das ungleiche Männerpaar auf eine ausgedehnte Reise durch das einstige Böhmen, über das frühere Königgrätz und Austerlitz bis Wien, immer das Ziel Sarajevo im Blick. Es ist eine lange Zugfahrt durch Mitteleuropa - und durch die Geschichte.

Von der gibt es da ja jede Menge, im Guten wie im Schlechten, und der alte Mann mit den historischen Anfällen kennt sich wie sein Schöpfer, der nicht gar so alte Schriftsteller Jaroslav Rudiš, damit bestens aus. In seinem neuen Roman "Winterbergs letzte Reise" gibt Rudiš seinem Helden-Greis einen Baedeker-Führer von 1913 in die Hand - eine interessante Basis, um den heftigen Veränderungen von 100 Jahren nachzuspüren, von der K.u.K-Monarchie über zwei Weltkriege bis in die Gegenwart. Denn, wie Winterberg einmal sehr treffend sagt: "Man hofft, man kann vergessen, man kann der Geschichte entkommen." Doch: "Die ganze Geschichte schleppen Sie immer wie ein Seil mit, ob Sie wollen oder nicht".

Wenn Rudiš seinen trotz mancher Längen sehr beeindruckenden Roman an diesem Mittwoch, 27. März, im Literaturhaus vorstellt, wird man sich allerdings nicht nur an einem Seil durch die deutsch-tschechische Geschichte hangeln. Denn zum Auftakt der Veranstaltungsreihe "Echo Leipzig 2019" zur tschechischen Kultur wird Rudiš auch noch seine Kafka Band mit ins Literaturhaus bringen, der unter anderem auch der Sänger und Zeichner Jaromír 99 angehört. Die Band hat, Name verpflichtet, zuletzt Kafkas Roman "Amerika" vertont.

Und sonst? Wer sich in der tschechischen Gegenwartsliteratur nicht so recht auskennt, ist zum Einstieg vielleicht bei Vorträgen der Slawistin Zuzana Jürgens richtig (29. März und 12. April, 10.30 Uhr, Gasteig); Jürgens leitet übrigens seit kurzem auch den Adalbert-Stifter-Verein München. Die politischen Umbrüche wiederum sind Thema einer Podiumsdiskussion; anhand des Umbruchjahrs 1989 will man im Gasteig die damaligen Ereignisse in der DDR und der Tschechoslowakei neu bewerten (20. Mai).

Was nun die Dichter angeht, so wird unter anderem Petr Borkovec seinen neuen Erzählband "Lido di dante" im Tschechischen Zentrum vorstellen (29. März). BR-Kritiker Niels Beintker würdigt wenig später im Literaturhaus den berühmten Schriftsteller Milan Kundera - der 90-Jährige wird sich nicht selbst auf den Weg machen, das Echo der Hommage jedoch vielleicht bis zu seinem Wohnort Paris reichen. Gezeigt wird an diesem Abend auch die Verfilmung seines erfolgreichsten Romans "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" (1. April). Eine weitere Literaturverfilmung ist im Arena-Kino zu sehen: "Diebe der grünen Pferde" nach dem Roman von Jiří Hájíček (3. April).

Doch natürlich schreiben nicht nur Männer in Tschechien Bücher. Die Schriftstellerin Radka Denemarková spricht mit der Münchner Kollegin Dagmar Leupold im Einstein 28 über ihren aktuellen Roman "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude", der um das Thema Gewalt gegen Frauen kreist (4. April). Interessant ist sicherlich auch ein Abend mit der Schriftstellerin Kateřina Tučková, die immer wieder die von Schuld und Unrecht geprägte Vergangenheit behandelt, zum Beispiel in ihrem Roman "Gerta. Das deutsche Mädchen" (22.Mai).

Auch Jáchym Topol setzt sich immer wieder mit der Geschichte auseinander; der wohl derzeit bekannteste tschechische Schriftsteller liest am 10. April im Literaturhaus. Dass die Literatur unseres Nachbarlandes immer in Bewegung ist, führt er in seinem neuen Roman "Der empfindsame Mensch" vor - auch dies eine irrwitzige Roadnovel quer durch Europa. Eine tschechische Familie tingelt hier im Jahr 2015 durch eine irritierende europäische Gegenwart zwischen England und der Ukraine. Fehlte nur noch, dass sich bei dieser Odyssee auch noch ein 99-Jähriger mit "historischen Anfällen" mit ins Auto quetscht.

Echo Leipzig: Tschechische Kultur in München, bis 22. Mai, verschiedene Orte, Details im Internet unter: munich.czechcentres.cz/echo-leipzig