Kolumne "Nichts Neues":Frau mit Bart

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Nichts Neues
(Foto: DTV/SZ-Grafik)

Isaac B. Singer zaubert am East Broadway: Die nächste Folge der Kolumne "Nichts Neues".

Von Johanna Adorján

Meine Lieblingsgeschichte in "Der Kabbalist vom East Broadway" (1973) heißt "Der Bart" und beginnt wie viele Geschichten Isaac Bashevis Singers damit, dass der Ich-Erzähler, ein nach New York emigrierter und dort für eine jiddisch-sprachige Zeitung schreibender Osteuropäer, in einer Cafeteria am Broadway sitzt, die Tür geht auf und herein kommt jemand, der ihm irgendwie entfernt bekannt vorkommt. Schon ist man mittendrin im fantastischen Geschehen, durch das Singer seine Figuren schickt.

Es ist eine Welt wie von Chagall, nur mit Subway, die Helden sind allesamt Verlierer, die nie aufhören zu hoffen, auch wenn sich ihnen der Sinn des großen Ganzen niemals erschließt. Den titelgebenden Bart meiner Lieblingsgeschichte, einen stattlichen schlohweißen Vollbart, trägt die Frau von Chaim Pupko, einem zu Recht unbekannten Schriftsteller, der es durch Immobiliengeschäfte spät im Leben zu Reichtum bringt. Nun will er natürlich, man kennt das von Schriftstellern, auch von der Kritik gelobt werden - für einen Millionär wie ihn kein Problem. Nur ein Journalist, unser Ich-Erzähler, lässt sich nicht von ihm schmieren. Und das wiederum hetzt ihm die bärtige Ehefrau von Chaim Pupko auf den Hals, und dass mit der nicht zu spaßen ist, lässt sich denken.

Oder vielleicht ist auch "Der Dritte" meine Lieblingsgeschichte. Hier ist es Selig Fingerbein, der zur Tür der Cafeteria hereinschneit und dem Ich-Erzähler schon bald ein Geheimnis anvertraut: seine Frau hat neuerdings einen "Hausfreund". Das bedeutet, dass er sich, kommt es zu Hause zu einem Stelldichein, gefälligst zu verdrücken hat. Fingerbein hat sich zwar bereits selbst außerehelich sexuell ausprobiert, aber dass es ihm keine inneren Nöte bereiten würde, dass dies nun auch seine Ehefrau tut, wäre gelogen.

Singer hat schriftstellerisch mehr Farben zur Verfügung als herkömmliche Autoren von Kurzgeschichten, weil er Zugang zum Mystischen hat, was ihm so etwas wie geheime Superkräfte verleiht. Sein Blau ist blauer als das seiner dem Realismus verpflichteten Kollegen, sein Weiß greller und sein Schwarz so dunkel, dass man schlucken muss.

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