Literatur: Blutiges Erwachen:Show, don't tell

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Wie schon "Kap der Finsternis" beginnt auch "Blutiges Erwachen" mit einer für Smith typischen Eröffnung, wenn es eingangs lakonisch heißt: "An dem Abend, als sie ausgeraubt wurden, speisten Roxy Palmer und ihr Mann Joe mit einem afrikanischen Kannibalen und seiner ukrainischen Hure". Gerade mal ein Satz genügt, um unmissverständlich klarzustellen, welche Tonlage einen auf den nachfolgenden 355 Seiten erwartet: Ein scheinbar emotionsloses Konstatieren, das sich jede vorschnelle moralische Bewertung untersagt und eine hinter dem Autofenster vorbei fliegende Häuserfassade mit der gleichen Inbrunst beschreibt wie die Hinrichtung eines Menschen. Eindrucksvoll befolgt und transponiert Smith das ungeschriebene Gesetz: Show, don't tell! Zeig mir, wie ein Mensch stirbt - sag es nicht bloß! Und Smith tut es auf geradezu hyperrealistische Weise, indem er durchweg Wesen zeigt, deren Tun und Handeln mehr sagt als Worte.

Exlauftstegschönheiten und Kleinganoven

Der Roman handelt von einer Handvoll Menschen, deren Lebensläufe sich in den Cape Flats auf ungute, am Ende tragische Weise überschneiden und miteinander verhaken, angefangen bei der europäischen Ex-Laufstegschönheit Roxy Palmer, die, gemeinsam mit ihrem verhassten, in undurchsichtige schmutzige Geschäfte verstrickten Ehemann Joe das Opfer eines Überfalls wird. Nachdem die beiden Kleinganoven Goodwyn McIntosh und Disco De Lilly mit ihrem Wagen auf und davon sind, schießt sie dem am Knie verletzten Joe kurzerhand eine Kugel zwischen die Augen und schiebt den Flüchtigen die Tat in die Schuhe. Gleichzeitig spült es, aus dem Irak-Krieg heimkehrend, den Ex-Polizisten Billy Afrika ans Kap zurück, der sich nach der brutalen Ermordung seines Partners für dessen Frau und Kinder verantwortlich fühlt. Und weil der Schlächter Piper, der für den bestialischen Mord an Afrikas Kollegen lebenslänglich erhielt, eine unbändige Sehnsucht nach seiner männlichen "Knast-Frau" Disco verspürt, die mittlerweile auf freiem Fuß ist, plant er seinen Ausbruch, um Disco auf seine ganz eigene Weise "klarzumachen, zu wem und wohin er gehört".

Zug um Zug überlagern sich die Aktionen der Figuren, ergänzt um das irre Treiben des Polizisten Maggott, der auf seinen Durchbruch als Cop hofft und ebenso wie Billy Afrika, Disco, Goodwyn oder Pipe, in den Dunstkreis von Roxy Palmer gerät, die wiederum versucht, an die Schwarzgelder ihres Mannes heranzukommen. Smith lässt seine Figuren so lange ruhelos umeinander kreisen, bis der erste Dominostein in dieser unheilvollen Geschichte fällt - und alle anderen mit ins Verderben reißt.

Von Geburt an entwurzelt

Gnadenlos inszeniert Roger Smith das Jagen und Gejagtwerden rund um den Tafelberg - verdichtet in Snaphshots, deren grelle Härte in der derzeitigen Krimiszene ihresgleichen suchen. Es sind Bilder, in denen sich jene dem Untergang Geweihten erheben, die mit dem Ende der Apartheit auf ein besseres Leben gehofft hatten. Wie pervertiert und mit Blut besudelt dieser Traum allerdings inzwischen ist, das illustriert Smith' Roman mit schneidender Schärfe und Intensität. So finden wir uns über 356 Seiten hinweg hineinversetzt in eine Welt, in der Verlorene und von Geburt an Entwurzelte über die Schlachtfelder des Lebens irren wie die tragischen Helden der Antike, die vergebens ihrem Schicksal zu entkommen suchen. Blut wird allerorten vergossen - doch es wird nicht zum heidnischen Ritual der Reinigung. Was bleibt, sind Beschreibungen der blinden, alles andere als heroischen, der gewissenlosen Bestie Mensch.

ROGER SMITH: "Blutiges Erwachen". Roman. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg. Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2010. 357 Seiten, 19, 90 Euro.

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