Literatur: Blutiges Erwachen:Kap der Angst

"Wie konnten an diesem gottverdammten Ort nur Menschen leben?" Roger Smith zeigt in seinem Kapstadt-Thriller die dunkle Seite Südafrikas und die gewissenlose Bestie Mensch.

Peter Henning

In Kapstadt sind die Straßen Gräber, und der Himmel ist ein großer Sargdeckel: Rund um den Tafelberg, entlang der Küste, wo sich in einer weit ausholenden Rechtskurve die Cape Flats mit ihren aus dichtem, unzugänglichen Buschland erhebenden Ghettoblocks erstrecken, herrscht Krieg. Das jedenfalls evoziert auch der zweite Kapstadt-Thriller des schreibenden Exorzisten Roger Smith. Ein Buch, das die Metropole am Kap abermals als eine Art oberirdische Hölle dechiffriert, in der eine Handvoll einsamer Helden gegen eine Armee von Monstern ziemlich erfolglos den uralten Krieg um Gut und Böse kämpft.

Literatur: Blutiges Erwachen: Ab nach Kapstadt? In "Blutiges Erwachen" beschreibt der schreibende Exorzist Roger Smith die südafrikanischen Metropole als eine Art oberirdische Hölle.

Ab nach Kapstadt? In "Blutiges Erwachen" beschreibt der schreibende Exorzist Roger Smith die südafrikanischen Metropole als eine Art oberirdische Hölle.

(Foto: Verleih)

Südafrikanische Apokalypse

Zweiundvierzig Jahre Apartheid haben in Südafrika ihre Spuren hinterlassen - und nichts deutet darauf hin, dass sich das Land jemals wieder davon erholen sollte. Das jedenfalls suggerierte bereits Roger Smith' irrwitziges, mit dem Deutschen Krimipreis vergoldetes Thrillerdebüt "Kap der Finsternis", das sich las wie eine wüste Mixtur aus Cormac McCarthy und James Ellroy. Smith, 1960 in Kapstadt geboren, malt darin ein apokalyptisches Bild der südafrikanische Metropole. Er erzählt von lebenden Toten, die auf ihrem Weg in Untergang und Verdammnis für einen Strohhalm Tik oder eine Nase voll White Pipe - eine Mischung aus Gras und einer zerstoßenen Mandrax-Tablette - ohne mit der Wimper zu zucken morden. Denn hier, wo die Sonne Südafrikas sämtliche Skrupel zu versengen scheint, kämpfen die "Mongrels" gegen eine Legion von Verdammten, die sich "Americans" nennt. So heißt es einmal: "Wie konnten an diesem gottverdammten Ort nur Menschen leben?" Oder: "Diese verfluchte Stadt ist völlig außer Kontrolle."

Roger Smith, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent, setzt in seinen Romanen Figuren ins Bild, die man so bald nicht wieder vergisst. Angefangen bei dem einäugigen, sich als Nachtwächter auf Baustellen durchschlagenden Benny Mongrel aus seinem Erstling, "der aussah, als wäre er eine außerirdische Lebensform", gefolgt von Inspector Rudi Bernard, genannt "Gatsby", einem stinkenden Fleischberg, der mordet, wie andere Luft holen. Sie alle gehorchen ihren eigenen Gesetzen im meist erfolglosen Kampf ums Überleben.

Smith' zweiter Kapstadt-Roman "Blutiges Erwachen", der scheinbar nahtlos anschließt an seinen vielgepriesenen und zurecht prämierten Erstling, ist ein unsagbar grausames, in seiner unverhüllten Drastik schreckliches - und trotz allem mitreißendes Buch. Denn wie es Smith, dieser große Unerschrockene, versteht, das anhaltende Quälen, Vergewaltigen und Abschlachten auf der Dark-City-Seite von Kapstadt in Sprachbilder zu übersetzen, ist grandios. Dabei gelingen ihm Szenen und Sequenzen von archaischer Wucht. Wie zu hören ist, hat sich Hollywood die Rechte an Smith' Erstling gesichert.

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