Literatur Beredte Bilder einer Stummen

Margret Greiner konzentriert sich bei ihrer Biografie von "Charlotte Salomon" ganz auf die Künstlerin

Von Eva-Elisabeth Fischer

Die Résistance-Kämpferin Marthe Pécher bestätigt es in ihren Briefen: Charlotte Salomon habe immer gesummt, wenn sie malte. Musik begleitete sie, wenn sie sorgsam ihre Farben mischte, die Konturen der handelnden Personen auftrug, die dazu gehörigen Texte auf Tonpapier über die Bilder oder später in die Bilder direkt hinein schrieb. Es war Vincent van Gogh, der die ehrgeizige Malerin beflügelt hatte: "Ich habe das, was Van Gogh in seinem Alter erreichte. . . nämlich jene unerhörte Leichtigkeit des Striches, die leider sehr viel mit dem Pathologischen zu tun hat, schon jetzt erreicht."

Charlotte Salomon, geboren am 16. April 1917 in Berlin, zog malend und summend im südfranzösischen Exil die Bilanz ihres kurzen Lebens, das bereits in den Berliner Kinder- und Jugendjahren bis zur Emigration 1940 privat wie politisch überschattet war und im Jahr 1943 in den Gaskammern von Auschwitz ausgelöscht wurde. 1325 Gouachen unter dem Titel "Leben oder Theater?", ein "autobiografisches Singspiel in 769 Bildern" übergab sie eines Tages gut verpackt an die Amerikanerin Ottilie Moore. Von eben dieser lösten Charlottes Eltern, der Vater und seine zweite Frau, die als U-Boote in Amsterdam überlebt hatten, das Lebenswerk ihrer Tochter 1947 aus für viel Geld.

Ottilie Moore beherbergte Charlottes Großeltern im Exil an der Côte d'Azur. Bei Marthe Pécher fand die 24-Jährige Exilantin ein Jahr lang Schutz in einem winzigen Zimmer vor ihrem sexuell übergriffigen Großvater. Dort, in Saint-Jean-Cap-Ferrat malte sie das Gros ihres Konvoluts an außergewöhnlich modernen Bildern.

Story Bord, Comic, Graphic Novel? Die Autorin Margret Greiner kennt keinen Maler, der Anfang der 1940er Jahre Ähnliches geschaffen hätte wie Charlotte Salomon: "Das Narrative gibt den Bildern eine besondere Dynamik", sagt sie, die eine Auswahl dieser leuchtend farbigen Bilderzählungen erstmals bei einer Ausstellung in Berlin als Leihgabe aus Amsterdam gesehen hat. Seitdem haben sie Greiner nicht mehr losgelassen. Zehn Jahre lang hat sie sich in diese Bilder vertieft, die ihre wichtigste Quelle waren für das Buch, das sie nach langem Zögern endlich doch noch geschrieben hat und das soeben anlässlich des 100. Geburtstags der Malerin bei Knaus erschienen ist: "Charlotte Salomon - ,Es ist mein ganzes Leben'".

Es war existenzielle Dringlichkeit, die Charlotte zum Malen zwang. Dahinter verbirgt sich einerseits "ihr unbedingtes Begehr, Künstlerin zu werden" (Greiner). Und gleichzeitig auch die autotherapeutische Wirkung, die das Malen für sie bedeutete. Denn Charlotte Salomon war nicht nur als Jüdin unter den Nazis an Leib und Leben bedroht. Eine erbliche Gemütskrankheit hatte ihre Tante, ihre Mutter und schließlich auch ihre Großmutter in Depression und Suizid getrieben - eine Veranlagung, gegen die sich Charlotte malend zur Wehr setzte. Es wäre demnach ein Leichtes, Charlotte Salomon entweder ausschließlich als Holocaust-Opfer oder als pathologischen Fall darzustellen. Margret Greiner wollte weder das eine noch das andere: "Im Grunde empfinde ich, dass sie sich mit ihrer Kunst gerettet hat - vor den Nazis und natürlich auch vor dem Stigma, dass sich alle Frauen ihrer Familie umgebracht haben. Aber mir kam es sehr darauf an, Charlotte als Malerin zu würdigen", sagt die Autorin.

Greiners Buch liest sich, auch wegen der zahlreichen Dialoge, wie ein Roman. "Ich wollte der Figur Leben einhauchen", sagt Margret Greiner, und: "Ich habe mir die Freiheit genommen, einiges umzugestalten. Das ist mein Stil und ich finde, das rückt eine Person dem Autor und natürlich auch dem Leser näher." Man lernt Charlotte also ziemlich gut kennen - das überlebhafte Kind zunächst und die späterhin scheue, ja verstockte junge Frau. So schilderten sie ihr Vater in Interviews und später ihre Kommilitoninnen in der Berliner Kunstakademie. Dort habe sie man immer "die Stumme" genannt.

Und diese Stumme hat sich rückhaltlos in den Gesangslehrer ihrer Stiefmutter verliebt, in Alfred Wolfsohn, einen zynischen Luftikus, den sie in "Leben oder Theater?" Amadeus Daberlohn nannte. Sein Konterfei findet sich darin sage und schreibe 1387 mal. Geheiratet hat Salomon kurz vor der gemeinsamen Deportation aber den charakterschwachen, nichtsnutzigen österreichischen Bankierssohn Karl Nagler.

In "Leben oder Theater?" arbeitet sich Charlotte Salomon in bewegenden Bildern an ihrem Leben ab. Ihre Mittel, ironische Distanz zum ätzenden Familienleben zu schaffen oder den Schrecken einschneidender (politischer) Geschehnisse wie die Machtübernahme Hitlers oder ihre schreckliche Internierung im Lager Gurs, "Unter Ratten", einzufangen, erreicht sie durch perspektivische Verzerrung und aussagekräftige Farben.

Margret Greiner hat sie besucht, Charlottes Orte im Exil, um atmosphärisch nachvollziehen zu können, wie sie sich dort gefühlt haben mag. Kein leichtes Unterfangen, da doch keiner mehr so ist wie damals. Anders als noch die niederländische Schriftstellerin Judith Herzberg, die für das erste gewaltige Charlotte-Salomon-Buch "Leben oder Theater?", das 1981 bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erschien, konnte sie einzig auf das Archivmaterial des Amsterdamer Jüdischen Historischen Museums zurückgreifen, wo Charlotte Salomons Nachlass verwaltet wird. Ihr geriet dennoch eine trefflich literarisierte Ergänzung zu oben genanntem Prachtband sowie auch zu Astrid Schmetterlings kunsthistorischem Band "Charlotte Salomon - Bilder eines Lebens" (Suhrkamp), der am 3. Mai im Literaturhaus vorgestellt wird.

Buchpremiere, Dienstag, 25. April., 19.30 Uhr, Buchpalast München, Kirchenstraße 5, 54 04 18 62