Literatur Bei den Kindern beginnen

Trat für Weltoffenheit ein: Jella Lepman - Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek.

(Foto: OH)

Die Internationale Jugendbibliothek wird 70 - und erinnert an die Anfänge

Von Anika Freier

"Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen, um diese gänzlich verwirrte Welt langsam wieder ins Lot zu bringen. Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg zeigen", schrieb Jella Lepman im Jahr 1964. Die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek betonte damit einmal mehr die Bedeutung von Literatur für die Nachkriegsgesellschaft, waren doch vorher Zensur und Propaganda prägend.

Die Gründungsidee und die Person Lepmans (1891-1970) sollen im Programm zum 70. Bestehen der Internationalen Jugendbibliothek (IJB) im Zentrum stehen - nicht nur beim großen Festakt und Familienfest im September; geplant ist auch eine Tagung. Als Jüdin war Lepman 1936 ins englische Exil gegangen, nach dem Ende des Weltkriegs kehrte sie zurück in ihre Heimat. Hier schockierte sie nicht nur die physische Verfassung der Kinder, sondern auch die geistige. 1946 konnte sie ihre Idee einer Ausstellung für Kinder- und Jugendliteratur umsetzen. Sie schuf damit die erste internationale Ausstellung nach dem Krieg und legte den Grundstein für die drei Jahre später eröffnete Jugendbibliothek. Lepmans Ziel, "für Weltoffenheit und gegen nationale Abschottung einzutreten", wie IJB-Direktorin Christiane Raabe zusammenfasst, hat "gerade jetzt wieder an Aktualität gewonnen".

Internationalität, die Möglichkeit, Kulturen und Nationen zu vernetzen sowie einen Raum für offene Diskussionen zu bieten, sind weiterhin Schwerpunkte, sagte Raabe bei einem Pressegespräch; so auch bei dem auf drei Jahre angesetzten Arabischen Schwerpunkt. Viele westliche Kinderbücher werden ins Arabische übersetzt, "aber wir gehen da bisher vor allem in eine Richtung", sagte Raabe. Dabei sei es essenziell zu erfahren, was für Geschichten in Ländern wie dem Libanon, Irak oder Syrien erzählt werden. Die IJB möchte sich noch intensiver mit dem lokalen Buchmarkt vernetzen. Im Rahmen des europäischen Kulturerbejahrs 2018 entstand die Ausstellung "So leben sie noch heute: Europa illustriert die Grimms" in der Schatzkammer. "Wir wollten herausfinden, was Künstler aus anderen Kulturen mit diesem Stoff machen", so Katja Wiebe, die die Ausstellung betreut. Gestalterisch scheint es keine Grenzen zu geben; inhaltlich wird mit Handlungsorten und Geschlechterrollen experimentiert, werden die Märchen in die Gegenwart übersetzt. Die Ausstellung ist bis Ende Oktober zu sehen.

Doch welchen Weg haben Illustrationen der Märchenklassiker seit der Nachkriegszeit zurückgelegt? Wie sehr prägen Zeitgeschehen und Gesellschaft die Darstellungen? Gibt es wiederkehrende Elemente oder auch völlig neue? Dem widmet sich eine Ausstellung in der Wehrgang-Galerie mit verschiedenen Begleitveranstaltungen von Ende Februar an, unter dem Titel "Bunt ist es hinter den sieben Bergen - Illustrationen zu Grimms Märchen aus sieben Jahrzehnten". Die Auswahl von rund 80 Illustrationen beschränkt sich auf deutschsprachige Exemplare aus dem Bestand der IJB. Allerdings werden die Organisatoren auf Duplikate vertrauen müssen: "Wir möchten, dass die Ausstellung danach reisen wird, und das ist mit Originalen einfach nicht möglich", sagt Raabe. Der Wandercharakter erinnert an Lepmans erste Ausstellung. Was vor 73 Jahren nicht möglich war: Die Ausstellung wird parallel online wachsen. Kinder haben die Möglichkeit, ihre Ideen zu den Märchen zu illustrieren und dann zu präsentieren. Märchen als Kunstprodukte verschiedenster Erzählvorlagen können wichtige Rollen in der politischen und gesellschaftlichen Sozialisation einnehmen, thematisieren sie doch stets Aufbruchs- und Überwindungsphasen. "Der Schwächere wird immer unterstützt", betont Raabe. "Und das ist für die Gesellschaft extrem wichtig."