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Bachmannpreis 2020:Lernt ihr erstmal folgenden Kanon

Sharon Dodua Otoo

Die britische Schriftstellerin und Aktivistin Sharon Dodua Otoo.

(Foto: Screenshot/ORF)

Sharon Dodua Otoos zeigt mit ihrer Rede in Klagenfurt, dass der Mainstream beim Thema Rassismus einiges nachzuholen hat.

Von Marie Schmidt

Dieses Jahr hätte es wirklich viel Anlass für Pathos gegeben. Pathos des Weitermachens, allen Widrigkeiten zum Trotz, denn der Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Literaturpreis war wegen der Corona-Pandemie schon abgesagt gewesen. Aber dann hat sich der ORF als Veranstalter und Sender, der das Ereignis im Fernsehen überträgt, doch noch zu einer Digitalversion ertüchtigt: Die Lesungen von 14 Autorinnen und Autoren sind vorher aufgezeichnet, die Jury aus sieben Kritikerinnen und Kritikern wird per Video zugeschaltet, ein Moderator harrt im Klagenfurter Fernsehstudio der technischen Fährnisse.

Am Mittwoch also wurde das Ereignis eröffnet. Die guten alten Rituale dieser seit 1978 stattfindenden Veranstaltung rutschten relativ flüssig ins neue Format. Wie jedes Jahr fing alles mit einer "Rede zur Literatur" an, die dieses Jahr die Gewinnerin des Bachmannpreises 2016, Sharon Dodua Otoo, hielt. Der Titel "Dürfen Schwarze Blumen malen?" hätte darauf hindeuten können, dass auch das Pathos der großen Resonanz auf die "Black Lives Matter"-Bewegung in diesen Tagen eine Rolle spielt. Sharon Dodua Otoo wählte aber einen anderen Duktus. Eher den eines Einführungsseminars in Kulturtheorie und Konstruktivismus.

"Auch wenn wir es wollen, steht unsere Kunst nicht für sich allein"

Zum Beispiel verteidigte sie die sprachpolitische Forderung gegen den Duden, Wörter wie "Schwarz" oder "Taub" auch als Adjektive groß zu schreiben, um zu signalisieren, dass sie nicht wirklich Eigenschaften, sondern "eine Zugehörigkeit zu einer Community kennzeichnen". Außerdem sprach sie eine Art Adressen- und Literaturverzeichnis in die Kamera, zur Verständigung einer Community, die sie "Menschen der afrikanischen Diaspora" nannte: Organisationen wie ADEFRA (Schwarze Frauen in Deutschland) und ISD (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland) zählte sie auf, bibliografierte Sammelbände wie "Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung", herausgegeben unter anderem von Ika Hügel, Chris Lange und May Ayim", sprach von einer Diskussionsreihe, einer Konferenz zu "Feminismen of Color in Deutschland" von 2013, nannte ihre Vorbilder Chinua Achebe, Toni Morrison und May Ayim, sowie einen Kanon neuerer Bücher von Jackie Thomae bis zur Queer-Feministin SchwarzRund, die verschiedene Antworten fänden auf ein Problem, das Otoo so umriss: "Auch wenn wir es wollen, steht unsere Kunst nicht für sich allein - sie wird zur Repräsentation einer ganzen Community."

Es wäre nun verständlich, wenn Otoo diese politische Anforderung im Konflikt mit ihrer Autonomie als Schriftstellerin empfände. Aber für Widersprüche gab sie sich keine Zeit, so wenig wie für die Frage nach den Blumen, die sie rhetorisch ganz ans Ende ihrer Rede verschob. Sie schien vor allem zu signalisieren, dass Themen, die momentan im Mainstream ankommen, in einer, womöglich ihrer, Community schon längst sehr komplex verhandelt worden sind. Einen merkwürdig autoritativen Eindruck machte das plötzlich, zu Beginn eines so ungewöhnlichen Literaturwettbewerbs zu sagen: Bevor wir über Literatur und Blumen sprechen können, lernt ihr erst mal folgenden Kanon und diese Begriffe nach.

© SZ vom 19.06.2020/khil
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