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Literatur aus Südafrika:Jetzt bitte stark bleiben

Ein Junge in Pretoria sammelt Zeitungsausrisse über Muhammad Ali, und aus diesem Archiv erwächst ein Roman voller Mitgefühl und Mediengeschichte. So etwas schafft nur Ivan Vladislavić.

Was Sie schon immer nicht interessiert hat am Schreibstil weißer südafrikanischer Sportreporter in den Magazinen und Tageszeitungen von Johannesburg in den frühen Siebzigerjahren, an der Metaphorik von Boxberichten, den Synonymen für Punch, Jab und Haken, dem Aufbau der Sportseiten, an der Druckqualität, an der ganzen medialen und sprachlichen afrikanischen Maschinerie zum Covern von Boxkämpfen, namentlich denen von Cassius Clay und Muhammad Ali, all das erfahren Sie hier in diesem herausragenden Roman von Ivan Vladislavić, einem der besten Stilisten der südafrikanischen Literatur. Wenn Sie an Boxsport also gar kein, aber an Familiengeschichten und an hochkarätiger Metaliteratur alles Interesse haben, dann sind Sie bei "Schlagabtausch" ganz richtig.

Jetzt bitte dabeibleiben, stark bleiben wie nach einem Uppercut in der ersten Runde. Denn tatsächlich haben wir es mit einem extrem ausgefeilten Textgewebe zu tun, in dem Spannung und echtes Mitgefühl mit seinen beiden Helden und Erzählern entsteht. Mit einer Romanerzählung, die vollständig aus ihren medialen Rahmenbedingungen heraus entwickelt wird. Ein kleines Wunder.

Ivan Vladislavić, 1957 in Pretoria geboren, dessen Großvater vor dem Zweiten Weltkrieg aus Kroatien in Südafrika einwanderte, erzählt hier die Geschichte der Brüder Joe und Branko Blahavić aus Pretoria. Abwechselnd lässt er Joe von seiner Zeitungsausschnittsammlung über die Kämpfe von Muhammad Ali berichten und Branko, den Älteren, Joe, die Eltern, die Schul- und Jugendszene und sein eigenes Erwachsenwerden beobachten.

Das Herzstück dieser mit Alltags-, Szene- und Produktdetails, mit Landschafts- und Stadtbeschreibungen angereicherten Erzählung ist Cassius Clay, also Muhammad Ali. Doch was an dieser Jahrhundertfigur liebt Joe eigentlich? Der Anfang des Romans lautet: "Im Sommer 1971 verfiel ich Muhammad Ali. Diese Liebe, diese tiefe bedingungslose Hingabe, die man Heldenverehrung nennt, wurde nahezu postwendend auf die Probe gestellt, als Ali im Madison Square Garden die erste Niederlage seiner Profikarriere hinnehmen musste und nach Punkten gegen Joe Frazier verlor." Nun steigen wir Leser aber nicht ein in diesen Kampf um den Weltmeistertitel, wir steigen ein ins Archiv. In ein minutiös aus Zeitungsausschnitten zusammengefaltetes ALI-I-,II-, III-Archiv. Zusammengestückelt scheinbar ohne Sinn und Verstand, wie wir aus Brankos Perspektive auf seinen heldenverehrenden Bruder Joe lernen. Und so muss es wohl für jeden Außenstehenden aussehen.

Mit Novalis-Fragmenten könnte man auch so umgehen wie Joe mit Zeitungsausschnitten

Doch Vladislavić lässt weder Branko noch uns Leser außen stehen. Er steigt mit uns ins Unterbewusstsein der Zeit. Er holt den Text, die Körnigkeit der Fotos, das raue Papier der Seiten, die Zeichen- und Zeilenabstände direkt hinein in den Text des Romans. Sehr überlegt "kopiert" er ohne Anführungszeichen, ohne die Schrift oder die Schriftgröße zu wechseln, nur durch Sperrsatz. Auf diese Weise infiltriert das trivialjournalistische Reportersprech die Romansprache. Schon das ist eine Herausforderung für Leser. Sie wird beantwortet in den Interpretationen dieser Zeitungstexte durch Joe, der als Erzähler im Nachhinein die zeitgebundene politisch-soziale Haltung der Autoren identifiziert, aber auch Druckfehler, angeschnittene Ränder mit einbezieht in sein hingebungsvolles Verständnis. Auf solche Weise könnte man auch mit Novalis-Fragmenten umgehen.

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George Foreman (links) gegen Muhammad Ali: Am 30. Oktober 1974 kämpfen sie beim "Rumble in the Jungle" in Kinshasa.

(Foto: imago/UPI Photo)

Doch nicht in der übertriebenen Hochachtung vor einem trivialen Sprachgebrauch liegt die Pointe dieses Verfahrens, sondern in der ihm zugrunde liegenden Einsicht, dass die intendierte Referenz des sprachlichen Ausdrucks genau in dieser Sprachgestalt selber liegt. Das Ereignis, hier das Boxen als soziales Ritual, liegt in der Gestalt seiner medialen Präsentation. Die Journaille als taktgebendes Medium ist hier auf ihrem historischen Höhepunkt, weil Fernsehen und elektronische Medien noch nicht übernommen haben. Es zählt noch das verrutschte Komma, das falsch geschriebene Wort, der unbewusste Wechsel von Cassius zu Ali in einem Artikel, die Häufigkeit bestimmter Worttypen. Joe interpretiert die südafrikanische Sportberichterstattung, ohne prätentiöse Töne, eher wie Freud den Wortlaut eines Patiententraums. Das Ereignis ist in der Darstellung. Hier ist der Ring, hier boxe.

Das ist kein mitgeschlepptes postmodernes Romankonzept; das ist die operative Struktur des Romans. So dreht sich zwar alles um Alis Kämpfe, aber kein einziger wird beschrieben, sondern es wird beschrieben, wie er beschrieben wird. Das meiste, was im Bericht passiert, passiert vor oder nach dem Kampf. So kommt der größte Kampf Alis im Roman gar nicht vor: der Weltmeisterschaftsfight gegen George Foreman, der Rumble in the Jungle in Kinshasa in Zaire 1974. Er ist das fühlbarste der leeren Zentren des Romans. Man kann nur empfehlen, sich diesen Kampf einmal auf Youtube anzusehen, um eine Ahnung zu bekommen, was in "Schlagabtausch" warum ausgelassen ist; wie die Fernsehübertragung einen ganz anderen Top Act daraus macht, wie die mediale Immersion ihre entdistanzierende Wirkung tut. Auf Englisch heißt der südafrikanische Roman übrigens "The Distance", und man sieht auf dem originalen Cover eine in mehrere Schattenlinien auseinanderfließenden Ali-Silhouette. Das ist besser gemacht.

Womit wir bei dem Übergriff der Form auf den Inhalt und umgekehrt sind: der Ungreifbarkeit des rhythmisch durch den Ring tanzenden Ali (der Ali-Shuffle); dem Entzug des Referenzobjekts für die Intention des zuschlagenden Gegners, für seinen Schlag als intentio recta, die kurze Gerade. Man kann den Gegenstand, das reale Objekt nicht auf die gerade Weise treffen. Es entzieht sich, ist in Bewegung, und deshalb sinken die stärksten Intentionalisten dahin: George Foreman zum Beispiel, der schlagstärkere Boxer (der berühmte Aufwärtshaken!), geht zu Boden, im Ohr vielleicht noch die Ali-Verse: "Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene."

Anders als Coetzee schreibt Vladislavić ein afrikanisches, regional durchtränktes Englisch

Vadislavić hat einen früheren Roman "The Restless Supermarket" (2001, nicht ins Deutsche übersetzt) von einem pensionierten südafrikanischen Korrekturleser erzählen lassen, der besessen den Entstellungen des Sprachgebrauchs in alltäglichen Publikationen und Reden nachspürt. Er kann lesen im Müll der lebenden Sprache. Und ebendies tut in "Schlagabtausch" Joe mit den Printprodukten seiner Tage, tun wir Leser im selben Material und im Roman selbst, den es von innen aufsprengt.

Ivan Vladislavić: Schlagabtausch. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Brückner Wagenbach, Berlin 2020. 255 Seiten, 22 Euro.

Das ist ein komplexes Verfahren, das dennoch seine Lesbarkeit behält, weil darin indirekt die Geschichte eines Helden, Joe, eines größeren Helden, Ali, eines stillen Helden, Joes Bruder Branko, erzählt wird, die Geschichte der Familie und mit einem gewaltigen Sprung in die Gegenwart, vom Auftrag Joes an Branko, aus seinem Ali-Kompost das Buch zu machen, das Joe, der Schriftsteller geworden ist, nie zu Ende gebracht hat. Und dies, so weiß man aus Interviews, ist auch die Geschichte von Ivan Vladislavić selbst.

Doch man muss die Schraube der spezifischen Sprachverwendung im Roman noch weiter drehen. "Schlagabtausch" ist in südafrikanischem Englisch geschrieben. Was auch bedeutet, dass es viele Abwandlungen des Standardenglischen aufnimmt, bis hin zu Einsprengseln in Afrikaans. Hier sehen Kritiker den wichtigsten Unterschied zwischen den beiden herausragenden Stilisten der englischsprachigen südafrikanischen Literatur, Ivan Vladislavić und J. M. Coetzee, der seinem geschätzten Kollegen übrigens vor einiger Zeit ein Stipendium auf Schloss Solitude in Stuttgart besorgt hat. Coetzee schreibt ein Weltenglisch, Vladislavić ein regionalhistorisch durchtränktes afrikanisches Englisch. In "Schlagabtausch" bemüht sich der als Kind Afrikaans sprechende Vladislavić, viele gängig geworden Ausdrücke ins Englische aufzunehmen. Etliche werden vom Übersetzer Thomas Brückner am Ende des Romans in einem Register aufgeführt. Rotbeer, Cuppa, Manne, Dutchmann, Fokken. Und dann kommen die Regionalismen hinzu. Mampara, Lightie, Mielipap. Thomas Brückner hat sie stehen gelassen im Fließtext, wie große Kiesel in einem mäandernden Fluss. Die Übersetzung kann oft nur improvisieren, denn die semantischen Effekte dieses systematischen Verschnitts der Sprechweisen sind schwer zu kontrollieren.

So ist zum Beispiel nur selten von der Apartheid die Rede, und dennoch ist der Schatten dieser politischen Gewaltstruktur immer spürbar. Gegen Schatten boxen ist ein Leitmotiv des Romans. Der Leser stellt sich politische Fragen, die die diversen Schreib- und Redeweisen nur indirekt transportieren. Die sprachlichen Zeichen verdichten sich immer mehr, und der Roman arbeitet sich - boxend und schreibend - an der medialen Praxis ab, die Erinnerung produziert. So produziert er sich selbst als Teil einer unendlichen Rezeptionsgeschichte, die auch uns Leser erfasst. Die Erfindung des "Weltereignisses" aus dem Geist der Druckerpresse wird verhandelt. Bald wird es damit vorbei sein. Die Live-Medien übernehmen. Der Roman als Erinnerung an ein starkes Medium der Erinnerung: Da schneidet ein weißer Junge in Südafrika Zeitungsseiten aus und versenkt sich in ihre Gestalt. Er heißt Joe und tanzt den Joe-Shuffle. Nicht zu treffen. Kaum zu fassen!

© SZ vom 30.05.2020

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