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Literatur aus Mexiko:Krankheit ist keine Metapher

Jorge Comensal: Verwandlungen. Roman. Aus dem Spanischen von Friederike von Criegern. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 208 Seiten, 20 Euro.

Dem Tod ins Gesicht lachen: Der junge mexikanische Schriftsteller Jorge Comensal erzählt in seinem Roman "Verwandlungen" wundersam leicht von einem sterbenden Anwalt.

Wie hält man es mit der Zunge in diesem Roman, wenn man niemanden verschrecken will? Kann man sie erwähnen? Egal, es ist schon passiert. In Jorge Comensals Roman "Verwandlungen" wird sie so beschrieben: "Das Auge, die Hand, der Penis, sogar die Bauchspeicheldrüse hat eine typisch menschliche Identität, aber die Zunge ist ein exzentrisches und vielseitiges Organ; die Zunge ist eine Künstlerin, Geschmackspapst, Naschkatze, Ausruferin und Tratschtante." Da liegt sie bereits auf einem Stahlblech, orangerot tropfend vor Blut und Speichel.

Ramón, ein erfolgreicher Anwalt in Mexiko Stadt, hat Zungenkrebs. Ihm wird klar, dass er einer OP nicht entrinnen kann. Kurz darauf verliert er sein wichtigstes Organ, denn diese Zunge hat ihn zu dem gemacht, was er ist: "Ich lebe vom Wort, davon, Menschen den Autoritäten gegenüber eine Stimme zu verleihen, um ihre Rechte zu schützen, Verantwortung einzufordern, Konflikte beizulegen. (...) Stumm bin ich einen Dreck wert, ich kann nicht tun, wofür ich da bin."

Erstaunlich ist es, dass sich ein Debütant ein so schweres Thema wie Krebs aussucht, wo er doch weiß, dass es von der Gesellschaft verdrängt wird, selbst wenn in beinahe jeder Familie oder Verwandtschaft mindestens einer davon betroffen ist.

Er erspart seinen Lesern weder medizinische Fachausdrücke noch Medikamentennamen, die mehr Furcht als Trost einflößen, weder den Befund von Metastasen noch die Verzweiflung, die damit einhergeht. Krankheit sei keine Metapher, hat Susan Sontag einmal gesagt, und die gesündeste Weise, krank zu sein, bestehe darin, sich vom metaphorischen Denken zu lösen, ihm größtmöglichen Widerstand entgegenzusetzen.

Alles wird gesagt, ohne dass man fürchten muss, unter der Last zusammenzubrechen

Noch erstaunlicher aber ist es, wie wundersam leicht der 1987 in Mexiko Stadt geborene Comensal von Krankheit und Sterben erzählt, und die Vermutung liegt nahe, dass man dazu Mexikaner sein muss, mit der Gabe, dem Tod ins Gesicht zu lachen. Man weiß ja vom fröhlichen Tag der Toten in Mexiko, dem día de los muertos, vom Kult um den Totenkopf, von Begräbnissen mit lebhafter Blasmusik. Alles, was in diesem Roman zu sagen ist, wird gesagt, ohne dass man fürchten muss, unter der Last zusammenzubrechen. Im unerschrocken Konkreten bestätigt sich Susan Sontags Wort von der gesündesten Weise krank, selbst todkrank zu sein.

Für die Familie verändert sich alles, und selbst wenn sich Ramón mehr und mehr zurückzieht, erkennt sein Sohn in ihm, nicht ganz falsch, ein schwarzes Loch, das die gesamte Energie aus seinem Umfeld absorbiert. Außerdem wird das Geld knapp. Ramón kann nicht mehr arbeiten, Therapie und Medikamente sind teuer. Der jüngere Bruder, mit faulen Tricks zu sehr viel Geld gekommen, übernimmt zwar die Kosten, lässt aber keinen Zweifel daran, dass alles nur auf Pump geschieht; er will sich Ramóns Haus unter den Nagel reißen. Auf einer Geburtstagsfeier zu Hause - seiner letzten, wie alle denken - kritzelt Ramón lustlos Antworten auf einen Zettel, was mit der Zeit für alle mühsam und langweilig wird, sodass er damit aufhört; vom Essen schmeckt er ohnehin nichts mehr. Als ihn sein Bruder provoziert, weil er sich von seiner Frau dezent hat schminken lassen, steht er auf und schlägt ihm die Champagnerflasche an den Kopf. Im Geiste rekapituliert er, ganz Anwalt, Paragrafen, die ein solches Vergehen ahnden.

Beiläufig, aber wirkungsvoll führt Comensal die mexikanische Gesellschaft vor, nicht nur in Gestalt von Ramóns jüngeren Bruder als geldgierigen Unternehmer. Ein Onkologe zum Beispiel erhofft sich durch den Fall von Ramón Aufmerksamkeit, Geld und Karriere. Spät am Abend aber hört er Schallplatten, am liebsten Musik von Johann Sebastian Bach, was ihn schon wieder sympathisch macht, zum Beispiel die Kantate Nummer 82: "Nur ein fanatischer Lutheraner hatte eine so fröhliche Musik zur Feier des Todes schreiben können." Auch Bach also lacht dem Tod ins Gesicht und erweist sich plötzlich als wahrer Mexikaner. Oder umgekehrt: Comensals "Verwandlungen" klingen wie Bachs Kantate.

Grün und räudig: In den Papagei verliebt sich Ramón auf den ersten Blick

Unentbehrlich für Ramón ist seine Haushälterin Elodia. Sie würde alles für ihn tun, das ist wörtlich zu nehmen. Denn er hat ihr zeitlebens geholfen, mit Geld und Sachverstand, er brachte ihren gewalttätigen Ehemann hinter Gittern, und er unterstützte ihre Mutter. Mit einem Magneten befestigt die frömmelnde Elodia ein Bildnis des heiligen Peregrinus am Kühlschrank, den Schutzpatron der Krebskranken. Sie versetzt Ramóns goldene Uhr, damit er für seine Familie alles regeln kann. Vor allem aber bringt sie ihm vom Markt einen Amazona oratrix mit, einen Papagei, dessen Art vom Aussterben bedroht ist. In diesen Papagei, limettengrün und ziemlich räudig, verliebt sich Ramón auf den ersten Blick und lacht das erste Mal wieder.

Auf dem Markt hat sich der Papagei den geläufigen Wortschatz angeeignet, er ruft Ramón "Scheißkerl!" oder "Schwuuuchtel!", und er weist ihn zurecht: "Verarsch mich nicht!" Sonst aber hält er sich zurück, sein Blick ist sanft, sein Schweigen vollkommen, der ideale Zuhörer für einen Menschen ohne Zunge, sodass Ramón fortan stumme Monologe an ihn richtet.

Er erzählt von seiner Psychotherapeutin, die privat Marihuana züchtet und es gratis an Krebspatienten verteilt, um ihr Leiden zu lindern. Dass er davon eine Erektion bekam. Die Therapeutin, der er, um sich verständlich zu machen, mit einem Laptop gegenübersitzt, hat seinen Zustand längst umrissen: "ein so mitteilsamer, eitler, starker Mann - und plötzlich: nichts."

Er redet und redet in Gedanken, und der Papagei schaukelt und nickt mit dem Kopf, als segne er jedes Wort ab. Ramón redet mit dem Papagei wie ein anderer mit Gott. Und er hat das Gefühl, dass seine Gebete erhört werden. Für sich selbst erwartet er nichts mehr. Und so geht der Roman auch nicht gut aus. Er endet, wie das Leben endet.