"Schmerz" von Zeruya Shalev Die zweite Haut

Zeruya Shalev: Schmerz. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, Berlin 2015. 368 Seiten, 24 Euro. E-Book 19,99 Euro.

Nie werde sie über das Attentat schreiben, bei dem sie 2004 verletzt wurde, hatte Zeruya Shalev gesagt. Jetzt lässt die israelische Autorin ihre Erfahrung in den Roman "Schmerz" einfließen - mit großem Erfolg.

Von Meike Fessmann

Zehn Jahre ist es her, dass Iris, die Heldin des neuen Romans von Zeruya Shalev, bei einem Bombenattentat in Jerusalem schwer verletzt wurde. Die Wunden sind verheilt, die komplizierten Brüche zusammengewachsen, die grauenhaften Bilder und Schreie irgendwo im Gedächtnis vergraben. Doch ein Wort ihres Mannes genügt, und plötzlich ist alles wieder da und schleudert sie zurück in das Jahr der Operationen, der Hilflosigkeit und des Leidens, in dem sie noch keine erfolgreiche Schuldirektorin war, sondern einfach nur eine "Frau mit Schmerzen", die sich vor den eigenen Kindern schämt.

Wie tektonische Platten, die sich ineinanderschieben, schichtet der Roman das Leben der Heldin um. Die Vergangenheit wird nicht erinnert, sie ist lodernd präsent. Sie brennt wie der Bus, der ausgerechnet in dem Moment explodiert, als sie ihn überholt, sie brennt wie der Schmerz, der folgt, und wie das Verlangen, das sie als Siebzehnjährige für einen jungen Mann empfindet, der ihre große Liebe bleibt. Ausgerechnet er begegnet ihr nun wieder, fast dreißig Jahre später, als Chefarzt der Schmerzambulanz, bei der sie Hilfe sucht. Damals hat sie mit ihm gemeinsam seine sterbende Mutter umsorgt. Nach deren Tod trennte er sich von ihr. Er wollte ein neues Leben beginnen, ohne ständig an seine Trauer erinnert zu werden. Sie aber versank in ihrem Liebesschmerz, so haltlos, dass ihre Mutter um ihr Leben bangte.

Nach ihrem letzten Roman, "Der Rest des Lebens", in dem die 1959 im Kibbuz Kinneret am See Genezareth geborene Autorin zum ersten Mal in die Geschichte Israels eintauchte, nimmt "Schmerz" den Stil wieder auf, der sie bekannt gemacht hat. Wie "Liebesleben", "Mann und Frau" und "Späte Familie", die Trilogie über das Chaos der modernen Liebe, ist auch der jüngste Roman mit jener furiosen Intensität geschrieben, die sich in langen Sätzen und großen Schleifen in das Bewusstsein der Protagonistin schraubt, um ihre Zweifel, ihr Verlangen, ihren Zorn und ihre Schuldgefühle ans Licht zu befördern.

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Lange Sätze schrauben sich in das Bewusstsein der zweifelnden Heldin

Die Qualität dieser Prosa, die Mirjam Pressler wie stets auch auf Deutsch spürbar macht, liegt in der Übertreibung. Sie ist ihrem Charakter nach pathetisch. Dass "Liebe wehtut", wie es die israelische Soziologin Eva Illouz formuliert, steht für Zeruya Shalev außer Frage. Sie parallelisiert den am Jahrestag des Attentats wieder aufgeflammten körperlichen Schmerz mit dem Liebesschmerz der Siebzehnjährigen und schickt ihre Heldin durchs Purgatorium ihrer wiederaufblühenden Jugendliebe. Denn Eitan hat, während er ihre Röntgenbilder studierte, anders als sie dachte, seine Patientin erkannt. Dass er Iris verlassen hat, hält er für den größten Fehler seines Lebens. Er versucht, sie wiederzugewinnen, und sie lässt sich auf ihn ein. Während sie mit Fieber zu Hause liegt, besucht er sie heimlich. Die beiden schlafen im Bett von Iris' Tochter Alma miteinander, die nach Tel Aviv gezogen ist.

Alles vermischt sich: die Generationen, die Lebensphasen, die Zeiten. Zeruya Shalev gönnt ihrer Heldin ein paar Tage voller Leidenschaft. Sie ist sich fast schon gewiss, dass sie Micki, ihren Mann, verlassen wird. Mehr Sorgen als um ihn, der am liebsten online Schach spielt und, wenn sie ihn anspricht, meistens murmelt, "nicht jetzt, ich bin mittendrin", macht sie sich um ihren Sohn Omer. Er war ein schwieriges Kind, bald wird er zum Militärdienst eingezogen. Was passiert mit ihm, wenn sie seine Familie zerstört?

Doch die Gefahr lauert anderswo. Alma ist dem Besitzer der Bar, in der sie in Tel Aviv arbeitet, völlig verfallen. Er gibt sich als Guru, will sie von ihrem Ego befreien und schickt sie mit wildfremden Männern ins Bett. Sex sei auch nur eine Dienstleistung wie Kaffeeservieren, plappert sie ihm nach. Mit dem gleichen Furor, mit dem Iris sich in die Liebe stürzte, geht sie nun die Rettung der Tochter an.

Eine hohe Reibungsenergie besteht zwischen alten Werten und neuen Lebensmodellen

Sieben Wochen beträgt die Erzählzeit des Romans, in ihnen kommt alles auf den Prüfstand, was das Leben der Heldin ausmacht: Hat sie Alma vernachlässigt, weil Omer so viel Aufmerksamkeit brauchte? Hat der Einsatz für ihre Schüler ihren eigenen Kindern zu viel Fürsorge geraubt? Und hat sie über Familie und Beruf die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt? Die Fragen sind nicht originell. Aber Zeruya Shalev gibt ihnen eine Dringlichkeit, die nicht allein aus ihrem Stil kommt, sondern auch aus der israelischen Gesellschaft, die eine hohe Reibungsenergie zwischen den neuen Liebes- und Familienmodellen und traditionellen Werten erzeugt.

Die Glorifizierung der Mutterschaft, das Verhältnis zwischen den Generationen, die Bedeutung der Familie nach dem Holocaust, die Angst vor Attentaten und der Militärzeit der Söhne, all das ist als eine Art Hintergrundrauschen in ihren Romanen präsent. In Interviews hatte Zeruya Shalev erklärt, sie wollte nicht über das Attentat schreiben, bei dem sie im Januar 2004 verletzt wurde. Das sei eine Tragödie, ihr Sujet sei dagegen der Alltag mit seinen Dramen und Krisen. Dass sie nun doch ihrer Hauptfigur etwas von der eigenen Erfahrung mitgibt, verleiht ihrem Roman Gewicht.

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"Schmerz" erzählt von Kontrolle und Zwang, Angst und Fürsorge, Schuld und Rettung - und von den Narben, die ein Ausnahmezustand allen Familienmitgliedern zufügt. Eigentlich war Micki am Tag des Attentats an der Reihe, die Kinder zur Schule zu bringen. Doch "das System" war abgestürzt, er musste früher ins Büro. Omer trödelte auf dem Klo, Alma wollte noch Zöpfe geflochten bekommen. Die ganze Familie fühlt sich schuldig, dass Iris zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist. Aber zehn Jahre lang wurde nicht darüber gesprochen.

Am Ende der siebenwöchigen Läuterungsekstase kommt Iris zu dem Schluss, dass weder die Furcht vor der Zukunft noch die Trauer über Versäumtes ihr Leben bestimmen sollte. Es ist der Schmerz, der ihr mitteilt, dass ihr nichts anderes übrig bleibt, als sich der Gegenwart zu überantworten, mit der er zusammenfällt: "Ich bin kein Echo der Erinnerungen, ich bin keine Brücke für zukünftige Pläne, ich bin alles, was du hast, die Essenz deiner Existenz, vertraue mir, denn du hast keine andere Wahl." Mit "Schmerz" kommt Zeruya Shalevs Stil in seinem ganzen Pathos zu sich selbst, es ist ihr bester Roman seit "Liebesleben".