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Literatur aus Argentinien:Attraktive Labyrinthe

María Gainza: Lidschlag. Aus dem argentinischen Spanisch von Peter Kultzen. Wagenbach, Berlin 2019, 166 Seiten, 19 Euro.

Die essayistischen Erzählungen der Kunstkritikerin María Gainza bestechen durch Abschweifungen.

Wenn die Autorin auch nur die Hälfte des Plaudertalents besitzt, das sie ihrer Erzählerin verliehen hat, könnte sie als Entertainerin den Erfolg haben, den ihr Buch sowieso schon längst hat. Cees Nooteboom schwärmt von ihr, ihr spanischer Verlag präsentiert sie als Publizistin und Kunstkritikerin, die Kurse gibt für Künstler und andere Kritiker. Sie selbst hält sich eher für " una chica impresionable", eine, die sich leicht beeindrucken lässt. Begeisterte Leser haben ein Video gedreht, in dem alle Bilder zu sehen sind, die in ihrem Debüt zur Sprache kommen, das jetzt auch auf Deutsch unter dem Titel "Lidschlag" erschienen ist. Es geht aber auch ohne. María Gainza ist selbst Programm genug.

Das Buch beginnt mit einem Ereignis, wie es im Alltag einer freiberuflichen Kunstführerin zunächst banaler kaum sein kann: Bei schönem Wetter bricht sie auf, und als sie bei dem Haus ankommt, in dem sie ein nordamerikanisches Ehepaar durch eine private Sammlung führen soll, ist sie von Regen durchnässt. Sofort entspinnt sich einer dieser sinnlosen Wer-hat-die-Oberhand-Konflikte zwischen der Dame des Hauses, die die Führung selbst, ohne externe Expertin, hatte machen wollen, und der Erzählerin, die erst wie ein begossener Pudel dasteht. Und sich auch noch durch einen fragenden Blick verrät, als sie ein Bild nicht einordnen kann.

Sie hat verloren gegen die Hausherrin, die in ihrer Villa in einem der besseren Viertel von Buenos Aires mit Hausdiener und einer Sammlung residiert, die offenbar Kunstkenner aus aller Welt anzieht. Dabei hängt ein anderes Bild desselben Malers, es ist Alfred Dedreux, im Kunstgewerbemuseum von Buenos Aires. Und die Erzählerin hat es sich schon vor Jahren zur Gewohnheit gemacht, die Museen der Stadt regelmäßig aufzusuchen. Immer dann, wenn es ihr nicht gut geht.

Bei ihrem nächsten Besuch dort hat sie ein veritables Kunsterlebnis vor einem Hirsch-Gemälde von Dedreux. Sie berichtet davon aber nicht, ohne darauf hingewiesen zu haben, dass sie diesmal mit Gummistiefeln gegen plötzliche Regengüsse gewappnet ist. Dedreux hat vor allem Pferdebilder gemalt, die in Häusern aufgehängt wurden, deren Bewohner auf eigenem Grund zur Jagd ritten. Seine größten Erfolge hatte der Schüler Géricaults unter Napoleón III. Nach einer anschaulichen Einführung in Leben und Werk des Malers kommt Gainza auf eine ehemalige Schulkameradin zu sprechen, die einmal für ein Wochenende in ein französisches Schloss eingeladen war. Es ist das letzte Glied einer Assoziationskette, die vom Regen und den Gummistiefeln, zum Maler und den Pferden führt, und von da zu einem Spaziergang über schlammigen Boden in Frankreich auf dem Land, wo in der Nähe eine Jagd stattfindet, wobei ein Querschläger eine Frau zu Tode bringt, die gerade ihren feststeckenden Gummistiefel aus dem Morast ziehen will und die Mitschülerin der Erzählerin war.

Es folgen zehn weitere Kapitel, die eins ums andere auf der Basis persönlicher Gedankenverbindungen funktionieren - und wie sie funktionieren! Andere Autoren liefen wohl Gefahr zu langweilen, María Gainza hat das Zeug, mit ihrem Wissen, mit ihrer selbstbewussten und zuweilen apodiktischen Egozentrik Laune zu erzeugen und die Spannung zu halten. Jedes der elf Kapitel bietet reichlich Stoff für konventionelle Erzählungen, doch das scheint die Autorin nicht zu reizen. Und anders als ein Causeur hat sie es nicht auf ein Bonmot oder eine überfeine Formulierung abgesehen, sie schweift nicht wie ein Essayist ab, um einen besseren logischen Beweis zu erbringen. Sie folgt scheinbar absichtslos ihren Gedanken und Einfällen.

Scheinbar: Ihren Kapiteln liegt eine Struktur zugrunde, die zu bemerken allerdings nicht entscheidend ist, denn Gainzas Ausführungen sind reichhaltig und abwechslungsreich in ihren Inhalten und überraschend in ihren Kombinationen. Indizien lassen erkennen, dass dieselbe Stimme in unterschiedlichen Kapiteln spricht: Bricht an einer Stelle im Elternhaus der Erzählerin ein Feuer aus, muss sie wegen der Renovierungsarbeiten in einem späteren Kapitel bei ihrer Großmutter wohnen. In einem früheren Kapitel ist sie schwanger, später ist von dem Kind die Rede.

Eine wiederkehrende Rolle spielt der Konflikt mit der Mutter, die von beeindruckender Exzentrik ist: Als besagtes Feuer ausbricht, läuft sie in ihrer Verwirrung zur US-amerikanischen Botschaft, dem Haus ihrer Kindheit. Und eines Tages fällt der Tochter auf, dass im Auto der Mutter alle Spiegel so eingestellt sind, dass die Fahrerin sich immer selbst sieht. Am Ende eines Kapitels stellt die Erzählerin fest: "Wahrscheinlich ist es immer so: Man schreibt etwas, um etwas ganz anderes zu erzählen." Der Spruch kann als Motto für María Gainzas Buch gelten, aber bevor man ihn begriffen hat, ist man ihr, wie auch der begeisterte Nooteboom meint, "auf den Leim gegangen". Und freut sich daran.

Gainza hat in einem Interview angedeutet, dass ihr eigenes Interesse Autoren gilt, die nach realen Personen und aus deren historischem Leben eigene Geschichten machen. Sie nennt Eduard Mörikes "Mozart auf der Reise nach Prag", Georg Büchners "Lenz" und als Beispiel aus der zeitgenössischen Literatur die drei biografischen Romane von Jean Echenoz. Etwas Entsprechendes zu schaffen, sei ihr Ziel, auch wenn sie scheitere.

Sie ist aber nicht gescheitert. Sie versteht es, auch in ihren selbstbezogenen Gedankengängen immer wieder so zu erzählen, dass man mehr erfahren will, selbst wenn es um nichts Bedeutendes gehen sollte. Und ihr Übersetzer Peter Kultzen hat das so ins Deutsche transportieren können, dass man immer weiterliest. Wenn Gainza einmal nicht weiterweiß, hat sie etwas aus ihrem offenbar riesigen Lektürefundus parat, unterläuft aber auch ihre Zitate noch ironisch: Wer zitiere, brauche nicht so viel selbst zu denken. Wer Gainza liest, wird mit Gedanken beschenkt.