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Literatur auf Wunsch:"Diese Stadt ist ihre eigene Pointe"

Berlin Brecht-Haus Pop-Up-Store

Lea Schneider, Jahrgang 1989, im temporären Literaturladen im Brecht-Haus, Berlin, Chausseestraße 125.

(Foto: Volker Ißbrücker)

Texte wünschen und Pro Asyl unterstützen: Im Berliner Brecht-Haus gastiert ein Literatur-Pop-up-Store.

Ein kurzer Blick durch die Schaufenster, Tür auf, "Guten Tag" gesagt, einen Geldschein ins große Glas geworfen. Leider ertönt keine Ladenklingel, aber beruhigendes Schreibmaschinengeklapper umfängt den Besucher. Nur für einen Augenblick schauen die auf, die an den Maschinen sitzen und dichten.

"Guten Tag, ich brauche ein Gedicht." - "Ja, gut" - "Eins über die Chausseestraße, die Jetztzeit, den Winter". Der Wunsch wird erfüllt von Christian Dittloff, Jahrgang 1983. "Chausseestraße, from where I sit", heißt das Werk und beginnt so: "Irre, sagt der Mann, /der das Brecht-Haus betritt, / Soeben ist Rainald Goetz / mit dem Rad an mir vorbeigefahren." Das Motiv ist klar: Die Chausseestraße ist eine mit hoher Dichterdichte, die Literatur Teil des urbanen Alltags, ein besonderer Reiz.

1953 haben Bertolt Brecht und Helene Weigel ihre Wohnung in der Ost-Berliner Chausseestraße 125 bezogen. Im Ladenlokal des Hauses sollen sie Rauchwaren gekauft haben. So will es die Legende, aber das kann nicht recht stimmen, befand sich doch ein berühmter Zigarrenladen wenige Häuser weiter. Und Brecht war, was die Genüsse betraf, bekanntlich ein Mann mit hohen Ansprüchen. Aber irgendwas wird er im Geschäft des Hauses, dessen Hinterhaus und Seitenflügel er bewohnte, schon einmal gekauft haben, wenig, dies und das, nach dem Augenmaß.

Der Raum hinter den großen Schaufenstern, den das Literaturforum im Brecht-Haus seit den Neunzigerjahren für Veranstaltungen nutzt, hat sich in dieser Woche wieder in ein Ladengeschäft verwandelt, in einen Literatur-Pop-up-Store, geöffnet von 13 bis 19 Uhr (lfbrecht.de/pop-up-store). Dort fertigen Autorinnen und Autoren der Gruppe "Literatur für das, was passiert" Texte nach Wunsch und auf Bestellung. Man muss sich vorher für eine Textsorte entscheiden - Brief, Geschichte, Gedicht, Rede, Horoskop, Dialog oder so -, man kann Stichwörter vorgeben, und man spendet für die Auftragstexte wenigstens zwölf Euro an Pro Asyl.

Der Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation, Günter Burkhardt, erinnerte zur Eröffnung des Literaturladens an die mehr als 35 000 Menschen, die derzeit auf den griechischen Inseln festsitzen, "ohne Chance auf ein faires Asylverfahren, ohne Aussicht auf Schutz, ohne Perspektive und unter miserablen Umständen, die 'Lebensbedingungen' zu nennen, der Anstand verbietet". Die Menschen sitzen in der Falle, Pro Asyl macht die schändlichen Zustände, das Unrecht zum politischen Thema. Einer der literarischen Aufträge: ein Brief an Horst Seehofer über Abschiebungen, das europäische Asylsystem.

"Das Gebäude wurde von / der Zahnarztkammer saniert."

Die meisten aber wünschen sich Gedichte, gereimte wie ungereimte. Andere bestellen Weihnachtsgeschenk- oder Aufmunterungstexte an Kinder, Neffen, Freunde, Geliebte. Ein Kurzkrimi ist in Arbeit. Christian Hippe, der das Literaturforum im Brecht-Haus leitet, hat einen Text über einen Elefanten bestellt, der durch Berlin flaniert. An den Schreibmaschinen in Berlin sitzen im Wechsel Daniela Dröscher, Paula Fürstenberg, Anna Hetzer, Yael Inokai, Christian Dittloff, Caca Savic, Lea Schneider, Tillmann Severin und Isabel Wagner. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer hat die Schirmherrschaft für die Aktion übernommen.

Im Chausseestraßengedicht - "from where I sit" - ist vom Druck nichts zu spüren, in kurzer Zeit, vor aller Augen, auf einer Reiseschreibmaschine produzieren zu müssen. Bis zu zwanzig Bestellungen täglich müssen abgearbeitet werden. "Weltausschnitt: / das Borsighaus gegenüber, / dessen rostiger Patron / den robusten Hammer schwingt / und auf das gräuliche Treiben / der Chausseestraße blickt".

Die Gruppe "Literatur für das, was passiert" gibt es seit dem Jahr 2015. Die Autorinnen und Autoren haben in der Schweiz und Deutschland auf Veranstaltungen geschrieben, um Menschen auf der Flucht zu unterstützen. In der Chausseestraße betreiben sie zum ersten Mal einen Literaturladen für eine ganze Woche. Über das Borsighaus heißt es im Gedicht: "Das Gebäude wurde von / der Zahnarztkammer saniert. / Diese Stadt / ist ihre eigene Pointe." Man würde gern weitere Verse bestellen.