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Literatur:Anarchistin des Herzens

Franziska Gräfin zu Reventlow: Der Geldkomplex
(1916)

Ohne aus Franziska zu Reventlows Schlüsselroman "Herrn Dames Aufzeichnungen" zu zitieren, lässt sich kaum von der Boheme der Jahrhundertwende im enorm seltsamen "Wahnmoching" erzählen.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Zum 100. Todestag der Schriftstellerin und modernen Bohemienne Franziska zu Reventlow.

Von Antje Weber

Sie trug, außer ihrem Namen, nichts an sich, was vom Moder der Vergangenheit benagt war. In die Zukunft gerichtet war ihr Leben, ihr Blick, ihr Denken; sie war ein Mensch, der wusste, was Freiheit bedeutet." Das schrieb der Anarchist Erich Mühsam nach ihrem Tod über die, jawohl, Anarchistin Franziska zu Reventlow. Und dass er sie wohl sehr gut gekannt hatte in dem, was und wer sie war, zeigen auch die folgenden Sätze: "Wenn sie lachte, dann lachte der Mund und das ganze Gesicht, dass es eine Freude war, hineinzusehen. Aber die Augen, die großen, tiefblauen Augen, standen ernst und unbewegt zwischen den lachenden Zügen."

Vor 100 Jahren, am 26. Juli 1918, starb Franziska zu Reventlow, nach einem Sturz vom Fahrrad. Doch es wäre zu einfach, die Todesursache nur damit zu erklären; wahrscheinlich führten Darmverschlingungen dazu, dass die 47-Jährige schmerzverzerrt vom Rad fiel und während der sogleich angesetzten Operation starb. Es ist überhaupt vieles zu einfach, was man über diese Frau sagen kann, über die wohl schillerndste Gestalt der Schwabinger Bohème, Malerin, Schriftstellerin, Vielliebende, Gelegenheitsprostituierte, Heiratsschwindlerin, Übermutter. Und ja, genau, Anarchistin. Nicht in politischer Mission, das nicht. Sondern viel weiter gefasst: Franziska zu Reventlow war eine, die für ihr Leben alle geltenden gesellschaftlichen Regeln außer Kraft setzte und an deren Stelle ihre eigenen setzte. Eine Anarchistin des Herzens.

Sie hat teuer dafür bezahlt, bis zuletzt. Wer sich näher mit ihrem Leben und Wirken beschäftigt, dem wird schwindelig angesichts dieser Achterbahnfahrt prekärer Gefühls- und Finanzlagen. Kein Wunder, dass "die Reventlow" noch längst nicht aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden ist. Auch ihr Todestag geht nicht spurlos vorüber: Veranstaltungen erinnern an sie; ein neues Hörbuch stellt ihre Amouresken "Von Paul zu Pedro" vor. Und eine weitere Biografie von Kerstin Decker ist erschienen, die sich zu den bereits vorliegenden von Gunna Wendt bis Franziska Sperr gesellt. "Franziska zu Reventlow" (Berlin Verlag) heißt sie schlicht; vom einzigen Foto, prominent auf dem Umschlag platziert, blickt die Gräfin aus ihren großen, ernsten Augen; ihre Lippen scheinen sich zu einem süffisanten Lächeln verziehen zu wollen.

Den Witz dieser Frau herauszuarbeiten - nebst ihrem Liebesleben -, ist der Biografin denn auch ein Anliegen. Bisher sei das Leben Reventlows vor allem als Emanzipationsgeschichte erzählt worden, urteilt Decker, "als lebenslanger Kampf gegen den Schatten ihrer Mutter mit Tendenz zur - erotischen - Überkompensation". Decker dagegen hält Reventlow für einen von Anfang an freien Menschen. Woran man den erkenne? "An seinem Witz, an seiner Fähigkeit zur Selbstironie. Humor ist eine Art Höflichkeit des Geistes angesichts der Unvollkommenheit der Welt."

Dass auch die Biografin Decker ironiebegabt ist, liest man aus ihrem gut recherchierten und komponierten Buch heraus; und dass sie sich bisweilen stilistisch ins arg Prätentiöse hineinschraubt ("Der Seele des kleinen Mädchens bemächtigte sich ein gewisser Fatalismus"), vergisst man im Laufe der atemraubenden Lektüre. Denn dieses Leben, egal mit welchen Raffungen und Pointierungen man es erzählt, ist von einer solchen Leidenschaft und damit Frechheit, dass es nicht nur höchsten Respekt abnötigt. Immer wieder möchte man auch, aus vergleichsweise biederen Zeiten zurückblickend auf ihre Geschichte, ja die gesamte Bohème, ausrufen: Unglaublich!

Dabei hätte das Leben der Reventlow eigentlich unglaublich langweilig verlaufen sollen. Hineingeboren in eine gräfliche Familie, in ein Schloss in Husum, ist ihr ein sittsames Leben als höhere Tochter und Gattin vorherbestimmt. Doch Fanny hat ihren eigenen Kopf, sie ordnet sich nicht unter, formt ihr Weltbild heimlich an Ibsen und Nietzsche. Verbannt in ein Pfarrhaus, flüchtet sie schließlich, nachdem sie einen Koffer voller Bücher abgeseilt hat, in ein neues Leben. Das spielt bald in München.

Und es pendelt hier weiter unaufhaltsam auf und ab, zwischen erotischen Höhenflügen und Abgründen der Armut. Reventlow lebt und liebt mit unerhörter Lust, gerne auch mehrere gleichzeitig. Das führt zu pikanten Dreierkonstellationen, manchmal auch ins Bordell, wenn die Miete für dunkle, feuchte Löcher mal wieder unbezahlbar ist. Zu Krankheit und Schwangerschaften führt es auch, eine davon endet mit dem Glück ihres Lebens: der Geburt ihres Sohnes. Wie nur soll sie ihn als alleinerziehende Mutter durchbringen? Als Malerin reüssiert sie nicht, als Schauspielerin auch nicht. Doch sie kann, Adel verpflichtet, Französisch: Reventlow wird Übersetzerin, später Autorin für den Verleger Langen. Und erlaubt sich, dies nur als Beispiel, ihm eine der dreistesten Ausreden aufzutischen, die je ein Verleger gehört hat.

Sie hat, es ist das Jahr 1900, einigen Vorschuss für ihr literarisches Debüt kassiert. Nun soll sie, gerade mit Kind und Liebhaber aus Griechenland zurückgekehrt, liefern. Reventlow entschuldigt sich: Das Manuskript befinde sich in Venedig - und zwar genau in dem Koffer, der beim venezianischen Zoll explodiert sei. Genauer gesagt sei, wie Biografin Decker schildert, "der ungesicherte Revolver in ihrem Manuskriptkoffer plötzlich losgegangen, gerade als der Zoll den Koffer prüfte, das machte den Zoll sehr böse". Den Verleger auch.

Ja, es herrscht ein ziemliches Durcheinander in ihrem Leben, was natürlich auch an den dionysischen Schwabinger Faschings- und sonstigen Festen liegt. Reventlow kennt alle, die Wichtigen und die Unwichtigen, die Kosmiker und die Komischen. Etliche von ihnen, wie den Philosophen Ludwig Klages und den Dichter Karl Wolfskehl, kennt sie auch intim. Aus diesem Wissen schöpft sie auch schriftstellerisch: Wohl niemand hat die Bohème so treffend gezeichnet wie Reventlow in ihrem bekanntesten Roman "Herrn Dames Aufzeichnungen" von 1913. Selbst ein Dichter wie Stefan George, dessen weihevolle Auftritte als Cäsar oder Dante Reventlow natürlich nicht verschweigt, schätzte ihre "unbestechliche Chronik"; das legte der Autor Joachim Kalka gerade erst an Georges 150. Geburtstag in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste dar.

Ohne diesen Schlüsselroman zu zitieren, lässt sich jedenfalls nicht über die Jahrhundertwende im enorm seltsamen Stadtteil "Wahnmoching" berichten. Reventlow erweist sich - nicht nur - mit diesem Text als hochbegabte Schriftstellerin, auch wenn sie selbst mit dieser Berufsbezeichnung nichts anfangen konnte. Eine Frauenrechtlerin dagegen, wie manch andere in dieser Zeit, war sie gewiss nicht, auch wenn sie mit Anita Augspurg in der Isar badete. Sie fand, da ganz bei sich bleibend, eine Art modernen Hetärentums sehr reizvoll. Und verkündete, vielleicht weil sie selbst unter der Last ewigen Geldbeschaffens oft fast zusammenbrach, die Frau sei "nicht zur Arbeit, nicht für die schweren Dinge der Welt geschaffen".

Doch auch hier verbieten sich allzu einfache Deutungen; Leben und Schaffen der eigensinnigen Gräfin waren eben komplex. Sie selbst analysierte es so: "Ich war wie jemand, der nicht normal seinen Weg gehen konnte, immer in Purzelbäumen." Im Roman "Herrn Dames Aufzeichnungen" wiederum schrieb sie, "jeder Mensch habe nun einmal seine Biografie, der er nachleben müsse". Sie selbst stürzte in Purzelbäumen durch ihre Zeit.

© SZ vom 26.07.2018
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