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Literaten-Glückspiel:And the winner is: Both Strauss

Der Literaturnobelpreis elektrisiert, zumindest die Wettspielbranche.

Von Willi Winkler

Alfred Nobel, da dürfte es kaum Zweifel geben, hat nicht unbedingt "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen", sondern aus Dynamit Gold oder jedenfalls viel Geld. Da ihn irgendwann doch das schlechte Gewissen plagte, stiftete er die nach ihm benannten Preise und gab den künftigen Preisträgern besagte Definition vor. An Idealisten hat es in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Preises nicht gemangelt - Romain Rolland, George Bernard Shaw, Sigrid Undset und Heinrich Böll nicht zu vergessen.

Andererseits war ein schamloser Rassist wie Rudyard Kipling dabei, T. S. Eliot (zumindest Teilzeit-Antisemit und ideeller Katzensodomist), Winston Churchill (der ihn leider nicht für seine Malkünste erhielt), und wofür ihn Rudolf Eucken gleich wieder bekam, könnte nicht einmal bei einer Notsitzung der Ludwig-Erhard-Stiftung geklärt werden. Nobel waren sie alle auf die eine oder andere Art, nur wurde trotz des großen Stiftungsvermögens manchmal bei der Literatur gespart. Kafka, Joyce, Musil, Broch, Svevo und Brecht konnten schauen, wo sie bleiben.

Stephen King liegt weit zurück, noch hinter dem Flegel Michel Houellebecq

So erhebt sich jedes Jahr ein großes Rätselraten, wem die Schwedische Akademie diesmal den Preis zuerkennen wird. Doch wieder mal eine Frau (Nachholbedarf)? Ein Afrikaner (lange keiner mehr dabei gewesen)? Ein trauriger, wütender Anti-Trump-Amerikaner (für Twitter)?

Wo aber der Zufall im Spiel ist, ist auch das Glückspiel nicht weit. Bei Ladbrokes in London (und im Internet) werden noch Wetten angenommen. Bei Redaktionsschluss stand Maryse Condé mit einer Quote von 4 zu 1 knapp vor Ljudmila Ulizkaja und Haruki Murakami. Dann kommt schon Margaret Atwood auf die Ziellinie zugerast, die wegen ihres dystopischen Romans "Der Report der Magd" tatsächlich Aussichten hat, aber bei Ladbrokes so unbekannt ist, dass sie dort Attwood heißt. Kurios auch: ein gewisser "Both Strauss" - sind damit etwa beide gemeint, Botho und Sprössling Simon? Ein generationenübergreifender Preis, das wäre mal was! 33 zu 1 ist eine interessante Quote, gleichauf mit Hilary Mantel und Karl Ove Knausgård. Stephen King liegt weit abgeschlagen zurück, noch hinter dem Flegel Michel Houellebecq.

Mit Literatur haben diese Wetten nichts zu tun, aber wer nichts wagt, gewinnt ja auch nichts. Elias Canetti hat, obwohl damals in London ansässig, nicht gewettet, sondern Vabanque mit dem Nobelpreis gespielt. Wie Robert Menasse einmal erzählte, schrieb Canetti 1965 einen Brief nach Stockholm und wies die Herren der Akademie darauf hin, dass Heimito von Doderer Mitglied der NSDAP gewesen sei. Für alle Fälle nannte er auch die Mitgliedsnummer. Wäre Doderer ausgezeichnet worden (wofür es gute Gründe und vor allem die "Strudlhofstiege" gab), dann, so das Kalkül des im heutigen Bulgarien geborenen, in Wien aufgewachsenen und deutsch schreibenden englischen Staatsbürgers Canetti, wäre Österreich bedacht und kein weiterer Nobelpreis dorthin beziehungsweise an Canetti je mehr zu vergeben gewesen. Der Zocker Canetti gewann. Doderer bekam den Preis nicht, aber 1981 empfing ihn Canetti und dankte in seiner Rede vier Autoren, die ihn nicht bekommen hatten: Broch, Musil, Kafka und Karl Kraus. Doderer vergaß er.

© SZ vom 07.10.2020
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