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Literaten bei YouTube:Seht, wir schreiben

Ein Buch tippen, einen Agenten haben, einen Verlag finden - das reicht heute nicht mehr. Ein Schriftsteller muss den Leuten bei YouTube erklären, warum er überhaupt etwas aufschreibt. Eine Deutung.

Rebecca Casati

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Ein Buch tippen, einen guten Agenten haben, einen Verlag finden - das reicht heute nicht mehr. Ein Schriftsteller muss sein Gesicht auf YouTube zeigen und den Leuten erklären, warum er überhaupt etwas aufschreibt.

Richard David Precht: Die Kunst, kein Egoist zu sein (mehr als 447.000 Aufrufe)

Rote Wischwand, braune Ledersitzbank, Eierlöffelgeklapper, kein Zweifel: Precht sitzt in seinem Buchtrailer in einem, vielleicht sogar: seinem liebsten Kaffeehaus. Obwohl man zwischendurch immer mal wieder glaubt, er würde den Kopf aus dem Bildschirm stecken; so weit beugt er sich zur Internetgemeinde herüber.

Precht hat ein neues Buch geschrieben, in dem es nicht nur um einiges, sondern um alles geht: um das Gute, um das Böse und wie sie einander behindern. In dem dazugehörigen Film schickt sich Precht nicht nur, so wie bisher, an, alle Geisteswissenschaftsstudentinnen und Wolkenkuckucksheimbewohnerinnen einzukassieren; er hat es offenbar auch auf die mit dem kindlichen Herzen abgesehen. Mit einem Trick.

Nur wer in den siebziger Jahren Kind war, kann ihn ohne weiteres entlarven: jenen stillschmunzelnden, latzhosedreckigmachenden Reformpädagogentonfall, mit dem Peter Lustig den Kindern in seiner Sendereihe "Pusteblume" (später: "Löwenzahn") beibrachte, dass man sich doch aus etwas ganz Profanem wie einem Fahrradgestell eine Seifenblasenmaschine basteln könnte. Oder etwas ähnlich Traumtänzelndes. Immer nach dem Motto: Ihr glaubt, ihr wisst, was das hier ist? Na, dann kommt mal mit.

Auch Precht erklärt uns in seinem Buchspot, dass er in seinem Buch erklärt, wie sich die Welt und die Natur des Menschen zusammensetzen. Wie seinerzeit Peter Lustig macht auch Precht regelmäßig Pausen, wohl damit auch die denkfaulsten seiner Zuschauerchen seine Message empfangen: Wir sind Egoisten, aber wir können uns verbessern!

Am Ende fragt Precht: "Wie können wir unsere Gesellschaft, in der Bundesrepublik, in den westlichen Ländern so umbauen, dass wir das Gute am Menschen stärker fördern (- Pause -) und die Spielräume für das Schlechte (- Pause -) kleiner machen?"

Wir werden es bald lesen. Wir könnten aber einstweilen schon mal losbasteln, irgendwo müsste noch so ein alter Waschmittelkarton. . .

Text: Rebecca Casati/SZ am Wochenende vom 10.9.2010/kar

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Jonathan Franzen: Freiheit (mehr als 10.000 Aufrufe)

Der Amerikaner Jonathan Franzen hat allen Grund, so zu lächeln wie hier auf diesem Bild aus seinem neuen Buchtrailer. Sein neues Buch galt bereits vor Erscheinen als sprachlos machendes Meisterwerk. Die Auflagen in Amerika erreichen Millionenhöhen. Franzen prangte unlängst auf dem Cover des Time Magazine, eine Ehre, die zuletzt vor sieben Jahren einem Schriftsteller zuteil wurde, nämlich Stephen King. Und auf jenem Cover sah Franzen nicht nur aus wie der Schriftstellergott, der er ist, sondern wie ein Schauspieler, der einen Schriftstellergott in einem Film von Tom Ford spielt.

Übrigens ist er auf obigem Bild, einem Ausschnitt aus seinem neuen Buchtrailer, realistischer getroffen, einerseits. Andererseits auch wieder nicht. Denn es ist der einzige Moment in diesem Film, in dem Franzen nicht aussieht wie ein ungebügelter Griesgram, der die letzten zwei Wochen einen Helm auf dem Kopf trug.

In diesem Trailer erklärt Franzen, wie unwohl er sich in dieser Sekunde fühlt, weil er diesen Buchtrailer drehen muss. Und wie kontraproduktiv solche Buchtrailer sind, denn Bücher sollten einen Leser ja gerade an einen Ort transportieren, an dem jedes Gequatsche verstummt. Und sie seien, anders als andere Medien, nicht zum Multitasking geeignet. . .

Franzen sitzt im Clip vor einer Bücherwand. Er hält einen Zettel in der Hand, auf den er allerdings nie schaut (obwohl sich darauf möglicherweise das fehlende Glied in seiner Argumentationskette verbirgt). Und an einer Stelle tut Franzen dann so, als müsste er gähnen. Er erzählt ein bisschen was zu seinem Roman, zu der Hauptfigur Walter, die sich mit Überbevölkerung und Vogelschau beschäftigt. Über die Aufgabe eines Romans, der sich der Gesellschaft genauso wie dem persönlichen menschlichen Schicksal widmen sollte. Über . . . Und dann endet der Clip mitten im Wort.

Franzen ist einer der größten lebenden Schriftsteller Amerikas. Er braucht wahrscheinlich keinen Internet-Trailer, um seine Bücher zu bewerben. Aber er hat nun einmal einen gemacht. Und der ist trotz aller offenkundiger Bemühungen auch nicht langweiliger geworden als viele, die interessant sein wollen.

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Birgit Fiolka: Legenden von Engil - Blutschwestern Teaser (mehr als 50 Aufrufe)

Wenn man einen regnerischen Herbstnachmittag vor YouTube verbringt und sich dort bereits den 134. Buchtrailer angeschaut hat, muss man bei allem Wohlwollen doch erkennen: Das Genre muss erst noch zu seiner Form finden. Viele dieser Filme wirken vor allem vorsichtig. Es gibt selten Dramaturgien oder Handlungen, meist wird per Voiceover ein bisschen was aus dem Buch vorgelesen, unterlegt mit mehr oder weniger passenden Stimmungsbildern. In manchen Clips sitzt der Autor vor der dicht bestückten Bücherregalwand aus MdF, in anderen diskutiert er mit einem Interviewer im Café. Und bestenfalls wirkt das Ganze wie ein Kulturbeitrag auf SWR3. Das offenkundige Dilemma: Wie macht man als Verlag Lust auf ein Buch, ohne dem Leser Bilder aufzudrängen, die nicht zu seiner Interpretation passen?

Dieses Problem scheinen die Verlage nur in einer einzigen Sparte gelöst zu haben. In der Abteilung Fantasy ist man sich offenbar sehr einig, was die Leser in einem Buchtrailer hören und sehen wollen. Konkret: düstere Wolken, reitende Gestalten (= drohendes Unheil!), Schwerter, Blutstropfen, Zeitlupensequenzen. Dazu hört man Trommeln, gregorianische Gesänge und die spätestens seit dem Soundtrack von "Der Herr der Ringe" unvermeidliche Synthesizer-Panflöte; sie steht für Wehmut, für eine andere Zeit, und für Trolle, die diese Panflöte unterirdisch spielen.

Ein Paradebeispiel für diese Art Fantasy-Buchtrailer ist diesen Herbst das dritte Werk der Duisburger Autorin Birgit Fiolka: "Legenden von Engil - Blutschwestern". Es geht darin, worum es eigentlich immer geht bei Fantasyromanen: um eine düstere Prophezeiung, erzürnte Götter, löwenherzige Königinnen, das Gute, das Böse. Der dazugehörige Trailer erfüllt nicht nur fast alle oben genannten Kriterien; es spielen auch ein dunkles Paar Kontaktlinsen und eine weiße, synthetische Langhaarperücke eine Rolle.

Wer auf Birgit Fiolkas Webpage geht, ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob die Autorin selbst sie für diesen Trailer angelegt hat.

Aber das ist wahrscheinlich die Magie daran.

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Jonathan Safran Foer: Tiere essen (mehr als 36000 Aufrufe)

Es ist grundsätzlich gut, sich in seinem familiären Umfeld zu präsentieren. Aber wenn man, wie Jonathan Safran Foer, ein Buch mit einem eher ungemütlichen Thema vorgelegt hat, ist es geradezu unerlässlich, sich in seinem familiären Umfeld zu präsentieren. Denn es zeigt ja: okay, ich habe mich für eine ganze Weile in die grauenhafte Welt der Schlachthöfe, Massentierhaltungen und Fressgelage begeben; ich habe tote Schweine, verweste Hühner und abgepellte Würste sehen müssen, und das war alles schlimm. Aber meine Familie, also mein Sohn Sasha und mein Hund George, der eigentlich ein Mädchen ist (aber ich bin frech genug, sie George zu nennen) - all dies hilft mir, aus dem Grauen zurück in den Vernunftbereich zu gleiten.

Foer hat einen Besteller über unseren viel zu sorglosen Umgang mit der Tiertöterei und Tierfresserei geschrieben: Eating Animals. Und es ist ganz gut, dass der schwarze Labrador George immer wieder seine Zunge in die Kamera hält, weil Lebensformen wie George einerseits in anderen Kulturen gegessen werden. Andererseits isst George selber Fleisch. Man sieht schon, die Geschichte mit dem Vegetarismus ist ambivalent wie ein Spiegelei.

Oder besser: ambivalent wie Foers Verhältnis zum eigenen Fleischessen. Ambivalenz, um das jetzt rundzukriegen, ist eine Sache, die meistens in der Kindheit wurzelt, deshalb sehen wir den unfassbar großen Kübelhintern von Foers Grandma, wenn die sich nach vegetarischen Gerichten zum Kühlschrank hin bückt. Haben wir schon gesagt, dass Foer ein ganz normaler Junge ist, der zufällig ein paar Bestseller geschrieben hat? Brille, Bart und Parka, so kommt er aus der Park Slope in Brooklyn, wo er sich für die Tantiemen einen alten Brownstone gekauft hat.

Ja, und dort hat er eben dieses Buch geschrieben, das auch ein Familienbuch ist; er sagt das so schön unkonzentriert im Stil der MTV-Realitysoaps in die Kamera, dass man sich am liebsten selbst kurz mit den Gräueln dieser Welt befassen möchte. In der Hoffnung, anschließend so unbeschmutzt zu wirken wie Jonathan Safran Foer.

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Paula Lambert: Keine Panik, ich will nur Sex (mehr als 447.000 Aufrufe)

Gentleman's Quarterly, kurz GQ, ist ein Monatsmagazin für Männer. Und weil es immer ganz schnell langweilig wird, wenn Männer sich im Unterhaltungston schildern sollen, was es alles Neues gibt, in den Läden und in der Liebe und im Leben, kommt dort auch einmal im Monat eine Frau zu Wort: Paula Lambert, eine Sexkolumnistin. Angeblich sogar: Deutschlands berühmteste Sexkolumnistin. Die schon seit einiger Zeit, und bei wechselnden Zeitschriften und Magazinen, Leser mit ihren mannigfaltigen Abenteuern in Kolumnenform unterhält.

Zu Paula Lamberts neuer Kolumnensammlung, die diesen Herbst erscheint, gibt es gleich zwei Buchtrailer, mit zwei verschiedenen Männertypen, denn mehr gibt's ja auch im wirklichen Leben - vielleicht aber auch nur in der Peergroup von Gentleman's Quarterly - nicht.

Der eine ist ein jungenhafter Schluri mit Karohemd, Fusselbart und Lederjacke. Und der andere ist ein etwas neurotischer Designerpulloverträger mit einem sorgfältig getrimmten Bart. Beide haben in den Clips das Buch in der Hand und erzählen irgendwelche Sätze in die Kamera, Sachen wie: "Man riecht, man lebt, man schwitzt."

Es geht da dann noch um Sex und Liebe, es geht um Teelichterherzen, die auf irgendwelchen Wohnzimmerboden stehen und darum, welche Aussage man damit trifft. Es geht um Tisch- und Waschbeckensex und um Hitler, der in Polen eindrang.

Es geht den Männern, wie man dann zum Glück irgendwann mitkriegt, um Paula Lambert. Die die beiden anscheinend dermaßen durcheinandergebracht hat, dass zusammenhängendes Reden schwierig geworden ist.

Was auch noch möglich wäre: Das Ganze soll den elliptischen Beziehungstalk von 30-jährigen Großstädtern simulieren. Es soll nah dran sein an ihnen und sich gleichermaßen auch ironisch von ihnen distanzieren. Es soll - ach, es soll ganz einfach Bücher verkaufen. Beruhigender wäre halt nur, man wüsste, dass sie von etwas handeln.

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Thomas Pynchon: Natürlich Mängel (mehr als 78.000 Aufrufe)

Thomas Pynchon ist in gewisser Hinsicht der Gegenentwurf zu Jonathan Franzen: Wenn er sagt, dass er nicht gesehen werden will, meint er es auch. Und das schon seit 47 Jahren.

Außer, erzwungenermaßen, einem CNN-Reporter, der ihn 1997 in seiner New Yorker Wohnung aufgestöbert hatte, hat Pynchon kein einziges Interview gegeben. Es existieren keine Fotos von ihm. Keine Fernsehaufnahmen. Man weiß kaum etwas über ihn. Das wenige: Er stammt aus einer sehr alten neuenglischen Familie. Man weiß, dass er ein Nabokov-Schüler war und ein Genie ist. Und man weiß: Er hat Humor. Denn 2004 tauchte er in einer Folge der Simpsons auf; als er selber, mit einer braunen Papiertüte über dem Kopf.

Dieses Jahr nun erscheint sein siebter Roman in Deutschland. Er handelt von einem abgewrackten Hippie namens Doc Sportello, der in einen Mord verwickelt wird. In dem dazugehörigen Trailer setzt zu Anfang eine psychedelische Rockgitarre ein, wir sehen Bilder, die eine Kamera aus einem Auto heraus filmt; verlassene Palmenstrände, Straßen und Freeways.

Eine männliche Stimme beschreibt die Wohngegend: Surfer, Kiffer und Stewardessen, und angeblich steigt jeden Abend in diesem verlassenen Stadtteil an der Südküste Kaliforniens eine Riesenparty. . . "Lest das Buch", sagt die Stimme am Ende, "für 27,95 Dollar - 27,95 Dollar?!? Ernsthaft? Dafür bekam man früher Lebensmittel für drei Wochen!"

Viele Zuschauer dieses Clips erinnerten der schleppende Tonfall, die mäandernden Gedanken an den dauerbekifften Dude aus dem Big Lebowski. Angeblich spricht Pynchon das Voiceover selber. Angeblich hat seine amerikanische Pressefrau das bestätigt. Angeblich klingt die Stimme auch genauso wie die, mit der seine animierte Figur in den SimpsonsFolgen sprach. Und das war damals tatsächlich seine eigene Stimme. Angeblich.

Bewiesen ist nur: Die neuen Medien haben nichts damit zu tun, ob ein Autor sich treu bleibt. Auch eindeutig: der Buchtrailer des Jahres!

© SZ am Wochenende vom 11.9.2010/kar
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