Literarisches Leben "damit die opportunisten jeden tag richtig liegen"

Auf der Suche nach einer Ode an den Pazifik: Sergio Raimondi.

(Foto: Timo Berger)

Weltklang und Meeresrauschen: Das Poesiefestival Berlin entdeckt neue Stimmen und Töne.

Von Lothar Müller

Seit einigen Jahren werden beim Poesiefestival in Berlin kleine Lampen verteilt. Das hat mit dem Konzept der Auftaktveranstaltung zu tun, bei der unter dem Titel "Weltklang - Nacht der Poesie" alle Autoren ihre Gedichte in der Originalsprache lesen. Je ferner eine Sprache, desto fugenloser verwandelt sie sich in reinen Klang und Rhythmus, und desto schwieriger wird es für die kleinen Lampen, in den schmalen Bänden mit den deutschen Übersetzungen die Schriftzeile zum Klang ausfindig zu machen. Ohr, Hand und Hirn sind im Multitasking damit beschäftigt, Lautbilder mit Vorstellungen zu verknüpfen.

In diesem Jubiläumsjahr - das Festival findet zum zwanzigsten Mal statt - hatten die Kuratoren Alexander Gumz und Matthias Kniep eine glückliche Hand. Die für viele Ohren im großen Saal der Akademie der Künste am Hanseatenweg wohl fernsten Sprachen, das Slowenische, das Persische, das Chinesische blieben nicht "Weltklang". Anja Golob, 1976 in Slovenj Gradec geboren, dirigierte mit scharfer Intonation und äußerst rhythmisch die Lampen durch die Übersetzung ihrer Berichte aus einem Alltag in maroden Häusern mit unklarer Zukunft, Liebesnächten ohne Zukunft ("manchmal, nur manchmal auch ein Regenbogen") und einer nur scheinbar ungerührt mitgeschriebenen Unruhe.

Fatemeh Shams, die 1983 in Mashad im Iran geboren wurde ("Ich komme aus der Stadt starrsinniger Sänger"), ging 2009 ins Exil. Nicht nur, weil sie grün gekleidet auf der Bühne stand, in der Farbe der iranischen Rebellion, war klar, dass hier die Klarheit der Artikulation aus der Erfahrung einer politischen Katastrophe hervorging, der Rückgriff auf Bilder der Liebe als Schöpfung die poetische Tradition in eine Zeugin der Anklage verwandelte ("ich war verliebt in Männer, / die immer jung starben"). Inseln der Vertrautheit, Orientierungsbojen gab es im furiosen Auftritt des 1963 geborenen chinesischen Dichters Xi Chuan. Gargantua und Pantagruel tauchten auf, auch Goethe und Schiller, als Elemente in lässigen, vor Witz und Ironie sprühenden Versen, die lustvoll sehr viel Luft aus Grossbegriffen wie "Weisheit" herausließen und ziemlich respektlos die traditionsreichen Gegenden besichtigen, in denen es "so viele Geister wie Menschen" gibt: "sobald einer den mund aufmacht, weiß ich, ob er ein geist ist, aber mehr sage ich nicht dazu." Aber dann doch dieses: "wenn alle straßen jeden tag anderswo hinführen, dann nur, damit die opportunisten jeden tag richtig liegen."

Längst changiert für deutsche Ohren das Englische zwischen Fremdsprache und Vertrautheit. Wenig zu tun hatten die Leselampen bei den Kurzversen von Eileen Myles, die im East Village der Siebzigerjahre zu dichten begann, sich ironisch als "wütende weiße Lesbe" vorstellt und dem urbanen Sound, in dem seit je Technik, Haustiere und Sex eine gewisse Rolle spielen, bis heute treu geblieben ist.

Es fällt auf, dass der "Sound" der Lyrik nicht unbedingt dort seine größten Wirkungen entfaltet, wo er sich allzu unmittelbar mit der Musik verbündet. Yugen Blakrok ist ein Star der südafrikanischen HipHop-Szene, sie verfasst ihre Texte sowohl auf Englisch wie in der Sprache ihrer Vorfahren. Den Musiker, der dem Computer die Klänge zu ihrer Rezitation entlockt, stellt sie nicht vor, ihre Lyrics sind nicht immer zugleich poetry ("Ich schwimme auf Wellen strahlender Energie / Gleich dem Immergrün, erliege dem strömenden Chi ..."). Mehr Energie ging von dem furiosen Staccato aus, mit dem Keston Sutherland aus Bristol das Englische durch sein Langgedicht "Sinking Feeling" peitschte.

Die Weltliteratur haust manchmal in der Nähe. Rainer René Müller, 1949 in Würzburg geboren, betritt mit Kippa und einem Stock, auf den er sicht stützen muss die Bühne, eine gebrechliche Gestalt mir einer großen Stimme, die in Gedichten wie "Lirum, larum" oder "... man nennt es Glück" den Dialog mit alten Sprachschichten des Deutschen sucht, manchmal auch mit Benn und Baudelaire, und nicht zuletzt mit Paul Celan: "... dann zirp ich leise, wie es Heimchen tun". Das überwiegend junge Publikum schien zu begreifen, dass dies ein großer Auftritt war.

Eine glückliche Hand hatte der Kurator Matthias Kniep auch, als er dem argentinischen Autor die "Berliner Rede zur Poesie 2019" anvertraute. Sie trug dem nordamerikanischen Schwerpunkt des Festivals, zu dem auch eine Inszenierung der "Leaves of Grass" von Walt Whitman gehört, aus südamerikanischer Sicht Rechnung. Unter dem Titel "Probleme beim Schreiben einer Ode an den Pazifischen Ozean" knüpfte Raimondi an Whitmans "Passage to India" an.

Er sprach an ein europäisches Publikum gewandt, das von Autoren wie Fernand Braudel gelernt hat, ein "westliches Narrativ" in "zwei Schritten und drei Volumen Wasser" zu erzählen: "vom Mittelmeer zum Atlantik und vom Atlantik zum Pazifik". Und sprach über Weltkarten, Globen und das gemischte Bücherregal zu Ökonomie, Geschichte, Transportwesen und Kultur, das jemand zur Verfügung stehen müsste, der eine solche Ode schreiben wollte. Und er versuchte sich an einer argentinischen Antwort auf einen Satz von Theodor W. Adorno: "Solche Moderne muss dem Hochindustrialismus sich gewachsen zeigen, nicht einfach ihn behandeln." Dies war in der Tat eine Rede zur Weltpoesie, und sie liegt schon gedruckt vor, bei Wallstein.