Literarisches Leben Bangemann ist nicht mehr

"Rasch tritt der Tod den Menschen an / isst er die Wurst bei Bangemann": Ein Nachruf auf das literarische Wirtshaus in Arno Schmidts Bargfeld.

Von Willi Winkler

Bangemann ist nicht mehr. Die Gemeindeverwaltung Lachendorf, zuständig für Eldingen mit seinem Ortsteil Bargfeld, bestätigt, dass Jürgen Bangemann nach wie vor Besitzer der Immobilie Bangemann sei, er selber aber unbekannten Aufenthalts.

Es ist, als hätte er Haus und Hof fluchtartig verlassen. Zuletzt fanden bei ihm ohnehin nur mehr vereinzelte Faschingsvergnügungen statt, oder was sich jedenfalls der Niedersachse und seine ebensolche Sächsin in ihrer Heide-Schwermut als "Faslam" an Lustbarkeit gestatten, wenn sie glauben, der liebe Gott schaue ihnen bei ihrem sündhaften Treiben nicht zu.

Arno Schmidt, der von 1958 bis zu seinem Tod 1979 im Dorfe Bargfeld lebte, hat das Gasthaus kaum frequentiert, er musste doch schreiben. Nur einen Pandektenweitwurf von Bangemann entstanden die Monumentalwerke "Zettel's Traum" und "Abend mit Goldrand". In seiner Abgeschiedenheit konnte der Dichter ausschließlich seiner Kunst leben und aller Welt Feind sein, die sich selten nur hintraute in den öden Ort im Landkreis Celle im besonders leeren Teil Niedersachsens.

Nichts allerdings vermochte Schmidt gegen die Schmidtianer, gegen seine literarischen Fans, die von 1971 an in Bargfeld einfielen und wenn nicht ihm, so doch seinen Büchern zu Leibe rücken wollten. Das, so meinten die Gründer des "Arno-Schmidt-Dechiffrier-Syndikats", gelinge nirgends besser als am Ort des Dichters, und erwählten sich als besonders amönen Ort das Wirtshaus Bangemann, Anschrift "Unter den Eichen", zum locus amoenus.

Hier standen leibhaftige Maggi-Flaschen auf dem Tisch, deren Inhalt der Dichter nach eigner Aussage pur trinken konnte. Hier wurde ein wenig redlicher Branntwein namens "Alte Kanzlei" ausgeschenkt, den auch Schmidt fantasiebefeuernd zu sich nahm, und das Essen war nicht anders, also kongenial.

Wer das kulinarische Angebot bei Bangemann kennt, weiß um die tiefe Wahrheit, die die Zeichnerin Tatjana Hauptmann in Verse gefasst hat: "Rasch tritt der Tod den Menschen an,/isst er die Wurst von Bangemann."

Arno Schmidt soll in schwachen Momenten der Bangemann'schen Versuchung gleichwohl nachgegeben haben und ist nicht zuletzt deshalb so früh gestorben.

Das literarische Wirtshaus ist längst vom Vater Wilhelm auf Jürgen Bangemann übergegangen. Wird es je wieder einen Bangemann geben? Jörg Warncke hat seine Zweifel. Dazu müsste jemand Geld auf den Tisch legen, und dafür fehlten in Bargfeld die wirtschaftlichen Voraussetzungen. Warncke ist der Samtgemeindebürgermeister und entsprechend melancholisch.

Die Gegend ist zum größten Teil Landschaftsschutzgebiet, da siedelt sich niemand mehr an. Tatsächlich ist innerhalb eines sogar europäischen Großprojekts viel Geld hineingepumpt wurden, nämlich in die Renaturierung um die Flüsschen Schmalwasser und Lutter. Ziel ist ein nadelbaumbefreiter Ur-Zustand, wie er vor mehr als zwei Jahrhunderten geherrscht haben mag, als die "Haidnischen Alterthümer" entstanden, für die sich Schmidt einsetzte. Aber das daure gut hundert weitere Jahre.

Immer säkularer wird die Welt: Notre Dame brennt, Bangemann ist nicht mehr, kein sündhaftes Treiben mehr, nichts.

Es bleibt immerhin ein Bangemann'scher Aphorismus, den der Schmidtinaner Kurt Scheel überliefert hat und der sich auch ohne Dechiffrier-Syndikat erschließt: "Sauft nicht so viel Bier, davon werdet ihr nur - besoffen."