Literarischer Marktplatz Sicherheit der Serien

Christian Wiik Gjerde: Kleeblattsommer. Aus dem Norwegischen von Maike Dörries. Gerstenberg, Hildesheim 2019. 336 Seiten, 14,95 Euro.

(Foto: Christian Wiik Gjerde)

Ein Besuch bei der Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek in München.

Von Roswitha Budeus-Budde

"Mit Speck fängt man Mäuse", meinte Andreas Steinhöfel, als er zur Autorenlesung in der Stadtbibliothek in München auf eine Schulklasse traf, die von ihm etwas aus der "Kurzhosengang" hören wollte. Aus einem Buch, bei dem er nur als Übersetzer aufgeführt wird und nicht aus seinem gerade erschienenen "Rico, Oskar und die Tieferschatten". Die Bibliothekarin Michaela Gemkow, Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek am Gasteig, erinnert sich noch genau, dass es ihm damals wirklich egal war. "Hauptsache, die Kinder haben ihren Spaß an der Autorenbegegnung."

Welche Bücher reizen Kinder im Grundschulalter, was suchen sie sich selbst in der Bücherei aus? Was macht ihnen Spaß? Schließlich haben sie hier in einer der größten Kinder- und Jugendbibliotheken Deutschlands eine riesige Auswahl. Die aber hauptsächlich von Mädchen genutzt wird. "Das sieht man auch an den Büchern, die in den Verlagen erscheinen", meint Michaela Gemkow. "Es ist schwieriger, etwas zu finden, was Jungen begeistert. Mädchen lesen alles, Jungs aber nicht. Ich freue mich schon immer, wenn ich in einem Buch einen Jungen als Hauptfigur finde." Unter den Frühjahrsbücher sind zwei Helden zu entdecken, in der schwedischen Geschichte "Kleeblattsommer" von Christian Wiik Gjerde, in der ein sehr munterer Junge das Leben einer kleinen Insel aufmischt, und in "Die Blaubeerdetektive" von Pertti Kivinen, einem finnischen Kinderkrimi mit einem taffen kleinen Bruder zwischen großen Schwestern.

In der Bibliothek werden die Bücher aber nicht nach Mädchen- oder Jungsthemen aufgestellt, sondern nach Schlagworten, wie "Abenteuer", "Lieblingsfiguren", oder "Zauberhaftes" - auch wenn unter dieser Gruppe deutlich mehr die typisch rosa Einbände der Mädchenbücher zu finden sind.

Doch die wirklichen Highlights bei den Kinderbüchern und darum meistens ausgeliehen, sind bekannte Serien. Sie sind oft keine große Literatur, aber eine Einstiegsdroge für Kinder, der erste Schritt, Geschichten und Bücher zu lieben. Für Jüngere zum Beispiel "Petronella Apfelmus" von Sabine Städig, mit den Illustrationen von Sabine Büchner (Boje Verlag), die Geschichte einer kleinen Hexe, die im Garten lebt. In "Mein Lotta-Leben" von Alice Pantermüller (Arena Verlag) dokumentiert ein Mädchen in seinem Tagebuch, verziert mit den Cartoons von Daniela Kohl, seine komischen und an Zauberei grenzenden alltäglichen Missgeschicke.

Bei Jungen beliebt ist die Detektivserie "Flätcher" von Antje Szillat (dtv junior), die neben dem spannenden Text über die Abenteuer von Theo und seinem Stinktier schwungvoll von Jan Birck illustriert sind.

Jungen mögen auch "Bitte nicht öffnen, bissig" von Charlotte Habersack (Carlsen), einen turbulenten und witzigen Mix aus Fantasie und realem Kinderleben. Während die "Olchi"-Geschichten von Erhard Dietl (Oetinger Verlag) mit ihrer liebevollen Familie, die auf der Müllkippe lebt, eine komische Gegenwelt zu Sauberkeit und Ordnung zeigen.

Was fasziniert die Kinder an diesen Serien, was macht zum Beispiel "Die Schule der magischen Tiere" von Margit Auer (Carlsen) oder "Das magische Baumhaus" von Mary Pope Osborne (Loewe Verlag) zu Lieblingsbüchern von Dritt- und Viertklässlern? "Unsere Kinder haben einen sehr unspektakulären Alltag", meint Michaela Gemkow. "Sie suchen einen Ausweg, manche haben schon ein Hamsterradgefühl. Da locken sie Geschichten, die ihnen erzählen: Du bist ja eigentlich ein Zauberer und darfst auf eine tolle Schule wo Magie herrscht. Es begeistert sie, von Kindern zu lesen, die Dinge tun, die man sich nicht selbst traut, wie den Eltern nicht zu folgen, etwas Freches zu wagen, auf sich allein gestellt zu sein und Abenteuer zu erleben." Die Serien geben ein Gefühl von Sicherheit, denn die vertrauten Helden erleben neue Geschichten in einem bekannten literarischen Rahmen. "Darum ist alles, was die Leser schon kennen und was in Fortsetzung erscheint, ein Selbstläufer."

Doch oft wird Serien vorgeworfen, dass sie literarisch anspruchslos rein nur zu Unterhaltung produziert werden, dass sie veraltete gesellschaftliche Zustände betonieren, dass sie die weiblichen und männlichen Rollenbilder konservieren. Schon die Enid-Blyton- Serien wurden früher manchmal in den Buchhandlungen unter dem Ladentisch versteckt. Doch Michaela Gemkow verteidigt die Vorlieben ihrer kindlichen Nutzer, betont, dass es wichtig ist, ein Lieblingsbuch zum Einstieg in die Literatur zu finden. "Schreibe ich ein Buch, weil ich ein gesellschaftliches Thema aufgreife oder weil ich unterhalten will? Tut man einem Buch nicht unrecht, wenn man es in eine Schablone legt, für die es überhaupt nicht gedacht war?" Immer wieder beobachtet sie, dass Kinder, die aus dem SerienhHype herauswachsen, sich an die anderen Bücherregale wagen und direkt nach besonderen Themen fragen. Jetzt kommt die Zeit, wo sie sich von A bis Z durch den gesamten Bestand lesen, bevor sie dann mit zehn, elf Jahren von der Kinderbibliothek in die Jugendabteilung wechseln.

Seltener sind es Jungen, die als Jugendliche lesen. Sie suchen Suspense und brauchen mutige, verständnisvolle Vermittler, die ihre Vorlieben akzeptieren, die ihnen zum Beispiel Melvin Burgess "Doing it" (Carlsen Verlag, Jugendliteraturpreis 2005) geben, auch wenn sie selbst Mühe haben, die ersten Seiten zu überstehen.

Und warum lesen Mädchen alles, wie zum Beispiel "Gregs Tagebuch?" Jeff Kenney meinte einmal auf diese Frage "Wenn sie genau wissen wollen, wie Jungs ticken, dann können Mädchen das hier erfahren". Nur die amerikanischen?