Literarische Moderne:Eine Odyssee in der Großstadt wird 100

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Heute ist Blommsday. Bloomsday? Ach ja, der Tag, der in Dublin vor genau hundert Jahren erlebt werden musste, um damit ein Buch von tausend Seiten zu füllen: den "Ulysses" von James Joyce.

LOTHAR MÜLLER

Mr. Leopold Bloom, um die vierzig, verheiratet, wohnhaft in Dublin, Eccles Street 7, 5 Fuß 9 1/2 Zoll groß, kennt sich mit Zeitungspapier wie diesem aus. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Annoncen-Akquisiteur und weiß, dass er im Feuilleton nur auftauchen kann, wenn das Anzeigengeschäft die schöngeistige Unterhaltung trägt. Manche, die ihn nur flüchtig kennen, behaupten, er betreibe seinen Beruf eher lustlos und sei schon während seiner Zeit in der Schreibwaren-Branche, als Handlungsreisender in Löschpapier für die Firma Hely"s Ltd., 85 Dame Street, eine Niete gewesen.

Literarische Moderne: Der Odysseus-Trick sichert Mr. Leopold Bloom seine steile Karriere bei den Philologen. Aber die bringt ihm nichts ein. Am unendlichen Netz seiner Verbindungen zu Homer und zur antiken Mythologie verdienen nur seine Interpreten.
 Der Autor James Joyce bei der geliebten Zeitungslektüre.

Der Odysseus-Trick sichert Mr. Leopold Bloom seine steile Karriere bei den Philologen. Aber die bringt ihm nichts ein. Am unendlichen Netz seiner Verbindungen zu Homer und zur antiken Mythologie verdienen nur seine Interpreten. Der Autor James Joyce bei der geliebten Zeitungslektüre.

(Foto: Foto: ap)

Aber das ist nur üble Nachrede, Verleumdung. In Wahrheit ist Mr. Leopold Bloom bis in die letzte Faser seines Bewusstseins hinein vom Anzeigengeschäft geprägt. Er hat die Listen der Inserate, die Reklameplakate, Werbesprüche, Prospekte und Flugblätter aufgesogen, als sei er selbst eine Art Löschpapier. Wer ihm folgt, bei seinem Gang durch die Stadt, befindet sich überall, nicht nur in der Redaktion oder im Korrekturenkabinett von Freemans Journal, in Begleitung eines Werbefachmanns.

Im Feuilleton oder Politikteil liest Mr. Bloom eher selten, lieber gleitet sein Auge mit dem Blick des Kenners durch die Welt der Inserate und der Lokalnotizen. Stärker als der Leitartikel zieht ihn das Vermischte an. Freemans Journal kommt ihm entgegen, denn er muss es für seine Zwecke nicht einmal aufschlagen: Es trägt die Anzeigen auf der Stirnseite. Man muss nur ein paar Schritte mit Mr. Bloom gehen, um zu bemerken, dass er die Stadt nicht anders liest als die Zeitung. Kein Schaufenster mit einer missratenen Auslage entgeht ihm, kein Geschäft, das noch auf den Tag wartet, der ihm den gelungenen Slogan beschert, kein Plakat, das für eine Theateraufführung oder ein Bier wirbt.

Wer mit Mr. Bloom durch die Stadt geht, sieht nicht nur, wie das Anzeigenwesen parallel zu seinem Siegeszug in der Welt des bedruckten Papiers den Stadtraum prägt, er bemerkt plötzlich die Tricks der Werbebranche auch dort, wo sie den Dingen nicht wie ein Markenzeichen aufgeprägt sind. Keine schlechte Idee, das mit dem Latein, denkt der Annoncen-Akquisiteur, während er beim Begräbnis eines Bekannten den Einsegnungen des katholischen Priesters zuhört. ¸¸Kommen sich gleich werweißwie viel wichtiger vor, wenn Latein über ihnen gebetet wird."

Mr. Bloom ist die Hauptfigur in einem Roman, der nicht seinen Namen trägt, sondern ¸¸Ulysses" heißt. Das ist ein Titel, der zu Mr. Bloom in einem ähnlichen Verhältnis steht wie das Feuilleton zum Anzeigengeschäft. So ein Titel ist natürlich ein Werbetrick. Mr. Bloom weiß das, und es macht ihm nichts aus. Er trägt den prätentiösen Titel so stoisch durch Dublin wie die armen Teufel unter den weißen Flaschenattrappen ihre Reklame für seine ehemalige Firma, Hely"s Ltd. Nur werden die armen Teufel schneller müde als er. An der Ecke Ponsonby bleibt eine erschöpfte weiße Flasche stehen, und es bleiben nur vier hochbezylinderte weiße Flaschen: E.L.Y."S.

Der Odysseus-Trick sichert Mr. Leopold Bloom seine steile Karriere bei den Philologen. Aber die bringt ihm nichts ein. Am unendlichen Netz seiner Verbindungen zu Homer und zur antiken Mythologie verdienen nur seine Interpreten. Er selbst, obwohl durchaus nicht ungebildet, bleibt bei seinem Leisten, bei Anzeigengeschäft und Werbung, der Mythenproduktion der modernen Gesellschaft. So wandert er durch die Stadt, ein Sandwichman zwischen Odysseus-Reklametafeln, ohne Odysseus-Narbe, aber mit Hilfe der elektrischen Straßenbahn fußgeflügelt wie Hermes, das Urbild aller Zirkulationsagenten, nach dem bis heute die Versandservice-Unternehmen heißen.

Man kann die Geschichte des Romans als die Geschichte seines Verhältnisses zum Papier schreiben, auf dem er gedruckt ist. So gibt es Romane, die das Papier zum Verschwinden bringen wollen, indem sie den Leser glauben machen, er sei in der Welt, von der ihm der Roman erzählt: er soll, verlockt von der Stimme des Erzählers, das Papier vergessen. Es gibt den Briefroman, der seine Druckseiten durchlässig erscheinen lässt, damit man hinter ihnen die Handschrift auf Briefpapier zu erkennen meint.

Spätestens mit Balzac, der in seine Comédie humaine die Geschichte der Industrialisierung der Druckerpresse hineingeschrieben hat, taucht hinter den Romanseiten die Zeitungsseite auf. Selbstbewusst machen die Romane von Charles Dickens mit ihrer Herkunft aus den Zeitungsspalten, in denen sie im Vorabdruck erschienen, Reklame. Im hemmungslosen Ausschlachten der modernen Medizin und Physiologie findet der Roman bei Emile Zola eine Antwort auf die Herausforderungen durch die ¸¸faits divers", den düsteren Reiz des Todes und der Liebeskatastrophen im ¸¸Vermischten" der Zeitungen.

Der ¸¸Ulysses" ist nicht nur ein Kompendium der frühen Moderne, in der das Telephon klingelt, das Grammophon spielt und die Schreibmaschinen hämmern. Er ist auch der Höhepunkt in der Geschichte jener Romane, die auf das Zeitungspapier hin durchlässig sind. Darum gratulieren wir Leopold Bloom mit einem Strauß von Anzeigen-Lektüren - und damit, dass die Titel aller Artikel im heutigen Feuilleton aus dem ¸¸Ulysses" stammen.

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