LiteraturDer Nachbar muss nicht bei allem nicken, was man sagt

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Das Wort „Heimat“, mit dem sich sowohl Reemtsma (l.) als auch Moderator Plasberg  schwertun, ist für Balcı weniger belastet.
Das Wort „Heimat“, mit dem sich sowohl Reemtsma (l.) als auch Moderator Plasberg  schwertun, ist für Balcı weniger belastet. Katja Tauber

Befeuern links und rechts die gesellschaftliche Spaltung gleichermaßen? Auf der Lit.Cologne sprechen Jan Philipp Reemtsma und Güner Yasemin Balcı über Heimat. Einige verlassen aus Protest den Saal.

Von Alexander Menden

Dass Menschen während einer Lesung bei einem Literaturfestival demonstrativ hinausgehen, geschieht nicht allzu häufig, das bemerkt Moderator Frank Plasberg ganz richtig. Und doch verlassen immerhin sechs Menschen den voll besetzten Zuschauerraum des Comedia-Theaters, als Güner Yasemin Balcı bei der Lit.Cologne aus einem Kapitel ihres Buchs „Heimatland“ vorliest, in dem es um die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2016 geht. Sie empfinden es offenkundig als zu starken Tobak, wenn Balcı sagt: „Statt einen solchen Vorfall als Anlass zu nehmen, offen über die Täter zu sprechen, wurde die Diskussion von einer weltfremden postkolonialen Antirassismus-Polizei schon im Keim erstickt.“

Nun würde es einen falschen Eindruck von diesen vielschichtigen anderthalb Stunden vermitteln, wollte man sie auf einen solchen Moment reduzieren. Aber er ist durchaus exemplarisch für ein breiteres gesellschaftliches Phänomen, auf das sowohl Balcı, Journalistin, Autorin und seit 2020 Integrationsbeauftragte des Berliner Bezirks Neukölln, als auch der andere Gast, der Publizist Jan Philipp Reemtsma, wiederholt verweisen: die zunehmende Unfähigkeit, sich Realitätseinschätzungen auch nur anzuhören, wenn sie nicht vollständig der eigenen entsprechen. Und, in diesem Fall, die Unwilligkeit, sich mit den möglichen Folgen der eigenen, als besonders tolerant empfundenen Haltung auseinanderzusetzen, was dazu führt, dass man gesellschaftliche Probleme ignoriert, um nicht als Rassist geschmäht zu werden.

Kräfte wie die AfD stellen aus Balcıs Sicht die größte Bedrohung dar

Im Zusammenhang mit der Kölner Silvesternacht, aber auch jüngsten Versäumnissen im Umgang mit der mutmaßlichen Vergewaltigung in einem Neuköllner Jugendklub, spricht Balcı von einem „Rassismus der niedrigen Erwartung“. Dieser rechtfertige solche Übergriffe durch arabische oder arabischstämmige junge Männer gleichsam dadurch, dass er ihnen die nötige Selbstreflexion zu deren Vermeidung nicht zutraue. „Man sagt dann: Die sind halt nicht so weit entwickelt“, so Balcı „und ignoriert damit die vielen arabischen Männer, die gegen ein solches Verhalten aufbegehren.“

Was Güner Balcı grundlegend von Autoren wie etwa Thilo Sarrazin unterscheidet, ist, dass ihre Kritik keine wohlfeile Empörungsrhetorik für ein nach völliger Abschottung trachtendes AfD-Publikum ist. Kräfte wie die AfD stellen aus ihrer Sicht die größte Bedrohung für jene Demokratie dar, deren Feinden die Autorin laut dem Untertitel ihres Buchs „die Zähne zeigen“ will. Gerade deshalb dürfe man ihnen nicht die Diskurshoheit überlassen.

Die Kritik der Autorin, Jahrgang 1975, wurzelt in einer Biografie. Sie verbindet die Erfahrungen eines Berliner Migrantenkindes der zweiten Generation mit denen einer Integrationsbeauftragten, die sich keinen geschönten Blick auf die Gegenwart leisten will und kann. Einer Gegenwart, in der rechte und linke Narrative gleichermaßen, wenn auch aus entgegengesetzten Richtungen, das gleiche Problem befeuern, nämlich gesellschaftliche Fragmentierung und Spaltung. Auf der einen Seite der Glaube, es sei „nur wichtig, dass alles schön bunt ist, egal was dahintersteckt“. Auf der anderen die permanent geschürte Furcht vor der überfremdenden Invasion. Beides ethnisch gedacht, daher beides falsch.

Balcı versteht Heimat nicht primär als Ort, sondern als Geisteshaltung

Das Wort „Heimat“, mit dem sich sowohl Reemtsma als auch Moderator Plasberg aus unterschiedlichen Gründen schwertun, ist für Balcı weniger belastet und anders konnotiert. Ihr gleichnamiges Buch ist eine Liebeserklärung an das Rollbergviertel in Neukölln, ein sozialer Brennpunkt schon in den Achtzigerjahren. Und doch Schauplatz einer „wunderbar unbeschwerten“ Kindheit in einer Siedlung „die am Ende dann doch wie ein Dorf funktionierte“. Und an ihre Eltern, aus dem anatolischen Bergland eingewanderte Aleviten, extrem hart arbeitende Menschen, die zunächst nur das nordwestiranische Zaza sprachen, ihre Traditionen aber nicht ihrer Tochter oktroyierten, sondern die Möglichkeit, eine „ordentliche Schule“ zu besuchen, als ungeheure Chance für sie betrachteten.

Balcıs Erinnerungen an ihre Kindheit zwischen Hans Rosenthal und alevitischer Volksmusik, die sich überwiegend auf der Straße abspielte und in der es die von ihr heute wahrgenommene Geschlechterapartheid im Viertel noch nicht gab, würden wie verklärende Sozialromantik klingen, spräche sie nicht zugleich sehr deutlich die damals schon herrschenden Missstände an – Missbrauch, Sucht, Gewalt, Armut. Dennoch alle Möglichkeiten zu einem erfolgreichen, selbstbestimmten Leben gehabt zu haben, rechnet sie ihren Eltern hoch an, aber eben auch der Gesellschaft, in der sie aufwuchs.

Balcı versteht Heimat nicht primär als Ort, sondern als Geisteshaltung. Als Werte, die sie mit anderen Menschen teilt, darunter die Freiheit, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen – aber genauso die, sich ihr nicht zugehörig zu fühlen.  Diese Freiheit ist jenen ein Dorn im Auge, die einem von Jan Philipp Reemtsma diagnostizierten „Gekränktheitskult“ anhängen, laut dem eben keine positiven Inhalte Gruppen konstituieren, sondern das Gefühl der ständigen Diskriminierung und Ausgrenzung. Es sei deshalb wichtig, die eigene Haltung nicht zu hoch zu hängen, findet der Sozialwissenschaftler: „Es ist nicht so wichtig, dass der Nachbar immer nickt, wenn ich was sage.“

Als Berliner Kind betrachtet Güner Balcı dagegen das ganze Land, in dem sie sich bewegt, als ihres. Ein, wie sie findet, wunderbares Land, in dem man mit Worten etwas bewirken könne: „Und wenn islamistische Faschisten, deutsche Nazis, Linke und andere verstrahlte Antisemiten deine Feinde sind, dann hast du alles richtiggemacht.“ Da gibt es dann doch ziemlich viel Applaus. Und niemand verlässt den Saal.

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