bedeckt München 24°

Liszt-Biographien zum 200.:Maskeraden des Superstars

Nach seinen Biographien über die Liszt-Tochter Cosima und sonstige Teile des Wagner-Clans sah der Verlag in Hilmes wohl eine sichere Bank, entsprechend schnell geschrieben wirkt das Buch. Liszts vielfältige Charakterbrechungen? Alles nur weitere "Maskeraden" des Superstars, um sich interessant zu machen. Dass Hilmes offenkundig nichts von Musik versteht, jedenfalls über keinerlei Vokabular für sie verfügt, erleichtert die Sache, weil er so die Intensität von Liszts künstlerischer Suche gar nicht erst ausbreiten muss.

Der Vorwurf der "Schauspielerei" ist nicht neu. Schon viele Zeitgenossen Liszts sahen in seinen zahlreichen Benefizauftritten nur PR. Dass Liszt finanziell wie immateriell stets großzügig war, sich aber um seine Kinder kaum je kümmerte - Cosima verzieh es ihm nie und suchte sich in Wagner den Ersatzvater -, lässt den Verdacht nicht ungerechtfertigt erscheinen.

Hilmes aber bietet nur den reißerischen Zug und den halbscheelen Blick von unten, den man aus den Biographien aktueller Popsternchen kennt. Die Leugnung des historischen Abstands führt zu vorschnellen Wertungen und mechanischen Psychologismen.

Dass die andere der beiden buchmarktträchtigen Neuerscheinungen aufs genaue Gegenteil zielt, zeigt ihr Titel ("Genie im Abseits") ebenso wie der erhaben posierende Liszt auf dem Cover. Schon auf dem Höhepunkt seiner Karriere, so der Autor Michael Stegemann, habe Liszt das Publikum immer wieder in eigenen wie fremden Stücken radikal mit seinem künstlerischen Anspruch konfrontiert.

Doch sei er zugleich "gefallsüchtig" gewesen. Schlüssig argumentiert Stegemann, dass Liszts Vater - Leopold Mozart steht da ebenso im Raum wie Joe Jackson - zu viele eigene Sehnsüchte auf das Wunderkind projiziert hatte.

Doch im Wesentlichen bleibt Liszt für den Musikwissenschaftler und Komponisten ein bis heute verkannter Musterfall von Originalität. In vielen Einschätzungen folgt Stegemann Lina Ramann, die in den vergangenen Jahrzehnten eher als problematische, weil distanzlose Quelle galt. Die Remythisierung gelingt, weil Stegemann unter allen Neuerscheinungen fraglos am brillantesten schreibt.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite