bedeckt München 22°

Liszt-Biographien zum 200.:Zwischen Trinker und Genie

Er war der erste Popstar unter den klassischen Pianisten. "Zur einen Hälfte Zigeuner, zur anderen Franziskaner". Wie schreibt man die Biographie eines umtriebigen Stars, in dem ein stiller Künstler steckte? Neuerscheinungen zum 200. Geburtstag von Franz Liszt.

Meine Biographie ist weit mehr zu erfinden als nachzuschreiben", sagte Franz Liszt zu Lina Ramann, als sie von 1874 bis 1894 an den drei Bänden der ersten profunden Biographie arbeitete. Nur welche? Die des glänzenden äußeren Lebens? Oder die innere eines Mannes, der immer wieder den Abstand suchte? Er sei, umschrieb der vor 200 Jahren in Ungarn Geborene, "zur einen Hälfte Zigeuner, zur anderen Franziskaner".

Franz Liszt

Franz Liszt 1886: ein Foto des französischen Fotografen Nadar (1820-1910)

(Foto: Getty Images)

Schon der 15-Jährige hatte sich nach dem Tod des Vaters für zwei Jahre aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. "Le petit Litz", wie die Pariser das Wunderkind genannt hatten, verschlang die Weltliteratur, vertiefte sich in Gebetsbücher und trank wie ein Loch.

Als gereifter Künstler kehrte er zurück. Die Phasen aus Verinnerlichung und Depression aber blieben lebenslang ebenso wie - erst die jüngsten Biographien thematisieren es - der Alkoholismus. Liszt sehnte sich nach dem kontemplativen Leben.

Darin war er, der Starpianist, ein wirklicher Künstler, ein ernstzunehmender Komponist. Und doch hielt er auch die Einsamkeit zuletzt nie aus, pendelte noch von Rom aus, wo er nun tatsächlich als Geistlicher lebte, regelmäßig nach Weimar und Budapest, zu seinen jungen Klavierschülern. Im "Faust", neben der "Divina Commedia" das Zentralgestirn seines intellektuellen Lebens, identifizierte er sich mit Mephisto wie mit der Zerrissenheit des Titelhelden.

Die Muster kennt man auch von Popstars der Gegenwart. Liszt, der als Erster allein nur mit einem Klavier auftrat, dessen Gestik und Mimik sich beim Spielen ins Wahnhafte verzückte, ist das role model nicht nur aller klassischen Pianisten bis heute. In der schrillen Filmphantasmagorie "Lisztomania" von 1975 spielt Roger Daltrey von The Who den Liszt. "Biographie eines Superstars" nennt denn auch Oliver Hilmes seine Liszt-Biographie. Belagerte Hotels, Ohnmachtsanfälle, von Liszt benutzte Taschentücher als Fetisch:

Die Lisztomanie - Heinrich Heine prägte den Begriff - unterschied sich tatsächlich in nichts. Außer dass Liszts schrillster Anzug wohl die ungarische Landestracht war, seit er, der überzeugte Kosmopolit, wie mit so vielem, was politisch en vogue war, auch ein wenig mit der ungarischen Nationalbewegung kokettierte. Dass er in Marie d'Agoult zur Aufregung halb Europas eine leibhaftige Komtesse entführte, dann aber mit ihr vom Sozialismus träumte, ist kein Widerspruch, sondern typisch für Liszts doppelten Kampf um Authentizität, die "natürliche" des Adels einerseits, die des Aufgehens in der Masse andererseits.Doch über solche Bezüge hat sich Hilmes gar nicht erst Gedanken gemacht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite