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"Omama" von Lisa Eckhart:Schau an, ein Proömium!

Kabarettistin Lisa Eckhart

Enorm gute Punchlines - und dazwischen leider viel Text: "Omama" von Lisa Eckhart.

(Foto: Hans Punz/dpa)

Kleiner Zwischenstand in der Debatte um die Kabarettistin Lisa Eckhart: Ihr Buch zumindest muss wirklich niemand lesen. Der nächste Streit wartet eh schon.

Von Jakob Biazza

"Lisa Eckhart muss sterben." Schmissiger Satz. Er kommt, natürlich, von Eckhart selbst, gesprochen gegenüber dem Spiegel und will sagen, dass die Kabarettistin, die Bühnenfigur also, demnächst womöglich der Schriftstellerin zu weichen hat. Wenn das wirklich passiert, hieße es: Abschiedstour mit Ende zwanzig. Neubeginn spätestens Anfang 30. Und bis dahin eine Karenzzeit, in der die Kabarettistin noch die Zigaretten verdient, die die Schriftstellerin rauchen kann.

Zur Kunstfigur, der versacegewandeten, gerade wieder etwas umstritteneren Kältekammer von einem Charakter, und der realen Person, die mit Nachnamen etwas anders heißt und vermutlich auch ein wenig anders auf die Welt blickt, wenn womöglich auch nicht sehr, gibt es nun also aktuell noch eine dritte Persona: die Autorin.

Die Autorin, so soll man Eckhart wohl verstehen, lebt ausschließlich in ihrem Werk - frei vom Schmutz und dem Gezeter der realen Welt. Frei damit auch von den Rassismus- und Antisemitismus-Vorwürfen, die man der Kabarettistin gerade macht. Die Trennung ist natürlich Unfug. Aber sie hätte viel Schönes, weil man das literarische Werk damit abseits vom lauten Buhei um seine Schöpferin betrachten und als das sehen könnte, was es ist: überflüssig.

In "Omama" reden und handeln fast nur Frauen

Wobei man festhalten muss, dass die Autorin Eckhart immerhin weniger von der Provokation lebt als die Kabarettistin. Sie, respektive die Erzählerin ihres Romans, hat stattdessen eine Oma, Helga, die in den Folgejahren des Zweiten Weltkriegs ihre Jugend durchlebt. Helga ist das Zentrum des Debüts, was "Omama" tatsächlich zu einem latent feministischen Roman macht. Es reden und handeln fast nur Frauen. Die Männer sind in Summe leidenschaftlich arbeitslos, blödgesoffen und nutzlos. Oder wie es da heißt: "Jede Mutter ist alleinerziehend. Insbesondere die mit Mann."

Und das wäre denn auch einer der sehr vielen, sehr schmissigen Sätze, die das Buch - einem Battle-Rap-Song gar nicht unähnlich - durchziehen: "Die Mutter würde ihrem Kind wohl auch den Muttermord verzeihen, wäre sie dazu noch imstande." Oder: "Womöglich hat man hier sogar das famose Problem um Henne und Ei. Was war zuerst da? Der Deutsche oder der Hass auf den Deutschen?" Menschen haben eine Nase "wie ein Aktienkurs, für den es sich lohnt, aus dem Fenster zu springen." Und in Wirtshäusern liegen "keine Zeitungen aus, weil eh jeder weiß, dass der Ausländer schuld ist."

Ein-Satz-Milieustudien. Die kann Eckhart sehr, sehr gut. Auch im Buch. Da ist zwischen den Punchlines aber leider sehr viel Text. Text, der vergisst, eine Geschichte zu erzählen.

"Helga, schnell, die Russen kommen!", hebt die fehlende Geschichte also an, und soll von dort aus wohl auch so etwas wie eine Groteske werden: Helga, die Oma mit der Aktienkurs-Nase, soll sich nämlich so auf dem Bett drapieren, dass der nahende Russe sie sieht und nicht ihre Schwester, die schöne, aber wirklich heillos dumme Inge, die sich unter dem Bett versteckt. Die hässliche Helga sitzt da also und "winkt und zwinkert, dass es der Sau graust", und die dumme Inge verrät sich mit ihrem Geniese. Und trotzdem wird niemand vom Russen "durchfaschiert", worüber alle dann doch ein bisschen traurig sind. Es folgen Landverschickung und unterschiedlich grausige Aushilfsjobs, mit denen die Schwestern die Schulden der Eltern abarbeiten müssen.

Und es folgen, leider, immer wieder traktathafte Zwischensequenzen, in denen Eckhart nicht mehr erzählt, sondern welterklärt. Und immer, wenn sie das tut, scheint plötzlich die Kabarettistin zu übernehmen, mit ihrem gestelzten Wesen und ihren Lexikon-Fremdwörtern, mit ihrer aggressiven Künstlichkeit und den Plastik-Extension-Sprachpirouetten.

Kommt das nächste Skandälchen vielleicht bald schon?

Von ihr selbst rezitiert funktioniert das. Auch, weil Eckhart neben anderem eine sehr unterschätzte Schauspielerin ist. Geschrieben liest sich die simple Information, Stuhlgang sei bereits direkt nach der Geburt nicht das Ihre gewesen, so: "Offenbar sah ich nicht ein, von der ausreichend unwürdigen Existenz eines uteralen Mitessers sogleich mit der nächsten Unzumutbarkeit des menschlichen Daseins konfrontiert zu werden - jener, fortan täglich zu koten, die herrlichsten Speisen zu Stuhl zu entstellen und in Scham zurückgezogen aus meinem Leib zu exorzieren." Sie schreibt dann nicht mehr, die Leute würden darum bitten, das Gesagte nicht weiterzutratschen. Sie schreibt "Das Proömium der Heimlichkeit, in welchem an Diskretion appelliert wird, hat einen reichlich inflationären Gebrauch zu beklagen."

Ein Proömium ist übrigens, der Duden weiß das, "eine kleinere Hymne, die von den altgriechischen Rhapsoden vor einem großen Epos vorgetragen wurde". Hieße hier womöglich: Das nächste große Ding kommt jetzt dann erst. Was gut möglich ist. Auf Twitter hat sich gerade die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel gemeldet. Sie fände "nicht alle witze von der eckhart schlecht", schreibt sie da, in Kleinbuchstaben. "z.b. der, den sie bei mir gefladert hat, der is schon ganz witzig." Darunter eine Zitatkachel, mit dem vermeintlich gestohlenen Kalauer: "Fast Food: Das ist keine Ernährung, sondern Ritzen von innen." Kein ganz naheliegender Witz. Unwahrscheinlich jedenfalls, dass zwei Menschen ihn sich unabhängig voneinander wortgleich ausdenken.

© SZ
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