Spielzeitbeginn am Berliner Ensemble:Im Wartesaal

Lesezeit: 3 min

Spielzeitbeginn am Berliner Ensemble: Der Alltag der Auswanderer ist nicht glamourös: Szenenbild aus "Exil" am Berliner Ensemble.

Der Alltag der Auswanderer ist nicht glamourös: Szenenbild aus "Exil" am Berliner Ensemble.

(Foto: Joerg Brueggemann/Ostkreuz)

Die Parallelen zur Ukraine erschließen sich auch ohne didaktische Hinweise: Luk Perceval inszeniert Feuchtwangers antifaschistischen Roman "Exil" am Berliner Ensemble.

Von Peter Laudenbach

Am Ende ist die Kunst die Rettung. Der vor den Nazis nach Paris geflohene moderne Komponist Sepp Trautwein packt allen Schmerz, das Heimweh, die Wut und den kleinen Rest Hoffnung in eine Symphonie. Das ist natürlich eine schöne Vorstellung: Die Musik selbst wird zum Exil und zum letzten Schutz vor einer grauenvollen Wirklichkeit.

Oliver Kraushaar spielt diesen Komponisten Trautwein in Luk Percevals Inszenierung am Berliner Ensemble als einen bayrischen Dickschädel, aufbrausend und trotzig und manchmal in Bierlaune sentimental. Man könnte sagen: Der Mann hält, was sein schnörkelloser Vorname Sepp verspricht. Der bairische Dialekt, mit dem Kraushaar ihn auf der Berliner Bühne gekonnt ausstattet, ist keine aufdringliche Folklore-Klischeedarbietung, sondern die sprachliche Fortsetzung von Sepp Trautweins Eigenbrötler-Anarchismus, ein Komponist wie ein Bauer, ein unkorrumpierbarer Trotzkopf, der nur seine Musik machen will.

In Hitlers Deutschland hat es ihn so geekelt, dass er die Professur in München hingeworfen hat und mit Frau (kraftvoll und klar und ohne einen einzigen falschen Ton: Pauline Knof) und Sohn (Jonathan Kempf) nach Frankreich geflohen ist: "Musik für Gemeine wird gemeine Musik", gute Kunst braucht gute Luft. Jetzt haust die kleine Familie in einer winzigen Absteige. 1935, im zweiten Jahr ihrer Flucht, ist das Exil nicht mehr heroisch, sondern schäbiger Alltag. Zermürbt vom endlosen Kampf um Papiere, um Arbeit, um ein bisschen Geld und etwas Würde ist das Leben der Emigranten vor allem elend.

Bei aller Kolportage ist Feuchtwangers Trilogie episches Breitbandkino

Trautweins Symphonie heißt wie Lion Feuchtwangers Roman-Trilogie, deren letzter Teil, "Exil", von Sepp Trautweins Leben in Paris erzählt: "Wartesaal". Sepp Trautweins Rückkehr zur Kunst nach aufgeregten Versuchen, als Redakteur einer Pariser Migranten-Zeitung selbst Politik zu machen, hat unübersehbare Parallelen zu Feuchtwangers eigenen Irrungen und Wirrungen: Nachdem er sich mit einem so naiven wie geltungssüchtigen Propaganda-Buch für Stalins heile Sowjetunion für alle Zeiten blamiert und um seine intellektuelle Reputation gebracht hatte, kehrte der Bestseller-Autor mit seinem "Exil"-Roman zum Kerngeschäft zurück.

Wie schon die ersten Romane der "Wartesaal"-Trilogie, der München-Roman "Erfolg" und "Die Geschwister Oppermann", ist das bei aller leicht kolportagehaften Figurenzeichnung episches Breitwandkino. Luk Perceval, einer der großen Geschichtenerzähler des europäischen Theaters, hat das am Berliner Ensemble sehr klar, schlackenlos und gerade in der Nüchternheit berührend inszeniert (Textfassung: Der Regisseur und die Dramaturgin Sibylle Baschung).

Die Bühnenbildnerin Annette Kurz benutzt Feuchtwangers Wartesaal-Metapher, indem sie die leere Bühne mit unzähligen einfachen Holzstühlen vollstellt. Im ersten Teil des Abends türmen sie sich neckisch zu einer Eifelturm-Silhouette. Danach sind sie die Möblierung des Dauerprovisoriums der Unbehausten auf der Bühne, die zwecks Atmosphären-Verdüsterung gerne in Nebel, Streiflicht und Halbdunkel getaucht wird.

Wie gut sich intellektuelle Eitelkeit und gediegener Opportunismus vertragen

Für Handlungsspannung sind Trautweins Gegenspieler zuständig, zwei Nazi-Mitläufer-Phänotypen aus dem Klischeebilderbuch. Für die grobe Variante sorgt Peter Moltzen, der sich über einen Offizier aus der deutschen Botschaft in Paris mit Freude am offensiven Knallchargen-Kabarett lustig macht. Facettenreicher und abgründiger ist Trautweins Kontrastfigur, der konservative Karriere-Journalist und Lebemann Wiesener (schön lässig: Marc Oliver Schulze). Der geschmeidige Zyniker fühlt sich als NS-Propaganda-Intellektueller für das gebildete Bürgertum prächtig.

Feuchtwanger zeichnet hier kaum verschlüsselt und sehr leicht erkennbar einen seiner Zeitgenossen, den prominenten Journalisten Friedrich Sieburg. Als Goebbels Pariser Presse-Lautsprecher gab er so elegant die Edelfeder für die gehobenen Stände wie nach dem Krieg als Star-Feuilletonist der FAZ. Auf der BE-Bühne führt er im Morgenmantel vor, wie nonchalant sich Lebensgier, intellektuelle Eitelkeit und gediegener Opportunismus vertragen.

Dankenswerterweise verzichtet die Regie auf Publikumsbelehrungen und Zeigefinger-Aktualisierungen. An die Not und Verzweiflung heutiger Exilanten aus Russland, der Ukraine, Iran oder aus Syrien, denkt man beim Zusehen auch ohne Querverweise. Als sich Trautweins Ehefrau, zerfressen vom Elend des Exils, auch von der Einsamkeit neben ihrem ichsüchtigen Künstler-Gatten, in einem sehr nüchternen, unsentimentalen Monolog zum Suizid wie zu einer logischen und unvermeidbaren Konsequenz entschließt, entwickelt die Inszenierung in aller Kitschfreiheit und Lakonie eine enorme Härte. Das Ende des Abends, Trautweins Rettung in die Kunst, wird dadurch böse grundiert: Der Suizid als Frauenopfer am Altar des männlichen Kunst-Genies.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusEnergiekrise in den Kulturinstitutionen
:Das Zittern ist berechtigt

Wenn es nur um ein paar heruntergefahrene Heizungen ginge. Aber der Kulturbetrieb als solcher scheint gefährdet. Droht in der Gaskrise am Ende eine Triage der Haushaltsmittel?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB