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Mit Gehstock, aber aufrecht: Lindsey Vonn in einem Kleid von Thom Browne auf dem Weg zur Met Gala.
Mit Gehstock, aber aufrecht: Lindsey Vonn in einem Kleid von Thom Browne auf dem Weg zur Met Gala. Lev Radin/ZUMA Press Wire/dpa

Die Reflexe um Lindsey Vonns Auftritt auf der Met Gala zeigen: Für viele ist es anscheinend immer noch verstörend, wenn eine Frau mit ihrem Körper macht, was sie eben will.

Von Sara Peschke

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Man hätte sie vor lauter Heidi Klum auch übersehen können an diesem Abend in New York, mit ihrem vergleichsweise schlichten Meerjungenfrauen-Kleid von Thom Browne. Das glitzerte im Blitzlichtgestöber auf dem roten Teppich der Met Gala zwar wie ein Eiskristall, schien aber sonst wenig zu tun zu haben mit dem überwölbenden Thema: „Fashion is Art“, Mode ist Kunst. Lindsey Vonns Auftritt stach trotzdem ins Auge – allerdings durch das, was in diesen Stunden des Glamours beinahe unsichtbar wurde. Man könnte auch sagen: Vonns Kostüm an diesem Abend war die Kunst der Unversehrtheit, und auf dem Dresscode-Memo, das einzig sie erhalten hatte, stand: „Come as you are“.

Ein schwarzer Gehstock und ein beim Posieren auf den High Heels dezent entlastetes linkes Bein erinnerten sachte daran, dass Ärzte noch vor wenigen Monaten darum gekämpft hatten, dieses Bein nicht amputieren zu müssen. Die 41-jährige Skirennläuferin war bei der olympischen Abfahrt in Cortina d’Ampezzo Anfang Februar schwer gestürzt und hatte eine komplizierte Schienbeinfraktur erlitten. Achtmal wurde sie operiert, auf ihren Social-Media-Kanälen kann man Vonns Weg der Heilung seither weitgehend lückenlos verfolgen, von der ersten Haarwäsche im Krankenbett in Italien über ihre Testfahrten mit einer Art Speedrollstuhl bis zu den ersten Gehversuchen Ende März. Genau zu der Zeit, in der sie sich wieder aus eigener Kraft aufrichten konnte, ließ sie ihr versehrtes Bein auf dem Cover der Vanity Fair aus einem dunkelblauen Abendkleid blitzen; Vonn ist längst eine Meisterin des Zusammenspiels von Körpereinsatz und Aufmerksamkeit.

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Weil sie natürlich selbst weiß: Die öffentliche Lindsey Vonn gibt es nicht ohne diese fast fetischhafte Fixierung auf ihren Körper, was auch mit dessen außergewöhnlicher Leistungsfähigkeit zusammenhängt, in guten wie in schlechten Zeiten. Sie hat viermal den Gesamtweltcup gewonnen, olympisches Gold in der Abfahrt, zwei Weltmeisterschaften. Nach mehreren Kreuzbandrissen hatte sie 2019 ihre Karriere eigentlich schon beendet, bevor sie mit 40 doch noch mal an den Start ging, mit einer Teilprothese im Knie, Ziel: Olympiasieg. Kurz vor den Olympischen Winterspielen riss sie sich bei einem Weltcup-Rennen wieder ein Kreuzband, sie trat an dem 8. Februar trotzdem an (nach der öffentlich breit geführten Debatte, ob sie das wirklich „dürfen solle“).

Man kann an dieser Stelle ohne weitere Argumente festhalten: Das ist mit den Körpern der allermeisten anderen Menschen nicht machbar. Ergo auch nicht vergleichbar. Und trotzdem gehen die Meinungen in den Kommentarspalten über Vonns Auftritt auf dem Roten Teppich auseinander. Als großes Vorbild für Beharrlichkeit und unzerstörbare Willenskraft gilt sie den einen, als Inspiration. Als schlechtes Vorbild, was reelle Erwartungen an die eigenen menschlichen Belastungsgrenzen und vernünftige Selbstfürsorge angeht, den anderen. Ja, es ist schwer, angesichts der Bilder, die sie allein in diesem Jahr in den Köpfen aller nur ansatzweise Sportinteressierten hinterlassen hat, diese Frau einfach Lindsey Vonn sein zu lassen. Sie nicht als Chiffre für etwas herzunehmen, das mindestens die halbe Gegenwart erklärt. Und, ja, sie selbst hat auf die Symbolkraft dieses Abends in New York hingewiesen – allerdings, und das ist der große Unterschied, nur für sich: „Das ist so etwas wie meine Wiedergeburt in der Gesellschaft. Ich darf unter Menschen sein, ein Kleid tragen, das wunderschön und feminin ist, und zum ersten Mal meine Krücken weglegen“, sagte sie.

Zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu stark, zu schwach, zu hart, zu weich, zu risikobereit, zu aufreizend, zu versteckt ...

Das ist schön für Lindsey Vonn. Gleichzeitig hat es in Wahrheit eben nichts mit irgendeiner anderen Frau auf dieser Welt zu tun. Oder mit irgendeinem Mann. Das zu akzeptieren, ist eine anspruchsvolle Übung, die sich am Fall Vonn aber besonders gut trainieren und dann universell anwenden lässt: Ein Frauenkörper, der in der Öffentlichkeit steht, wird noch immer primär als ästhetisches Objekt betrachtet, als eine Art Allgemeingut. Medizinische Ratschläge, die einen Frauenkörper betreffen, kommen selten ohne moralischen Gestus dahier; Kontrolle verkleidet sich gern als Fürsorge. Als Beispiele seien hier nur die Hysterie-Diagnosen im 19. Jahrhundert oder die heutigen Debatten über Sport in der Schwangerschaft genannt. Ein Frauenkörper wird für seine Stärke und Zähigkeit bewundert – Stichwort Geburt, Stichwort Schmerztoleranz –, aber sobald eine Frau diese Stärke selbstbestimmt und außerhalb der ihr zugewiesenen Räume einsetzt – Stichwort Lindsey Vonn –, sind diese nervösen Zuckungen zu beobachten: Ist das wirklich okay, was die macht? Passt es zusammen, dass sie diesen irren Sport treibt und sich dann wieder im sexy Abendkleid zeigt?

Ein Frauenkörper, der in der Öffentlichkeit steht, wird noch immer primär als ästhetisches Objekt betrachtet
Ein Frauenkörper, der in der Öffentlichkeit steht, wird noch immer primär als ästhetisches Objekt betrachtet Evan Agostini/Invision/AP/dpa

Schaut sie euch an, sie ist: zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu stark, zu schwach, zu hart, zu weich, zu risikobereit, zu aufreizend, zu versteckt ... Der Frauenkörper existiert nicht in dieser Welt ohne die ständig ausgesprochene Erwartung, dass die Frau, die in ihm lebt, ihn im Sinne einer pädagogischen Botschaft managt. Lindsey Vonn ist an diesem Abend als sie selbst gekommen – als eine Frau, die außergewöhnlich schnell wieder auf den Beinen steht, von denen sie eines fast verloren hätte, weil sie alles von sich verlangt hat. Nächste Woche, sagte sie noch, wolle sie zum ersten Mal wieder Treppen steigen ohne Krücken. Das sei sehr aufregend.

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